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Predigt Heilige Familie „Weihnachten 2021?“

Pfarrer Sven Johannsen, Lohr

„Wie wird Weihnachten 2021?“

Weihnachten_2021.pdf

Nein, Sie haben sich nicht verhört und ich habe mich nicht versprochen. Ich möchte über Weihnachten 2021 sprechen, nicht weil ich meine, dass wir möglichst schnell das diesjährige Fest vergessen sollten. Wir sind ja noch ganz am Anfang und ich habe noch große Hoffnungen für dieses Weihnachten, sogar die Hoffnung, dass wir noch singen werden, vielleicht erst am Ende, an Mariä Lichtmess. Ich möchte über das Fest 2021 reden, gerade weil wir mitten in einem außergewöhnlichen Weihnachtsfest stehen.

Was war anders?

Matthias Drobinski hat kurz vor dem Heiligen Abend in einem Beitrag für die SZ geschrieben: „Corona hat das bürgerliche Weihnachtsfest geschrottet“. Zunächst hatte ich die Befürchtung, dass hier wieder ein Abgesang auf die christliche Festkultur und die Kirche angestimmt wird, das soll ja mitunter in der Süddeutschen vorkommen. Aber dem war nicht so. Das war eigentlich zu erwarten. Denn der Autor ist zum einen sehr überlegt und zum anderen selbst Theologe und mit dem Thema auch vom inhaltlichen sehr vertraut. In seinem Artikel stellt er nüchtern fest:

Das Virus hat geschafft, was keine Macht der Welt bislang geschafft hat: Es hat das bürgerliche Weihnachten geschrottet. Es hat das wirkmächtigste Fest im weltweiten Jahreskreis einfach über den Haufen geworfen. Im Heimeligen und Gemütlichen hat sich das Unheimliche breitgemacht, grinsend sitzt es auf den Kästen voller Freude und Frieden, die man sonst einmal im Jahr aus dem Keller holt. Die Nähe ist zur Gefahr geworden, jede Sicherheit vorläufig.“(SZ 23.12.2020)

Das ist nicht zu bezweifeln: Corona hat Weihnachten 2020 nicht nur überschattet, wie ferne Katastrophen und Kriege sonst auch, es hat Weihnachten auf den Kopf gestellt, verändert.

Schon der Advent war eigentümlich. In der Regel wird er in unserer Kultur als Vorweihnachtszeit mit Feiern, Genuss und Geselligkeit begangen. In diesem Jahr gab es keine Konzerte, Weihnachtsmärkte und Betriebsfeiern.

War sonst am Morgen des Heiligen Abend hektische Betriebsamkeit in den Gaststätten und Geschäften, um noch die letzten Geschenke zu kaufen, herrschte in diesem Jahr bereits eine Woche vor eine eigentümliche Stille, die manchmal den Eindruck einer Gespensterstadt aufkommen ließ.

In den Familien galten zwar Lockerungen für das Beisammensein, aber dennoch haben viele auf Besuche z.B. bei den Großeltern am Heiligen Abend verzichtet. Intensiv musste man nachdenken, was jetzt zu welchem Zeitpunkt erlaubt ist. Das fing schon mit der einfachen Frage an, ob ich meine Tochter, die von ihrer Studienstadt mit dem Zug nach Lohr kam, noch nach 21.00 Uhr vom Bahnhof abholen darf oder ob sie lieber mal einen Schlafsack zum Übernachten mitbringen sollte. Das gipfelte in der Frage, wann und mit wem wir an welchem Feiertag das Mittagessen, den Kaffee oder das Abendessen organisieren, um zwar alle irgendwann zu sehen und dennoch die Regeln einzuhalten.

Selbst die Kirche wurde ordentlich aus der Bahn geworfen: Advent und Weihnachten sind noch mehr als Ostern die Zeit der Kirchenmusik. Nicht einmal mehr durch die Maske durfte gesungen werden. Die Chöre waren stumm: kein „Messias“, kein „Weihnachtsoratorium“, kein Adventskonzert der Stadtkapelle. Und der Beschuss im Vorfeld der Christmetten durch die Medien hat viele verunsichert. Auch wenn wir in Lohr noch zufrieden sein können, von den übervollen Gottesdienste der vergangenen Jahre waren wir weit entfernt.

Das traditionelle Weihnachtsfest war es 2020 wohl für niemanden. Aber ist es deswegen gleich „geschrottet“? Wenn das stimmt, dann stellt sich die Frage noch dringender: Wie wird 2021? Ein Revival von 2019 oder wird sich die Art, wie wir jetzt feiern, auswirken? Hoffentlich, und da bin ich mir sicher, nicht mit Maske und Gesangsverbot. Ich setze mein Vertrauen darauf, dass die Medizin das Virus in den Griff bekommen wird, und will nicht die Drohkulisse einer neuen Katastrophe an die Wand malen. Aber ich bin auch überzeugt, dass wir in einem Jahr nicht einfach nahtlos an 2019 anknüpfen werden und die Art, wie die Welt 2020 Weihnachten feiert, nachwirken wird.

Viele Familien es sehr bedauert haben, dass sie nicht so miteinander feiern konnten wie sonst. Viele werden alles daransetzen, dass es im nächsten Jahr wieder möglich wird. Andererseits gilt auch für manche die Regel: Wenn es einmal nicht war, dann ist eine Tradition endgültig abgeschafft. Wir leben in einer Singlegesellschaft und die Vorrangstellung der Familien, die lange selbstverständlich war, bröckelt mehr und mehr. Das wird auch an Weihnachten deutlich. Die Sehnsucht wird größer, für sich zu sein. Das wird auch Traditionen wie das Zusammensein am Heiligen Abend dauerhaft beschädigen. Ich kann die Eltern oder Großeltern auch an einem anderen Tag treffen.

Ich wünsche den Geschäftsleuten und Gastronomen, dass sie im nächsten Jahr nicht noch einmal so eine furchtbare Zeit vor Weihnachten durchmachen müssen,. Aber zugleich wird unsere Gesellschaft immer mehr bunt und multireligiös. Weihnachten ist schon lange für viele Menschen in unserem Land kein christliches Fest mehr. Es gab in den letzten Jahrzehnten in den Ansprachen und Werbungen einen kleinsten gemeinsamen Nenner, der Weihnachten zum „Fest der Liebe, der Herzen, der Familie und der Freude“ abstrahierte. Aber warum muss das unbedingt am 24.12. sein? In diesem Jahr war das, was noch alle verbunden hat, nämlich die Erfahrung von Nähe und Gemeinschaft, ausgesetzt. Warum sollte das einfach wieder eine Renaissance erfahren, wenn ich doch erlebt habe, dass man Weihnachten auch ganz schön auf andere Weise begehen kann. Immer größer wird seit Jahren die Gruppe, die am Heiligen Abend Urlaub suchen, ob als Individualtouristen oder mit einer Gruppenreise.

Als Vertreter der Kirche habe ich mir keine Illusionen gemacht über das schwindende Ansehen der Kirchen in unserem Land, aber ich gebe zu, dass ich doch erschrocken war über die teilweise hasserfüllten Angriffe auf die Gottesdienste zu Weihnachten. Ich meine jetzt nicht diejenigen, welche besorgt waren, ob sie als Ehrenamtlichen die Verantwortung übernehmen können, Gottesdienste in ihren Gemeinden zu organisieren, und dann entschieden haben, dass es nicht geht. Ich meine auch nicht Verantwortliche in Kirche, Politik und Medizin, die v.a. Risikogruppen geraten haben, den Gottesdienst über andere Medien mitzufeiern. Das war vernünftig. Ich ziele auf Kommentare und Mahnungen von Politikern, Zeitungen und anderen Medien ab, die sehr gut wussten, dass die Sicherheitskonzepte der Kirchen von der Leopoldina und dem RKI gelobt wurden, und dennoch eine Schreckenskulisse aufgebaut haben als wären in unseren Kirchen nur unverantwortliche Schurken am Werk, die die Menschen in ihre Veranstaltungen zwingen wollen, um sie unter Kontrolle zu haben. Ich bin mir sicher, dass viele Gemeindemitglieder, die in diesem Jahr aus Sorge auf die Teilnahme am Gottesdienst verzichtet haben, im nächsten Jahr wieder mit uns hier vor Ort in ihren Kirchen feiern werden, aber ich glaube, dass es übervolle Kirchen nicht mehr geben wird. Mancher, der nur aus Tradition an Weihnachten einen Gottesdienst besucht hat, hat in diesem Jahr die Bestätigung bekommen, dass man den Geburtstag Jesu auch ohne das Geburtstagskind feiern kann.

Weihnachten 2021 wird nicht die logische Nachfolge von 2019 sein. 2020 hat vieles, was eh im Bröckeln war, vorschnell geschrottet.

Warum es wichtig ist, am Ende der Festtage 2020 über Weihnachten 2021 nachzudenken? Weil wir gerade jetzt in der Veränderung stecken und weil jede Krise eine Chance ist. Das gilt auch für diese Tage.

Ich prognostiziere bereits heute, dass Weihnachten 2021 anders werden wird, stiller als in den Vorjahren, auch wenn wir nicht mehr von der Pandemie belastet werden. Die Stille aber kann Kräfte freisetzen, um nachzudenken. Ich glaube, dass wir die Chance haben, aus diesem Jahr zu lernen:

Die Gesellschaft kann lernen, die großen Themen „soziale Gerechtigkeit“, „Frieden“, „Bewahrung der Schöpfung“, „Geschwisterlichkeit“ und „Bekämpfung der Armut“ nicht nur als einen moralischen Nachsatz des weihnachtlichen Glanzes mitzusprechen, sondern sie ins Zentrum einer neuen Weltordnung zu stellen, wie uns Papst Franziskus unermüdlich mahnt. An Weihnachten steht nicht das Christkind mit einem Schlitten voller Geschenke im Mittelpunkt, sondern das Jesuskind, das arm und schutzlos in einem Stall zur Welt kommt und uns erinnert, dass in der gleichen Nacht Kinder zur Welt kommen unter noch schlimmeren Bedingungen.

Die Familien können lernen, dankbar zu sein für das größte Geschenk, das sie selbst füreinander sind. So schön es ist, wenn man im Glanz der Christbaumkugeln und inmitten von aufgerissenen Geschenken strahlende Kinderaugen sieht, so sehr ist es zu hoffen, dass wir die Tränen nicht vergessen, die in der Heiligen Nacht mancher vergossen hat, weil er die Eltern, die Großeltern, die Kinder oder Enkel nicht sehen konnte. Das war 2020 vernünftig. Für 2021 kann es uns lehren, uns noch mehr am Anderen zu freuen.

Die Kirche kann lernen, demütig zu werden und sich auf ihren Kernauftrag zu besinnen. Ich zähle mich selbst eher zu denen, die ein breites Angebot in den Gemeinden haben möchten. Aber wir haben in den letzten Tagen intensiv erlebt, wie wichtig vielen Menschen der Gottesdienst ist, egal wie sie ihn mitgefeiert haben. Die Feier der Liturgie ist in dieser Zeit, in der so viel Gemeindeleben nicht möglich war, wieder mehr als die Mitte der Kirche aufgestrahlt. Es hat mich stark beeindruckt, wie oft ich in den letzten Tagen gehört habe, dass die Messe für viele Menschen eine große Quelle der Kraft und Ermutigung ist. Es kommt nicht darauf an, dass die Kirchen an Weihnachten aus allen Nähten platzen, sondern dass für Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen die Feier der Geburt Christi zum Moment der Hoffnung und Zuversicht für ihr eigenes Leben wird. Dafür braucht uns die Welt.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich spreche hier nicht einer Vorstellung von einem reinen, ideal-christlichen Weihnachtsfest das Wort. Ich glaube nur, dass die Ratlosigkeit dieses Jahres auch die Einstellung zu Weihnachten generell ändern wird. Ich freue mich darüber, dass Weihnachten ein christliches Fest ist, das wir allen Menschen schenken. Christus wird ja nicht nur für eine begrenzte, fest umschreibbare Gruppe von Gläubigen Mensch, sondern für alle, die nach mehr Sinn und Tiefe im Leben suchen. Es wäre schön, wenn das auch weiterhin erlebbar bleibt.

Ich hoffe, dass Sie es ähnlich empfinden: Weihnachten 2020 war und ist keine Katastrophe trotz aller Schatten. Es wird nicht einfach vorbeigehen und wir werden es nicht einfach abhacken, denn es gibt auch in diesem Jahr Momente des großen Glücks. Sicher aber ist, dass dieses besondere Fest auch unser Feiern im nächsten Jahr beeinflussen wird.

 

So wünsche ich uns noch eine frohe Weihnachtszeit, wenn wir mit diesem Sonntag in den Alltag wieder eintreten. Möge das Kind in der Krippe uns mit seinem Segen stärken und ermutigen für das Kommende. Amen.

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