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12. Sonntag im Jahreskreis A – „Im Auftrag meiner Enkel“

Liebe Schwester und Brüder

„Denn eins ist sicher – die Rente“

12_Im_Auftrag_meiner_Enkel.pdf

Er wurde mit diesem Satz unsterblich: Norbert Blüm, der ehemalige Bundesminister für Arbeit und Soziales. Am Georgstag, 23.4., ist er gestorben. Norbert Blüm wurde 84 Jahre alt. Während der gesamten Regierungszeit von Helmut Kohl, 1982 bis 1998, gehörte er als Arbeits- und Sozialminister dem Kabinett an. Der Doktor der Philosophie galt als das soziale Gewissen der CDU.

Ganz ohne Zweifel war der kleine, bullige Mann, an dem Anzüge immer irgendwie fremd aussahen und der später wie ein Idealrentner wirkte, ein ganz besonderer Politiker, nicht nur weil er so lange neben Helmut Kohl ausgehalten hat wie kein anderer. Norbert Blüm war das Idealbild eines glaubwürdigen Politikers. Als Arbeitersohn aus Rüsselsheim und gelernter Werkzeugmacher kannte er die Werkbank genauso gut wie den Ministertisch als promovierter Philosoph und Theologe, der u.a. bei Josef Ratzinger studierte. Er war ein lebensfroher, menschennahe und zutiefst von christlichen Werten geprägter Politiker. Immer wieder hat er sich in spektakulären Aktionen und Reisen für Friedensinitiativen engagiert und auf die Not von Menschen hingewiesen, die oft in der westlichen Welt nicht gesehen wurde. Noch als 82-jähriger fuhr er auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise in das griechische Grenzdorf Idomeni und verbrachte dort eine Nacht, um Aufmerksamkeit für die Menschen in ihrer Not zu wecken.

2019 erlitt er eine Blutvergiftung und saß von da an gelähmt im Rollstuhl. Aber selbst da konnte er noch ohne Verbitterung auf sein Leben und seine Situation schauen. In einem Beitrag für die ZEIT sagte er: Eigentlich genieße ich einen privilegierten Status. Ich lebe wie Gott in Frankreich. Rund um die Uhr werde ich bedient.

Diese Bejahung des Lebens hat sein Wesen geprägt und sie hatte ihre Wurzeln sicher auch in seinem festen Glauben. Karl Marx ist tot, Jesus lebt – das war der Glaube des Herz-Jesu-Sozialisten, wie er oft genannt wurde.

Und es war kein Zweckoptimismus, es war eine Lebensbejahung. Vor einigen Jahren ist ein nachdenklicher, aber auch unterhaltsamer Film entstanden „Im Auftrag meiner Enkel – Norbert Blüm erkundet die Zukunft“

Das Rentnerdasein könnte so schön sein, wären da nicht die unangenehmen Fragen der jungen Generation. Man sieht zu Beginn des Filmes Opa Blüm mit seiner Enkeltochter auf einer Parkbank sitzen, wo er sich bittere Vorwürfe seiner Enkelin anhören muss: „Ihr habt uns einen Scherbenhaufen hinterlassen“, so die Teenagerin. Die Umwelt ist bedroht, die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, die weltweite Solidarität liegt am Boden. „Ihr habt meiner Generation die Zukunft geraubt.“

Eigentlich hätte der Opa alles Recht, beleidigt zu sein, aber Norbert Blüm packt sein Köfferchen, setzt die Batschkappe auf den runden Kopf und macht sich auf den Weg durch Deutschland, um die Zukunft zu erkunden. Hätte er damals, als er es konnte, nicht die Weichen anders stellen sollen?

Er trifft auf Menschen, die sehr unterschiedliche Einstellungen zu Verantwortung für die Zukunft offenbaren: eine schrille Millionärin, die reich wurde als Designerin von Schuhe und überzeugt ist, dass ihre Steuern den Armen mehr helfen als alles andere Engagement. Da treten Wissenschaftler mit innovativen Wohnideen und Wirtschaftsbosse, die im Grunde die Entwicklung für richtig halten, auf. Besonders humorvoll wird sein Besuch zum Couch-Surfing in Köln bei einem jugendlichen ATAC-Aktivisten, der dem erfahrenen Politiker ohne wirklich besseres Wissen schwere Vorhaltungen macht. Trotzdem bleibt Blüm und übernachtet auf einer Matratze im Wohnzimmer des jungen Schnösels. Eigentlich kein absoluter Erfolg. Da waren neben sehr vielen klugen Idee beängstigende Ignoranz und Selbstgerechtigkeit im Blick auf die Zukunft zu entdecken. Er sieht auch die Grenzen der Wirtschaft, die Zukunft zu gestalten. Dennoch schließt Blüm ziemlich zuversichtlich, dass noch nicht alles verloren ist. Er schreibt seinen Enkeln einen Brief, in dem er Bilanz zieht.

Ein Patentrezept für die Zukunft gibt es wohl nicht. Aber er gibt seinen Enkeln einige Einsichten weiter, die für ihn die Zukunft möglich machen, v.a. sich nicht auf Wohlstand und Geld zu fixieren. Geld ist nie das wichtigste im Leben. Vor allem seid euch nie genug. Ihr seid immer auf andere angewiesen. Bemüht euch, den Krieg zwischen Mensch und Natur zu beenden.

Warum erzähle ich Ihnen das so ausführlich? Sicher auch weil ich Norbert Blüm gemocht habe. Aber auch weil in dem Film und seinen Worten viel von einer christlichen Lebenshaltung zum Ausdruck kommt, die auch die Botschaft Jesu und der Bibel wie ein roter Faden durchzieht.

Christen sind nicht frei von Ängsten und Sorgen. Diese unmenschliche Leistung verlangt auch Jesus nicht von uns. Aber sie lassen sich nicht von ihnen bestimmen oder kapitulieren gar vor ihnen. Christen sind Menschen und Menschen haben Sorgen und Ängste.

Es gibt Vieles, was man fürchten kann:

Im persönlichen Bereich: Schicksalsschläge, Krankheiten, Trennungen, Misserfolge im Beruf. Es gibt viele Ereignisse, die unser Leben aus der Spur bringen können.

Im Blick auf Gesellschaft und Welt: Die Bedrohung der Schöpfung und die Hilflosigkeit des Menschen, v.a. auch die mangelnde Bereitschaft, den eigenen Lebensstil zu verändern; auch die Sorge, dass z.B. Lockerungen im Moment angesichts der noch immer bestehenden gesundheitlichen Bedrohung, zu früh kommen und erneut eine Welle von Infektionen losbricht.

Im Blick auf die Kirche: Ein Mitgliederschwund, der uns in die Minderheit führt; eine Erosion des Glaubens, die sicher nicht mehr zu leugnen ist; eine immer zunehmende Spaltung in Parteiungen, die die Einheit bedrohen. Letztlich die Gretchenfrage „Wie hältst du es mit Gott?“, die sich nie endgültig einmal beantworten lässt.

All das sind keine Wahnvorstellungen oder Verschwörungstheorie wirrer Alu-Hut-Träger. Es sind Sorgen, die viele Menschen belasten und auch reale Hintergründe haben. Sich Sorgen zu machen oder gar manchmal Ängste zu haben, ist durchaus mit der Bibel vereinbar. Oft bringen Menschen in den Psalmen ihre Ängste vor Gott: vor Krankheit, vor dem Tod, vor Betrug und Gewalt, vor Mächten und Gewalten, die wir nicht beherrschen. Oft klagen sie, dass sie sich sogar von Gott verlassen fühlen und schreien ihre Ängste hinaus. Denken wir an den Ps 22, den Jesus am Kreuz betete: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“

Zum Leben gehören Sorgen dazu. Alles andere wäre blind und verantwortungslos. Was Christen auszeichnet ist nicht eine vorgetäuschte Sorglosigkeit oder eine Art Dauerparty-Mentalität, sondern ein vernünftiger Umgang mit diesen dunklen Seiten der Welt und des Lebens.

Davor sprechen auch die heutigen Lesungen:

Jeremia hat Angst. Ihm, dem Propheten, der im Namen Gottes den Mächtigen die Leviten liest, wird Gewalt angetan und keiner hilft. „Grauen ringsum!“ Wie gerne würde er seinen „Job“ an den Nagel hängen und zurückkehren in das friedliche Anatot, wo er herkommt. Aber er stellt sich seiner Angst und blickt in die Zukunft. Dort sieht er Gott, „den gewaltigen Held“, der das Innerste des Menschen kennt und ihm Gerechtigkeit zukommen lassen wird. Das „Mobbing“ durch hinterhältiges Reden, Drohungen und Verleumdungen ist damit nicht zu Ende. Aber wenn er sich von ihm bestätigt und getragen weiß, dann wird er bestehen. Wir wissen, wie wichtig es für unsere Zukunft ist, dass Menschen uns bejahen und ermutigen, gerade wenn alles sich gegen uns zu richten scheint. Wie gerne würde man sich verkriechen und die Decke über dem Kopf ziehen. Aber so geht nur die Zeit vorbei, die Zukunft öffnet sich nicht. Nur wenn ich weiß, dass mir jemand den Rücken stärkt, dann kann ich auch eine ungewisse Zukunft meistern. Bei seiner Berufung hat Jeremia Gottes Versprechen bekommen, auf das er weiterhin bauen kann: „Sage nicht „Ich bin zu jung.“ Fürchte dich nicht. Denn ich bin mit dir und werde dich erretten.“ Sein Selbstwertgefühl erfährt Jeremia nicht aus Wohlstand, Sicherheit und Ansehen, sondern aus dem Vertrauen, sich in Einklang mit Gottes Willen zu befinden. So gestärkt wird er bei aller Angst seinen Auftrag annehmen und nicht scheitern.

Paulus, der gebildete Pharisäer, weiß um die Schwachheit und Todverfallenheit des Menschen von Anfang an. Er könnte ein Menschenfeind werden, der pessimistisch nur noch Unheil und Untergang ankündigt. Aber Paulus hat auch die Möglichkeiten Gottes in Tod und Auferstehung Jesu erkannt, so dass er weiß, der Mensch steht nicht am Rande des Abgrundes. Und selbst wenn er dort steht, dann hat Gott ihm eine Brücke in Jesus gebaut, die ihn sicher an die andere Seite bringt. Machtvoll wird er im gleichen Römerbrief verkünden: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8) Christen sind keine Welthasser, keine Unheilspropheten, die dem „Jammertal Erde“ keine Chance mehr geben. Sie sehen die tödliche Wunde, die seit Adam am Menschen haftet, aber sie künden von Rettung aus der Nacht des Todes, selbst wenn ihr eigenes Schicksal die Endlichkeit ist. Ich denke gerne an das Wort von Hans Küng, der als er gefragt wurde, was das Besondere des Christlichen Glaubens sei, antwortete „Die Hoffnung.“ Selbst, so Küng, wenn es kein ewiges Leben geben sollte, habe ich jetzt schon mit mehr Hoffnung gelebt als der, der nicht an Gott glaubt.

Und schließlich beschönigt das Evangelium die Erfahrung vieler Christen nicht: Zu keiner Zeit blieb der christliche Glaube ohne Widerspruch. Zu allen Zeiten mussten Nachfolger Jesu Gewalt und Verfolgung erleiden. Aber gerade diese Christen haben sich durch eine große Stärke im Glauben und durch eine große Hoffnung ausgezeichnet, nicht auf Rache und Vergeltung, sondern auf Annahme des Glaubens durch ihre Gegner ausgezeichnet. Immer wieder lesen wir davon in den Märtyrerakten der alten Kirche. In einer Zeit, in der der Glaube stark in die Defensive gerät, sind viele in der Kirchenleitung, aber auch vor Ort, geneigt, nicht aufzufallen, sondern sich möglichst angepasst an den Zeitgeist und politische Korrektheit zu zeigen, als systemkonform. Mir scheint es schon so, als hätten einige Bischöfe panische Angst, irgendwie negativ aufzufallen, weil die katholische Kirche Werte vertritt, die dem modernen Menschen nicht gefallen könnten, z.B. im Blick auf Lebensschutz oder Ehe und Familie. Kirchliche Verlautbarungen, gerade in unserem Land, sind in der Regel so formuliert, dass niemand sich daran stoßen kann, aber auch niemand wirklich mehr darauf aufmerksam wird. Die Angst in der Kirche ist so groß, dass man sich in ein Nischendasein zurückzieht und froh ist, wenn man nicht in die Schlagzeilen gerät, weil die ja meist negativ sind. Aber so geht auch nichts voran. Die Kirche, die nicht mehr von Gott spricht verliert ihre Seele. Wer aber seine Seele verliert, seinen Glauben und den Mut zum Bekenntnis, der verliert mehr als Ansehen und materielle Sicherheit. Er verliert die Gemeinschaft mit Gott. Und wenn Gott aus der Kirche auszieht, dann ist sie wirklich nur noch eine Behörde, die man wegrationalisieren kann.

„Fürchtet euch nicht“ – mutige Christen und eine mutige Kirche, die nicht blind sind für Sorgen und Ängste, aber sich nicht von ihnen lähmen lassen. Menschen, die zuversichtlich die Zukunft angehen, weil sie Gott vertrauen, der Herr ist über die Zeit und die Schöpfung. Eine solche Haltung strahlt aus und macht andere neugierig. Wir gewinnen als Christen mit unserer Glaubens- und Lebensfreude mehr Menschen als mit klugen Verlautbarungen. Wenn man spürt, dass wir wie Norbert Blüm, der im Auftrag seiner Enkel“ unterwegs war, im Auftrag des Herrn und der Menschen die Zukunft erforschen, wird die Welt auf uns aufmerksam und wird uns hören.

Der tschechische Priester und Philosoph Thomas Halik hat vor Ostern einem Beitrag für „Christ und Welt“ die leeren Kirchenbänke der Corona-Zeit als ein Bild für die Zukunft der Kirche gedeutet. Er schreibt:

„Vielleicht zeigt diese Zeit der leeren Kirchen den Kirchen symbolisch ihre verborgene Leere und eine mögliche Zukunft auf, die eintreten könnte, wenn die Kirchen nicht ernsthaft versuchen, der Welt eine ganz andere Gestalt des Christentums zu präsentieren. Zu sehr waren wir darauf bedacht, dass die ‚Welt‘ (die anderen) umkehren müssen, als dass wir an unsere eigene ‚Umkehr‘ gedacht hätten – nicht nur an eine ‚Verbesserung‘, sondern an die Wende vom statischen ‚Christsein‘ zum dynamischen ‚Christwerden‘

Ein Christsein, dass nicht den Bestand wahrt, sondern die Zukunft aus dem Vertrauen in Gott mitgestaltet, wird der Welt einen großen Dienst leisten und sich nicht selbst entleeren aus Angst vor drohenden leeren Kirchen. Nur eine furchtlose Christenheit wird auch in dieser Welt gebraucht, die zu oft droht, in Furcht vor der Zukunft zu versinken. Das ist unser Auftrag.

Noch einmal Norbert Blüm, der Rummelboxer des Glaubens, in einem Streitgespräch mit dem Atheisten Peter Henkel. Er stellt dem Vorwurf, dass die Kirche auch viel Unrecht getan hat, die Behauptung entgegen, dass „wir die Erben einer christlichen Kultur sind, welche die Welt ins Hellere gebracht hat. Die Frohe Botschaft ist jedenfalls freundlicher als fast alles, was das Christentum überwinden musste.“ Amen.

 

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