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Predigt Kirchweih - 32. Sonntag im Jahreskreis B

Die Kirche ist (k)ein Museum“

32._Kirchweih_Museen.pdf

Liebe Schwestern und Brüder,

Unsere Kirche ist kein Museum“, so kann man es manchmal beim Betreten von Kirchen lesen, z.B. im Eingangsbereich des Berliner Doms, einer der wichtigsten Gotteshäuser unseres Landes, in dem in der Regel die Gottesdienste gefeiert werden, die mit politischen und historischen Anlässen verbunden sind. Natürlich ist eine Kirche kein Museum. Sie ist ein Ort der Andacht, Stille und Gottesbegegnung, nicht zuerst eine Ansammlung von kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten, auch wenn die natürlich in unseren Kirchen eine wichtige Rolle für viele Besucher darstellen. „Die Kirche ist kein Museum“, selbstverständlich, aber auch etwas bedauerlich. Denn Museen sind spannende Orte geworden, die hunderttausende Menschen anziehen. In der vergangenen Woche war ich mit der Familie meines Patenkinds für drei Tage in Berlin. In dieser Zeit haben wir fünf Museen, aber nur zwei Kirchen angeschaut. Nicht dass ich vom Glauben abgefallen bin, aber ich muss gestehen, dass die Kirchen eher die Orte waren, die ein wenig „langweilig und muffig“ wirkten, auch wenn sie wunderbar renoviert sind. In den Museen dagegen war Leben. Im Jahr 2019 zählten die 16 Berliner staatlichen Museen mehr als 4 Millionen Besucher. Zum Vergleich: Im gleichen Jahr besuchten im Durchschnitt in ganz Deutschland rund 2 Millionen Katholiken an einem Sonntag den Gottesdienst. Momentan faszinieren Museen deutlich mehr als Kirchen. Das ist nicht nur der fortschreitenden Säkularisierung geschuldet, sondern hat wohl mit genialen Ideen der Verantwortlichen im Städelmuseum in Frankfurt, im Neuen Museum in Berlin oder auch in kleinen, lokalen Museen wie unserem Spessartmuseum zu tun. Wer in der letzten Zeit in einem Museum war, der hat gemerkt, dass es dort überhaupt nicht gezwungen und steif zugeht. Ein Museum ist kein Spielplatz, aber neugierige Kinder jeden Alters laufen dort von Station zu Station und erfahren durch ganz neue Formen der Museumspädagogik von unserer Kultur, Geschichte, technischen Errungenschaften und antiken Völkern. Schon lange sind Museen in der ganzen Welt keine Speicher von alten Bildern und Gegenständen, in denen man Wand für Wand, Vitrine für Vitrine abläuft, kurz anschaut und nach einer halben Stunde müde ist. Seit Jahren führen Filme und gut gemachte Audioguides gezielt zu herausragenden Exponaten. Aber heute wollen Museen mehr als nur interessant sind, sie wollen mehr als nur Wissen aufbereiten, sie wollen die Menschen, nicht nur Kinder, verstehen und erleben lassen. Es geht nicht nur darum zu zeigen, dass unser Haus die berühmtesten Ausstellungsstücke hat, sondern auch darum Zusammenhänge entdecken zu lassen und Begeisterung zu wecken für die Kulturen, Völker und Menschen, die sie geschaffen haben. Ich bin überzeugt, dass eine ähnliche Strategie auch unsere Kirchen attraktiver machen würde.

 

1. Verstehen und Zusammenhänge herstellen.

Dem Menschen einen Eintritt ins Denken derer eröffnen, deren Werke wir sehen. Dazu gehört die Biographie großer Künstler, die mit verschiedenen Medien aufbereitet wird, die historischen Hintergründe und gesellschaftlichen Strukturen, die es zu entdecken gilt. In diesen Tagen waren wir im Pergamonmuseum, vielleicht das berühmteste Haus auf der sog. Berliner Museumsinsel. Zur Zeit ist der eindrucksvolle Altar wegen Renovierungsarbeiten nicht zugänglich. Die Museumsleitung hat sich deshalb vor zehn Jahren ein faszinierendes Projekt einfallen lassen. In Zusammenarbeit mit dem Künstler Yadegar Asis entstand ein 360o Panorama in der Tradition der großen Dioramen. Sie müssen sich zunächst den Raum vorstellen: ein Kuppelbau mit einer Höhe von rund 30 Metern. In der Mitte steht ein hoher Aussichtsturm für die Besucher. Die ganze Kuppel ist von einem Gemälde umgeben mit einem Umfang von über 100 Metern. Darauf dargestellt hat Asis einen Tag im Jahr 129 n. Chr. in der Stadt Pergamon, an dem Kaiser Hadrian die Stadt besuchte. Der Künstler fuhr zunächst zu den Ausgrabungen in der Türkei, um ein Gefühl für die Landschaft und für das Leben in der Stadt zu bekommen, wie es eben nur vor Ort möglich ist. Dann malte er in 80 Szenen das Leben der Menschen an diesem Festtag. Vom Turm aus kann man auf den Vorplatz des Tempels und das Plateau der Akropolis schauen, sich neben Besucher stellen, die auf Einlass ins Theater warten oder in die weite Landschaft um die Metropole blicken. Plötzlich bekommt ein an sich sensationeller Fund wie der Pergamonaltar einen Sitz im Leben. Der Besucher ist eingebunden in das Markttreiben, die Spiele und Opferfeierlichkeiten. Warum schwärme ich davon? Weil ich manchmal glaube, dass uns die Texte, die wir im Gottesdienst hören, v.a. die Lesungen aus der hebräischen Bibel, fremd geworden sind. Wenn ich mich dem Text der heutigen Lesung nähere, dann ist nicht in erster Linie das Wunder des Elija wichtig, sondern die Situation der Witwe. Sie ist schon als alleinstehende Mutter unversorgt und gerät jetzt durch die Hungersnot in eine aussichtslose Lage. Dennoch ist sie bereit, den letzten Rest Brot mit dem Elija zu teilen. So weit ist das nicht von unserem Leben entfernt. Mich beschämt manchmal, wie wichtig es Menschen ist, die nur wenig haben, etwas abzugeben. Das eigentliche Wunder, der immer volle Mehltopf, folgt dem Wunder der gläubigen Menschenliebe, die keine Angst hat, sich zu verschenken. Bis in unserer Tage kann die Kirche auf Menschen verweisen, ob sie nun von Päpsten heiliggesprochen wurden oder nicht, die dieses Gottvertrauen der Frau nachahmen. Wir denken in den nächsten Wochen an solche Menschen: Martin, Elisabeth, Lucia u.v.m. Wir haben genügend Potential, Leben und Glauben zu verbinden, aufzuzeigen, was Menschen bewegt, die wie Martin eine Karriere aufgeben, wie Elisabeth sich zum Gespött machen oder wie Lucia voller Mut zum Helfen bereit sind. Sie erklären weit mehr als die Predigt eines Pfarrers, was Kirche wirklich ist, und lassen uns verstehen, welche Kraft Menschen durch alle Jahrtausende aus ihrem Glauben gezogen haben. Wie wichtig ist das in einer Zeit, in der man den Glauben unter Verdacht stellt, Menschen krank zu machen.

 

2. Erleben und sich anrühren lassen

Das Museum, das mich am stärksten beeindruckt hat, war das jüdische Museum. Die Ausstellungsstücke sind wertvoll und interessant, aber nicht das, was dieses Haus einzigartig macht. Dieser Ruhm kommt der Architektur zu. Der polnisch-jüdische Architekt Daniel Libermann schuf 2001 einen Zick-Zack-Bau, der mehr ist als ein Ort der Ausstellung. Er erzählt von den verschiedenen Stationen jüdischen Lebens in Deutschland mit seinen Höhepunkten und Katastrophen, nicht zuletzt von der Shoa. Von außen kann man in der ganz aus Titanzink hergestellten Fassade keine Geschossgliederung erkennen, außer einigen wenigen Lichtschächten. Im Innen hat man daher immer das Gefühl, unter der Erde zu sein, also in einer beklemmenden Atmosphäre. Keine Wand ist gerade. Die Zickzack-Mauern lassen an einen zerbrochenen Davidsstern oder einen zerstörenden Blitz denken. Das Gefühl von Verunsicherung und Desorientierung, das sich mit dieser Architektur verbindet, erzählt anschaulich von der wechselhaften Geschichte von Juden in Deutschland und lässt den Besucher spüren, wie Sicherheit und Wohlergehen mit schlagartigen Brüchen und Katastrophen die 1700 Jahre jüdischer Präsenz in unserem Land geprägt haben. Es kommt nicht mehr auf Erklärungen an, sondern auf das Erleben und sich einlassen. Besonders wichtig sind Libeskind die „Leerstellen“. Am Ende einer Achse steht der sog. Holocaust-Turm, ein 24 Meter hoher, dunkler und kalter Gedenkraum, in den nur durch eine Spalte in der Decke Tageslicht eindringt. Eine beklemmende Erfahrung, die an die Nacht erinnert, durch die die jüdischen Brüder und Schwestern gehen mussten. Libeskind hat hier keinen Gedenkort für den Holocaust geschaffen, sondern eine „entleerte Leere“, eine Selbstwahrnehmung jüdischer Menschen, v.a. auch nach dem Krieg, im Blick auf ihren Glauben, ihre Heimat und ihre Zukunft. Ähnlich lässt die Installation Shalechet, gefallenes Laub, in einem Leerraum das Grauen von Krieg und Gewalt erfahrbar werden. Über 10.000 Gesichter mit aufgerissenen Mündern, aus schweren, runden Eisenplatten geschnitten, bedecken den Boden im Erdgeschoss. Es geht nicht nur um Zahlen, Daten und Fakten, sondern um Empathie, sich Einfühlen in Menschen, die es erlebt haben.

Unser Glaube ist auch mehr als eine Ansammlung von Geboten und Lehrsätzen. Jesus verlangt heute von den Menschen, die um in stehen, sich in die Frau hineinzuversetzen, die am Opferkasten ihr ganzes Geld gibt. Glaube braucht Erfahrung. Ich kann nicht sagen, dass ich an Gott glaube, weil ich jeden Sonntag in die Kirche gehen und viele Bücher gelesen habe. Ich möchte seine Gegenwart erleben. Darum geht es in unseren Gottesdiensten. Ob die Kirchenmusik, ob der Blumenschmuck, ob die Mühe, die Küster und Ehrenamtliche in die Unterhaltung unserer Kirchen stecken, sie müssen spürbar sein. Die Mauern unserer Kirchen sind nicht nur aus getünchten Wänden hergestellt, sie bestehen vor allem aus den Gebeten von Menschen unzähliger Generationen, die hier geklagt, geweint, gefleht, gedankt, gelobt und v.m. haben. Ein Glaube, der spürbar wird, wird einladend. Dazu braucht es Ideen. Ich denke an Installationen, Kunstwerke, die Begrüßungsbroschüre oder auch die Möglichkeit, über das Handy Audioinformationen abzurufen. Vor allem aber braucht es eine lebendige Gemeinde, die hier ihre Spuren hinterlässt. Menschen spüren, ob wir in diesem Gotteshaus ein Obdach für unsere Seelen finden oder alte Steine pflegen.
Deshalb aber ist die Kirche tatsächlich kein Museum: Sie gibt nicht nur Einblick in Ritus und Glaubenstradition, sie schafft Begegnung mit dem lebendigen Gott in unserer Mitte, die uns verändert, ermutigt und bewegt.

Dafür haben Generationen vor uns Menschen dieses Haus für Gott errichtet. Und bei aller Schönheit, auf die wir stolz sind. Mehr noch dürfen wir Hoffnung für die Zukunft unserer Gemeinde haben, wenn wir selbst uns als lebendige Steine zum Haus Gottes aufbauen lassen. Amen.

Sven Johannsen, Lohr

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