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Predigt 14. Sonntag i. Jk C - Hochfest der Frankenapostel

Lasst Christus zu euch sprechen.“ (Johannes Paul II)

14._Frankenapostel_Kilian_2022.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Über 52 Prozent der Unterfranken katholisch“, so titelte die Homepage des Bistums Würzburg am Montag. Die Schlagzeile klingt irgendwie wie die Einleitung zu einer Erfolgsmeldung. Über 52 Prozent Beteiligung würde sich mancher Verein bei einer Jahreshauptversammlung schon freuen und wenn man die Kommunalwahlen in unserem Land anschaut, könnte man so eine Zahl tatsächlich als positiv deuten. Jeder von uns weiß, dass der Schein trügt. Hinter der Überschrift verbirgt sich das Schrecken: Von den 1.320.093 Einwohner waren 2021 noch 689.537 Katholiken. 2003 waren es 871.749. Damals besuchten 19 Prozent der Katholiken im Durchschnitt den Sonntagsgottesdienst, heute sind es 5,2 Prozent. Die Zahlen, die uns von der Bischofskonferenz am Montag vorgelegt wurden, sind dramatisch. Fast 360.000 Menschen sind 2021 aus der katholischen Kirche in Deutschland ausgetreten. Natürlich sind die Erklärungen schnell gefunden. Bischof Franz hat in seiner Stellungnahme betont. dass er ebenso wie viele Katholikinnen und Katholiken verärgert und enttäuscht sei über „das problembeladene Bild, das wir als Kirche abgeben – in Deutschland, im Vatikan und in der Weltkirche. Es darf niemanden verwundern, dass derzeit viele Menschen der Kirche das Vertrauen entziehen und auch unserem guten Tun die Zustimmung versagen.“ (HP Bistum Würzburg v. 27.6.) Tatsächlich sind der Missbrauchsskandal, das Finanzgebaren und die mangelnde Gleichberechtigung für die überwiegende Mehrheit der Ausgetretenen der Anlass für ihren Schritt gewesen. Der Massenexodus hält auch weiterhin an. Bei vielen Standesämter sind die Termine wochenlang ausgebucht.

Aber sind die Fehler, die von der Kirchenleitung begangen wurden, wirklich der einzige Grund für diese Flucht aus der Kirche? Ich bezweifle, dass die Austrittswelle stoppt, wenn Papst Franziskus irgendwann die Weihe von Frauen zu Diakonen und Priestern zulässt. Ganz sicher ist die Kirche in vielen Punkte selbst schuld an der Entwicklung und verpflichtet, alles zu tun, um ihre Glaubwürdigkeit wieder zu erlangen. Aber dennoch gibt es da auch noch eine tieferliegende Gründe, die Kirche zu verlassen.

In einer Studie des sozialwissenschaftlichen Instituts der evangelischen Kirche über die Gründe des Kirchenaustritts bei Protestanten und Katholiken, die im März bereits erschienen ist, werden viele Aspekte beleuchtet. Natürlich gehören alle Fehler, die begangen wurden, dazu. M.E. darf aber auch eine wichtige Lebenshaltung vieler Getauften nicht übersehen werden. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass sie in ihrem Leben Religion nicht brauchen und mit dem Glauben nichts anfangen können. ( „Das Versagen der Kirche“ in FAZ vom 25.3.2022)

Dass sie die Kirche für ihr Leben nicht brauchen, gilt wohl für alle Ausgetretenen, aber dass ein so großer Anteil überhaupt keine Religion braucht, ist erstaunlich. Viele Ausgetretenen machen ja deutlich, dass sie aus dem „System Kirche“ austreten, aber nicht aus dem Glauben. Immer größer aber wird die Gruppe, die auch mit dem Glauben nichts mehr zu tun haben wollen. Ist das jetzt Wasser auf die Mühlen derer, die schon seit langem die Gesellschaft für „gottlos“ halten und die Rettung in einer „Verkleinerung“ der Kirche auf die wahrhaft noch gläubigen Getauften sehen? Das würde eklatant dem Auftrag Jesu widersprechen, der die 72 Jüngerinnen und Jünger aussendet, das Evangelium möglichst zu vielen Menschen zu bringen und ihm so die Tür zu öffnen. Ein solches Denken stellt auch die Sinnhaftigkeit des heutigen Festtages in Frage. Warum sind Kilian und seine Gefährten überhaupt nach Franken gekommen und haben sich bemüht, Menschen für Christus zu gewinnen. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, im Kloster in Irland zu bleiben und dort eine perfekte und heilige Gemeinschaft zu bilden? Als Kilian nach Franken kam, war zumindest im Herrscherhaus das Christentum schon bekannt. Was Kilian gelungen ist, so der historische Rückblick, war die Verankerung des Glaubens an den Gott Jesu im Leben der Menschen. Letztlich gelang es ihm, unseren Vorfahren zu erschließen, was die christliche Religion für ihr Leben bedeutet.

Ich denke, dass auch in unseren Tagen, die Bemühungen um eine Verbindung zwischen Glaube und Leben der Menschen die gleiche Energie verlangt wie notwendige Veränderungen in der Institution Kirche. Wie gelingt es uns, Menschen wieder zu der Erkenntnis zu führen, dass der Glaube an Gott ihr Leben bereichert?

Zunächst wohl, in dem wir vorleben, dass Glaube nicht zuerst heißt, dass ich glaube, dass es Gott gibt, sondern dass Glaube heißt: „Ich vertraue Gott in meinem Leben. Gott ist für mich von tiefster Glaubwürdigkeit. Ich vertraue Gott mein Leben an!“ Das kann ich einen anderen Menschen nicht lehren, das kann ich ihm nur vorleben. Man wird schnell an uns spüren, ob wir Gottes Existenz einfach nur zur Kenntnis nehmen, oder ob wir wirklich bekennen, dass wir ihn brauchen als Trost und Halt, als Sinn und Orientierung für unser Leben. Ich denke, dass das Menschen dem Heiligen Kilian und seinen Gefährten angemerkt haben und deshalb neugierig wurden auf den Gott Jesu, dessen „Frohe Botschaft“ sie verkündet haben. Auch wenn viele Menschen heute sagen, dass sie keinen Gott brauchen für ihr Leben, halte ich daran fest, dass es zahlreich schöne und schlimme Situationen im Leben gibt, die auch Fernstehende öffnen für die Erfahrungen eines Größeren, der ihr Leben übersteigt. Bei jeder Taufe erlebe ich es, dass auch hartgesottene Väter ihr Kind als Geschenk Gottes bejahen können. In Trauerfällen wird mir oft zurückgemeldet, wie hilfreich es ist, dass wir in der Kirche nicht nur den Lebenslauf des Verstorbenen rühmen, sondern von einer Hoffnung reden, die größer ist als unsere begrenzte Lebenszeit, und so den Trauernden einen Perspektive für die Zukunft geben. Auch wenn viele Menschen meinen, dass sie Gott nicht brauchen, bin ich überzeugt, dass sie doch dankbar sind, dass er genau dann verkündet wird, wenn alle menschlichen Überlegungen und Erklärungen nicht mehr ausreichen.

Das kann natürlich nicht heißen, dass wir einfach abwarten müssen, bis im Leben eines Menschen ein Ereignis eintritt, das gleichsam nach Gott ruft. Seelsorge will Menschen auch im Alltag offen dafür machen, dass wir mit Gott nichts verlieren, sondern immer nur reicher, sinnvoller und glücklicher leben können. Für mich prägend sind bis heute die Worte des Heiligen Papst Johannes Paul II, die er in seiner ersten Ansprache als Papst ans Ende stellte: „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!... Habt keine Angst! Christus weiß, »was im Innern des Menschen ist«. Er allein weiß es! Heute weiß der Mensch oft nicht, was er in seinem Innern, in der Tiefe seiner Seele, seines Herzens trägt. Er ist deshalb oft im Ungewissen über den Sinn seines Lebens auf dieser Erde. Er ist vom Zweifel befallen, der dann in Verzweiflung umschlägt. Erlaubt also — ich bitte euch und flehe euch in Demut und Vertrauen an —, erlaubt Christus, zum Menschen zu sprechen! Nur er hat Worte des Lebens!" 

Neben allen Bemühungen um Verbesserung unserer Glaubwürdigkeit sollten wir diese Bitte des Papstes „erlaubt Christus, zum Menschen zu sprechen!“ immer wieder als Gemeinde in unsere Dörfer und Städte tragen.

Gerade als Kirche vor Ort können wir das überzeugend tun, wenn man unseren Gottesdiensten, unseren Treffen und unserem Gemeindeleben anmerkt, dass wir nicht voller Angst ums Überleben kämpfen, pausenlos Strukturen verändern wollen und unsere wichtigste Sorgen den Finanzen gilt. Es ist klar, dass wir auch diese „weltlichen“ Probleme nicht aus dem Blick verlieren dürfen, aber zuerst sind wir da, dass Menschen hier anderen Menschen begegnen können, die den Gott Jesu als Antwort auf ihre vielen Fragen nach dem Sinn des wahren Lebens finden wollen. Ich bin immer noch überzeugt, dass unser Leben aus dem Glauben als Einzelne und als Gemeinde die beste Erfüllung der Sendung durch Jesus ist. Wenn Menschen in unserer Mitte spüren, dass hier die Türen offen sind für Christus und er uns wirklich Worte des Lebens schenkt, dann werden sie vielleicht nicht gleich wieder voller Freude in die „Institution Kirche“ strömen, aber sie werden für sich erfahren, dass die Gemeinschaft der Glaubende mit Gott in ihrer Mitte auch Antwort für ihre Fragen nach dem Sinn des Lebens ist. Amen. (Sven Johannsen, Lohr)

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