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„Martin - Licht in einer umnachteten Welt“

Pfarrer Sven Johannsen, Lohr

 Martin_2020_Martinszug.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

In diesem Jahr werden wir sie wohl vermissen: Die Martinszüge in unseren Dörfern und Städten. Jahr für Jahr ist es immer eine besondere Freude für viele Menschen, wenn die Kinder mit ihren Laternen durch das Dorf oder durch die Hauptstraße ziehen. Das geht in diesem Jahr unter den aktuellen Bedingungen meist nicht. Natürlich hat Licht immer eine große Faszination in der dunklen Jahreszeit. Wir erleben in diesen Monaten viele Lichtinstallationen und beeindruckende Leuchtobjekte in den Straßen und an den Häusern. Und doch unterscheidet sich der Martinszug: Es ist kein künstliches Licht, kein Scheinwerfer, der aus dem Off im Dunkel aufblitzt, sondern ein Licht, das aus der Nacht selbst herauskommt und aus ihr heraus strahlt.
So schön die Tradition des Martinszugs ist und wir uns an den Laternen und am Singen der Kinder freuen, so tief ist auch der geistliche Hintergrund dieses Lichterumzuges. Manchmal wird behauptet, dass er heidnischen Ursprungs sei, aber das ist Unfug. Die Tradition des Martinszuges erinnert an die alte christliche Praxis, einen Festtag bereits am Vorabend mit einem Luzernarium, einer Lichtfeier, während derer feierlich die Kerzen entzündet wurden, zu beginnen. Oft waren diese kleinen Abendgottesdienste mit einer Prozession mit Kerzen verbunden.

Möglicherweise aber dürfen wir uns beim Martinszug auch an zwei mit dem Heiligen verbundene Legenden erinnern.
Martin starb bereits am 8.11.397 auf einer Missionsreise.  Seine Mönche brachten seinen Leichnam auf der Loire nach Tours, wo er drei Tage später erst beigesetzt wurde - daher der Gedenktag am 11. November. Auf der 40 Kilometer langen Strecke sollen in dieser Nacht die Ufer zu neuem Leben erwacht sein, ein Meer weißer Blüten habe den Fluss gesäumt.

Eine andere Überlieferung berichtet, dass Severin, der Bischof von Köln, und sein Erzdiakon in der Sterbestunde des Heiligen Martin die Engel im Himmel singen hörten. Severin erklärte dem Diakon den Grund: „Es ist der Herr Martin, der aus der Welt geschieden ist, und die Engel tragen ihn jetzt zum Himmel.“

 

In frühester Zeit schon waren die Menschen von Martin fasziniert, weil sie in ihm eine Lichtgestalt für eine dunkel gewordene Welt erkannten. Auch daran erinnert das Brauchtum des Umzugs an seinem Festtag. Der Martinszug in den dunklen Straßen inszeniert kein Licht, das wieder verschwindet, sondern erinnern an das Licht, das in einer umnachteten Welt aufleuchtet durch Menschen, die Jesus „Kinder des Lichtes“ nennt. Zu ihnen zählen seit der Taufe auch wir.

Der Benediktiner David Steindl-Rast hat das Wort von einer „umnachteten Welt“ geprägt. Es beschreibt eine Welt, die nicht von der Finsternis verschlungen und besiegt ist, aber die das Dunkel fest im Griff hat. Es ist keine hoffnungslose, verlorene, aber eine ängstliche und verwirrte Welt. Wir erleben auch heute die Schatten einer umnachteten Welt:
Angst vor Terror und Anschlägen, wie zuletzt in Wien, Paris und Nizza,

  • Angst vor gesundheitlichen Gefahren, Seuchen und Katastrophen
  • Angst vor Unübersichtlichkeit, die uns orientierungslos sein lässt.
  • Angst vor dem Tod

Das Bild von der Welt, die umnachtet ist, ist für mich sprechend: Es ist keine Welt, die am Abgrund steht, die wir verteufeln dürfen als „böse“ und „finster“, also ein Ort, den man verabscheuen müsste, ein Jammertal, aus dem man fliehen muss. So würden wir dem Guten in der Welt nicht gerecht werden, um das sich Menschen unabhängig von Religion und Glaube oder Nichtglauben bemühen. Sie ist von der Finsternis aufgesogen, das machen die Lichter deutlich, die noch in der Nacht aufstrahlen können: Menschen, die leuchten und Lichtblicke sind,  Heilige, Helfer, Idealisten.

Aber die Welt ist umnachtet, von vielen dunklen Schatten eingehüllt. Wir erleben es, wie das Dunkel in Form von Umweltzerstörung, Elend, Armut, Terror, Angst und Gewalt unsere Welt zu oft gefangen nimmt. Es ist nicht unsere Aufgabe als Kirche, den Menschen ständig die Dunkelheit zum Vorwurf zu machen, sondern im Gegenteil zu leuchten und Licht zu entzünden. Das fängt aber damit an, dass wir uns selbst als Kirche in der Welt verstehen und damit als Teil einer Menschheit, die oft genug im Dunkel lebt, aber, das ist der Unterschied, der Kirche ausmacht,  ohne die Angst, in ihr unterzugehen. 

David Steindl-Rast verknüpft diesen Gedanken vom Licht in einer umnachteten Welt mit einer Gebetszeit der Mönche, der Vigil oder Matutin, die traditionell zwischen Mitternacht und Tagesanbruch gebetet wird, also eine Gebetszeit, die immer im Dunkel stattfinden muss. Für ihn ist die Nacht nicht so sehr das Bild von Angst und Verwirrung, als vielmehr Hinweis auf die Geheimnishaftigkeit Gottes. Er lädt ein, „sich der Nacht hinzugeben und trotz der großen Furcht, die sie einflößen kann, auf die Dunkelheit zu vertrauen.“ Denn, so sagt es der Johannesprolog, „das Licht leuchtet in der Finsternis.“ Es leuchtet nicht wie eine Taschenlampe oder ein Scheinwerfer, die von außen in die Finsternis hineinstrahlen, sondern wie eine Martinslaterne, die ihr Licht aus der Mitte der Finsternis verbreitet. Unser Glaube wartet nicht auf das Licht von außen, das irgendjemand anschaltet, sondern glaubt, dass durch die Menschwerdung Jesu und durch das Leben von Menschen in der Nachahmung Jesu die Finsternis selbst leuchten kann. In uns brennt schon das Licht, das die umnachtete Welt erhellen kann, wenn wir nur in rechter Weise dem Wort Jesu trauen: „Ihr seid das Licht der Welt. Stellt euer Licht nicht unter den Scheffel.“ Wenn Menschen im Dunkel zu versinken drohen, dass sagen sie „Es ist aussichtslos“. Sie haben also keine Aussicht mehr, sie sehen nicht mehr, wie es in einer Krisensituation oder schlimmstenfalls in ihrem Leben weitergehen könnte. Da ist kein Licht am Ende des Tunnels. In dieses Empfinden von Aussichtslosigkeit sollen wir Licht bringen und damit Perspektive. Licht schafft Durchblick, das ist unsere Aufgabe aus dem Glauben heraus.

Welche Lichter können wir Christen entzünden in einer umnachteten Welt?

  • Das Licht der Weisheit oder die Fähigkeit, die Dinge und die Welt mit den Augen Gottes sehen zu können, wie es Papst Franziskus sagt. Auf der Homepage der Erzdiözese Wien wird diese Fähigkeit treffend erklärt:

„Weise zu sein, bedeutet nicht, intelligent und wissend zu sein. Weise Menschen entscheiden nicht „aus dem Bauch heraus“, lassen sich nicht von Emotionen leiten, sind nicht von Missgunst, Neid, Hass oder Egoismus erfüllt. Weise Menschen unterscheiden zwischen Gut und Böse, zwischen Richtig und Falsch. Der Geist Gottes schenkt ihnen die Gabe, dass sie bei einer wichtigen Entscheidung ihre Alternativen „mit den Augen Gottes“ sehen und die richtige Entscheidung treffen. Mit alltäglichen Worten gesagt, weise Menschen entscheiden besonnen und greifen auf ihre Lebenserfahrung zurück. Sie suchen nach der bestmöglichen Lösung, von der alle, und nicht nur sie alleine, profitieren.“ (https://www.erzdioezese-wien.at/die-7-gaben-des-heiligen-geistes-die-gabe-der-weisheit)

 

  • Das Licht der Hoffnung oder die Fähigkeit, über uns hinauszu-denke, wie es die Lesung aus dem ersten Brief an die Gemeinde in Thessaloniki nahelegt: Wir sind endlich. Unser Schicksal ist die Vergänglichkeit. Diese Tatsache macht traurig und verfinstert auch unsere Lebensfreude. Aber wir trauern anders, nicht wie Menschen, die keine Hoffnung haben. Wir leiden unter dem Schmerz der Trennung durch den Tod im irdischen Leben, aber wir wissen auch, dass unsere Verstorbenen bereits im Licht der göttlichen Herrlichkeit sind. Wir können leichter leben und sterben mit einer großen Perspektive, die über alles hinausgeht, was wir hier auf Erden erreichen können.
  • Das Licht der Wachsamkeit oder die Fähigkeit, Gottes Spuren zu entdecken: Wir sind nicht „Gott los“ geworden. Sicher wird an vielen Stellen in der Welt das große Drama des Menschen deutlich, mit seinem Denken so viel zu durchdringen, dass er versucht ist zu glauben, Gott nicht mehr zu brauchen. Aber es ist gerade unser Verstand, unsere Fähigkeit zur Vernunft, die uns auch leitet zu bejahen, dass wir aus uns allein die Wirklichkeit nicht erklären können. Sie führt uns heraus aus einer magischen Angst vor dem Schicksal oder dem Zufall, aber die Vernunft führt uns nicht weg von Gott, sondern zeigt uns um so schärfer, wohin wir schauen müssen, um sein Spuren zu entdecken. Die Wachsamkeit für Gott in unserem Leben und in unserer Welt, wie es das Evangelium nahelegt, bestätigt uns die Größe unserer Möglichkeiten, aber sie versichert uns auch: Wir leben in unruhigen und unsicheren Zeiten, aber einen Trost haben wir: Wir stehen nicht allein da.

Wir feiern heute auch den Kirchweihtag in unserer Stadtpfarrkirche, der traditionell mit dem Martinstag verbunden ist. Was Menschen in diesem Gotteshaus immer sehr anspricht, ist die Helligkeit. Ganz bewusst wird hier der Gegensatz zwischen Dunkel und Licht eingesetzt. Wir kommen herein zum Westportal, dem dunkelsten Ort der Kirche. Früher gab es noch nicht einmal eine Lichtöffnung über dem Portal. Wer also die Kirche betrat, stand zunächst im Dunkeln. Er brachte seine ganze Erfahrung aus dem Leben in der Welt mit, das ja im 15. / 16. Jahrhundert noch viel mehr von der Angst und Not geprägt war. Aber im gleichen Moment des Betretens öffnet sich der Blick in den lichtreichen Chor mit seinen bunten Fenstern, die das Licht des Himmels hereinlassen und es in vielen Farbtönen brechen und spiegeln. Vom Osten, also der Himmelsrichtung der aufgehenden Sonne und der Auferstehung, kommt das Licht in die Welt. Noch heute erleben wir das, wenn wir die Messen am Sonntagvormittag feiern. Dann ist unser Raum, unser Gotteshaus in der Welt oft so lichtdurchflutet, dass wir gar kein künstliches Licht brauchen. Unsere Kirche wird zum Haus des Lichtes und macht uns als ihre lebendigen Steine zu Kindern des Lichtes.

Martin ist eine Lichtgestalt, die aus der Welt herausstrahlt, kein Heiliger, der vom Himmel fällt. Er zeichnet sich aus durch sein spontanes Handeln bei der Mantelteilung, aber genauso durch sein konsequentes Festhalten am Guten und Richtigen als Mönch und Bischof, das ihn auch oft in Widerspruch zu den Mächtigen und zu seinen Amtskollegen bringt. Er verkörpert vorbildlich, wie Recht der Jesuit Alfred Delp hatte, als er sagte „Wenn durch einen Menschen ein wenig mehr Liebe und Güte, ein wenig mehr Licht und Wahrheit in der Welt war, dann hat sein Leben einen Sinn gehabt“.
Bitten wir Gott mit den Kindern auf ihren Martinszügen, die in einem ihrer Lieblingslieder singen und eigentlich beten: „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne, geh nicht aus mein Licht, geh nicht aus mein Licht, denn ich will es sehen, dein Angesicht.

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