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Der Karfreitag der Kirche“

Sven Johannsen, Pfarrer - Lohr

2021_Karfreitag_der_Kirche.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Gestern, am 1. April, wurden vom Amtsgericht Köln die nächsten 1500 Termine freigeschaltet für Menschen, die im „heiligen Köln“ aus der Kirche austreten wollen. Um 9.00 Uhr waren alle Termine für Juni 2021 schon vergeben. Seit Monaten treten alle zehn Minuten drei Katholiken in Köln aus ihrer Kirche aus. Der Kirchenaustritt ist zweifelsohne nicht nur ein Versuch, Geld zu sparen, sondern eine Misstrauens-erklärung der Katholiken gegen ihre Kirche.

 

Der Karfreitag der Kirche

Wenn der Karfreitag mehr ist als eine Erinnerung an das historisches Ereignis der Kreuzigung Jesu, nämlich die glaubende Durchdringung der urmenschlichen Erfahrung von völliger Ohnmacht, Zusammenbruch und Sturz in den Abgrund, dann erlebt die römisch-katholische Kirche in unserem Land im Augenblick ihren Karfreitag. Es gab immer Kritik an der Kirche, unsachgemäße und wohlmeinende, aber ich kann mich nicht erinnern, dass die öffentliche Meinung auf allen Ebene jemals so kirchenkritisch, mitunter kirchenfeindlich, war wie zurzeit. Viele Menschen halten die Vertreter der Kirche für arrogant und herablassend, werfen ihnen vor, sich in alles einzumischen und nur ihre Privilegien und Besitzstände wahren zu wollen. Sie empfinden sich bevormundet von einer Kirche, die gerade in Blick auf Sexualität sehr wenig konform geht mit dem Zeitgeist. Viele Menschen akzeptieren auch nicht, dass eine Kirche, die kein gutes Bild abgibt in der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen, jetzt moralische Urteile über gleichgeschlechtliche Partnerschaften fällt. Vielleicht wäre es tatsächlich klüger gewesen, wenn die Glaubenskongregation auf angeblichen Anfragen mit dem Hinweis geantwortet hätte, dass man wirklich Wichtigeres zu tun hat als über diese Frage eine Aussage zu treffen. Das kann Rom sonst auch in anderen Fällen über Jahrhunderte hinziehen, wie z.B. die Rehabilitierung von Galileo Galilei. Für die Deutschen, und nicht nur sie, hat die Kirche jegliches Vertrauen verspielt. Sie ist in der öffentlichen Wahrnehmung zum Synonym für Heuchelei und Verlogenheit geworden, so dass viele gehen.

Die Welle von Köln schwappt nicht zu uns über, sie ist schon längst angekommen. Tag für Tag treten auch in Lohr so viele Menschen aus, wie noch nie zuvor. Das, was die Kirche in Deutschland gerade erlebt, hat Heribert Prantl, der ehemalige Chefredakteur der SZ und durchaus ein ausgewogener Beobachter der kirchlichen Wirklichkeit, eine „römisch-katholische Kernschmelze“ genannt. Es ist der größte Exodus von Katholiken, den es je gab. Fast schon fluchtartig laufen auch Menschen ihrer Kirche davon, die bisher nie an einen Austritt gedacht haben. Es ist nicht nur der Protest gegen die Vorgänge in Köln. Alle Gründe aufzuzählen, würde den Rahmen einer Predigt sprengen. Die Kirche in unserem Land schwebt in Todesgefahr. Bedeutungslos für das gesellschaftliche Leben ist sie schon geworden, wenn die Politiker es noch nicht einmal mehr für nötig erachten, vor der öffentlichen Bitte um eine Absage von Präsenzgottesdienste an Ostern in Limburg beim Vorsitzenden der deutschen Bischöfe oder in München beim Ratsvorsitzenden der EKD anzurufen. Leider hat man auch den Eindruck, die Bischöfe sind in eine Art Wachkoma gefallen. Man darf durchaus verwundert sein, dass in dieser Zeit scheinbar nichts wichtiger ist in unserem Bistum, als Strukturreformen durch Gremien und Räte zu bringen, die wir möglicherweise eh bald nicht mehr brauchen, weil in manchen Dörfern niemand mehr da sein wird.
Flucht, Entsetzen,
panische Angst, Trauer, Verlust, alle Erfahrungen des Karfreitags lassen sich im Augenblick ohne große Verdrehungen auf die Kirche in unserem Land übertragen.

 

Wo steht die Kirche am Karfreitag?
Wenn wir aber am Karfreitag stehen, dann stellt sich die Frage, in welcher Rolle findet sich die Kirche wieder?

Ist sie der Unschuldige, den man ans Kreuz schlägt?

Ist sie der zynische Statthalter, der menschenverachtend um sein politisches Überleben kämpft?

Ist sie unter den Jüngern, die aus Angst fliehen und den Herrn im Stich lassen?

Ist sie in der Gruppe der Treuen, die heute unter dem Kreuz aushalten?

 

Vielleicht findet sie sich tatsächlich in allen Rollen wieder.

Es gibt auch heute die leidende Kirche, die das Kreuz ihres Herrn mitträgt. Wir denken dabei schnell an alle Christen, die weltweit wegen ihres Glaubens verfolgt, unterdrückt, benachteiligt und getötet werden. Aber auch in unserem Land, in dem wir solche Repressalien nicht befürchten müssen, gibt es das Abbild des leidenden Christus in den Mitgliedern der Kirche: Das sind die die stillen Beter, die auch in Schmerz und Krankheit festhalten an ihrem Glauben, die Großeltern, die aus Angst vor Streit die oft überzogene Kritik und Witze ihrer Kinder und Enkel über Papst und Kirche ertragen und schweigen, und die vielen von uns, die sich entsetzt zeigen von oft blasphemischen Ausfällen in Kunst, Satire und Comedy über das, was uns heilig ist. Auch wenn es in der Öffentlichkeit nicht gerne gehört wird, nicht jede Kritik, die im Augenblick an der Kirche geübt wird, ist fair und berechtigt. Manchmal meint man, wenn es um die katholische Kirche geht, ist alles erlaubt. Bischof Ackermann hat in einem Interview mit der SZ die Polemik gegen Kardinal Woelki teilweise auch als „kampangenhaft“ bezeichnet. Es gehört auch zur Wahrheit, was der Unabhängige Beauftrage für sexuellen Kindesmissbrauch, Johann-Wilhelm Rörig feststellt: „Die katholische Kirche hat eine Vorreiterrolle, was die strukturierte Aufarbeitung angeht. Vor ihr ist im Moment keiner. Hinter ihr sind viele. (SZ 29.3.2021 https://www.sueddeutsche.de/politik/kirche-koeln-missbrauch-interview-1.5249387) In ihrem Windschatten halten sich andere große Kirchen, der organisierte Sport und andere gerne bedeckt. Es wurde seit 2018, als die große Studie über Missbrauch in der Katholischen Kirchen erschien, viel unternommen worden, v.a. auch im Bereich der Einbeziehung von Experten und Vertretern des Staates. In der Öffentlichkeit und auch in den Medien wird das gerne heruntergespielt, weil es dem Trend entgegenläuft, die Katholische Kirche undifferenziert an den Pranger zu stellen. Hier geschieht ihr auch Unrecht, ohne Zweifel.

 

Es gibt in unserer Kirche auch die Treuen, die sich auch angefragt sehen durch das, was geschieht, aber denen der Glaube so wichtig ist, dass sie aushalten, auch wenn alle gehen. Es sind die Beter und Gottesdienstbesucher, die wissen, dass sie ohne die lebendige Begegnung mit Christus in der Gemeinschaft der Gläubigen ihren Halt verlieren würden. Es sind Menschen, die sich einsetzen zum Wohl anderer und den Dienst der Fußwaschung aus christlichen Glauben ausüben, Menschen, die wissen, wie beschmutzt die Weste der Kirche ist, die auch nicht wegsehen, aber dennoch überzeugt sind, dass Kirche weiterhin die Heimat für ihre Seele ist.

 

Es gibt, wie oben ausgeführt, immer mehr auch diejenigen, die wie die Jünger am Karfreitag im Angesichts der grausamen Erschreckens flüchten, die verwirrt sind von all dem, was geschieht, und sich abwenden. Es sind Menschen, die durchaus guten Willens sind, aber in einer solchen Institution nicht mehr beheimatet sein wollen. Das ist auch zu respektieren.

Das Angesicht des Pilatus in der Kirche

Es gibt aber leider auch in erschreckendem Ausmaß die Kirche, die zynisch, überheblich und gewalttätig geworden ist wie Pilatus, die andere richtet und ans Kreuz schlägt wegen ihrer Art zu leben. Wir müssen gestehen, dass der Karfreitag der Kirche zu einem erheblichen Teil ihre eigene Schuld ist.

Menschen empfinden die Vertreter der Kirche herablassen, weil sie sie belehren wollen über das, was ihr Leben ist, und weil sie eine Sprache reden, die ermüdet und letztlich immer nur mitleidig Menschen, die anders sind, begegnet. Lesen sie einmal die Stellungnahmen unserer Bischöfe nach dem Schreiben der Glaubens-kongregation zur Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Die sind sicher ein Ausdruck ihrer Solidarität mit den Menschen, aber sie sprechen eine abgehobene Sprachen mit Begriffen, die vor verständnisvollem Mitleid nur so triefen. Aber genau das möchten Menschen in dieser Situation nicht. Sie sehen sich nicht bedürftig nach Mitleid. Sie wollen gleichwertig angenommen sein.

Die Nägel ihres Kreuzes hat die Kirche auch selbst geschmiedet: Abgehobenheit, Ausgrenzung, Weltfremdheit und vor allem der unzureichende Umgang mit der eigenen Schuld. Wer andere richtet, muss zunächst bei sich selbst aufgeräumt haben. Das schafft die Kirche in Deutschland seit zehn Jahren nicht restlos. Vertreter der Kirche sind schuldig geworden an Kindern und Jugendlichen. Sie haben Vertrauen missbraucht und Leben zerstört. Ganz sicher war der Missbrauch nicht systematisch, das hieße ja von Bistumsleitungen gewollt, aber die Vertuschung war es. Wenn Bischöfe Aktenordner „Mitbrüder im Nebel“ führen, Verbrecher nicht bestraft, sondern versetzt wurden, ganze Passagen aus Personalakten fehlen, dann sind das keine Ausrutscher, da steckt System dahinter. Seit zehn Jahren, seit im Januar 2010 die systematischen Missbrauchsfälle im Canisius-Kolleg in Berlin öffentlich gemacht wurden, scheinen wir nur in Trippelschritten weiterzukommen in der Aufklärung. Ohne Zweifel wurde viel in der Prävention entwickelt, aber in der Aufklärung erscheinen die Bischöfe zumindest schwerfällig. Köln ist ja erst der Anfang, viele Bistümer werden noch folgen. Das wird noch schmerzlich. Das, was die Kirche zynisch erscheinen lässt, ist die Diskrepanz zwischen ihrer Predigt über die Solidarität zu den Armen, Schwachen und Ohnmächtigen, und der langen Praxis der Kirchenleitungen, die Täter zu schützen und teilweise sogar Opfer zu diffamieren. Wenn Kardinal Meisner vor Jahren den des sexuellen Missbrauchs an seinen Schülern überführten und zurückgetretenen Wiener Kardinal Hermann Groer bei dessen Beisetzung mit dem unschuldig verurteilten Jesus verglichen hat, dann ist es leider nur der Gipfel des Eisbergs an Vertuschung und Verheimlichung. Wenn jedem, der so eine abscheuliche Tat verübt, klar ist, dass er sich damit automatisch selbst exkommuniziert, dann wäre es eindeutig, dass es Mitleid mit den Tätern nicht geben kann. Aber leider ist diese Klarheit noch nicht hergestellt. Die Kirche hat sich in dieser Zeit auch zum Pilatus gemacht, der das Leid des Unschuldigen zu verantworten hat. Auch wenn er sich selbst die Hände nicht schmutzig macht, muss er sie sich in Unschuld waschen.

 

Wie aber ist die Perspektive? Kreuz und Jona

Der Karfreitag kann auch für die Kirche nicht ewig dauern, wir hoffen auf einen Weg zur Auferstehung.
Letztlich symbolisieren die beiden Stationen der Karfreitagsprozession, das Heilige Kreuz und das Zeichen des Jona, für mich den Weg der Kirche.

 

Auch nach dem Karfreitag wird das Kreuz, das Zeichen des Todes, nicht verschwunden sein. Der Auferstandene wird die Wundmale immer an sich tragen. Die Hoffnung der Kirche kann es nicht sein, möglichst schnell dieses Tal hinter sich zu lassen und zu neuem Triumph aufzuerstehen. Es wird ein langer Weg mit dem Kreuz sein, mit dieser Erfahrung von Leiden und Schuld als Teil der eigenen Geschichte.

Das Kreuz ist nicht nur Leidenswerkzeug, sondern das Glaubenssymbol schlechthin. Die Kirche komm am Kreuz nicht vorbei. Sie hat nicht nur den Menschen davon zu sprechen, sondern es zu tragen, auch in ihren Vertretern, sonst verrät sie ihren Herrn. Ich denke manchmal, dass der Glaubensverlust die eigentliche Quelle ist, aus der das Böse in der Kirche kommt. Vertreter der Kirche haben ihren Glauben verloren und damit den Boden für ihr Verhalten und ihr Reden. Es geht um Strukturen und Selbstdarstellung auf allen Ebenen. Nicht wenige Priester sind enttäuscht von ihrer Entscheidung und von ihren Gemeinden, in denen sie ihrer Meinung nach zu wenig Anerkennung finden. Ihren Halt haben sie aber oft nicht mehr im Glauben an Christus als den Grund ihrer Berufung. Wenn aber das Fundament fehlt, dann wird der Verkünder haltlos werden und abstürzen. Es ist die Herausforderungen der Kirche, wieder die Nähe zu Christus zu suchen, nicht nur von ihm zu reden, sondern ihn selbst zu erfahren. Wenn wir Pfingsten den Geburtstag der Kirche nennen, dann ist der Karfreitag die Geburtsstunde, nämlich der Moment, in dem aus seiner Seite Blut und Wasser, die Sakramente der Eucharistie und der Taufe, entspringen. Vom Herzen des Gekreuzigten schöpfen wir unsere Kraft, von dem Christus, der Verrat, Enttäuschung, Ungerechtigkeit und Missachtung erlitten hat. Er trägt uns in unseren Schmerzen. Ich erlebe, dass Priester in ihrer Enttäuschung nicht mehr wirklich glauben können, aber letztlich ist doch der Gekreuzigte der einzige Rettungsanker, den ich in meiner besonderen Lebensentscheidung verlässlich habe. Ich bin überzeugt, dass eine Kirche, die wahrgenommen als „glaubensstark“ wird, auch wieder auf Menschen ausstrahlen kann.

 

Die zweite Figur, das Symbol des Jona, ist die Verheißung der österlichen Rettung. Das Besondere an Jona ist der lange Atem, der er braucht: Drei Tage sitzt er ohne jede Perspektive im Walfisch und ist danach auch nicht unbedingt ein euphorischer Hoffnungsmacher. Jona braucht einen langen Weg. Jede Sehnsucht in der Kirche, dass morgen alles wieder gut ist, ist naiv und irreführend. Es liegen quälende Monate und Jahre hinter uns, die den Abstieg der Kirche umreißen, und der Weg durch die Nacht wird noch anstrengend. Die Kirche am Karfreitag ist auch eine Kirche, die das Durchhalten und Aushalten lernen muss, nicht im Sinne einer Sturheit gegen die „bösen“ Menschen, sondern als demütige Kirche, die um den Schaden weiß, den sie angerichtet hat und was sie den Menschen schuldig geblieben ist, und dennoch das Vertrauen hat, dass Gott sie noch braucht.

Es gibt einen Weg in das Ostern der Kirche, auch wenn sie die Spuren des Karfreitags nicht mehr los wird. Bei der Vorstellung seines neuen Buches hat Thomas Halik diese Zukunftsperspektive für die Kirche am Karfreitag auf den Punkt gebracht und gesagt:

Wir sollten die Menschen begleiten, uns einfühlen und zusammen mit ihnen die persönlichen Antworten suchen. Wenn die Kirche das anbieten kann, dann habe ich keine Angst, dass die Kirche leer bleibt.“

 

Damit bleibt sie den Menschen unter dem Kreuz nahe und bringt sie in Begegnung mit dem Auferstandenen. Für nichts anderes ist ist geschaffen. Amen.

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