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Predigt 1. Januar „Gute und böse Worte“

Sven Johannsen, Lohr

2020_Segen.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

 Vor einigen Jahren schon die Nachricht durch die Presse, dass in Reiget, Surrey, Großbritannien, ein über hundert Jahre alter Papagei in einem Gartencenter lebe, der einst dem britischen Premier Churchill gehört habe. Das Besondere an diesem Papagei sei, so wird es bis heute berichtet, dass er noch im hohen Alter ständig die unanständigsten Flüche gegen Adolf Hitler und die Nazis ausgestoßen habe. Die Schimpftiraden wiederholte das damals schon 104 Jahre alte Federvieh mit sehr lauter Stimme. Churchill habe den weiblichen Papagei Charlie 1937 gekauft und sofort begonnen, ihm Flüche beizubringen. Mit seinen Verwünschungen hatte der Vogel laut „Daily Mirror“ einst bei Krisensitzungen manch einen General entsetzt, sehr zur Freude seines Besitzers. Die Tochter Winston Churchill bestreitet, dass die Familie jemals einen Ara besessen habe und will die Geschichte nicht bestätigen. Aber erzählt wird sie dennoch gerne.

Wahr ist aber eine Nachricht aus dem vergangenen Jahr, die von fünf Papageien im Lincolnshire Wildlife Center in Norden Großbritanniens berichtet. U.a. wird im SPIEGEL von ihnen erzählt:

Papageien lernen gerne zu plappern. Das ist schon eine Attraktion. Noch kurioser wird es allerdings, wenn mehrere Papageien Schimpfwörter lernen, sich gegenseitig anstacheln und ein ganzer Quassel-Klub entsteht, in dem nur geflucht und gelacht wird. So ist es nun im Lincolnshire Wildlife Park in England geschehen. Die fünf Graupapageien Billy, Elsie, Eric, Jade and Tyson seien im vergangenen August in den Zoo gekommen, berichtet die Nachrichtenagentur PA. Ihr besonderes Talent sei dann bald aufgefallen. ...Die Papageien fluchten zusammen und lachten sogar darüber.“ (SPON vom 30.9.2020)

Da aber gerade im Sommer sehr viele Kinder als Besucher erwartet und die Flüche der gefiederten Bewohnern immer unanständiger wurden, hat man sie schließlich voneinander getrennt und in unterschiedlichen Abteilungen des Parks untergebracht, wo sie nun von anderen Artgenossen passendere Äußerungen lernen sollen.

Die Nachricht amüsiert, aber klar ist doch, dass die Graupapageien und der legendarische Ara Churchills ihre Verbalinjurien nicht als natürliche Sprache entwickelten, sondern vom Menschen gelernt haben. Es wiederholt sich ein Phänomen, das uns allen wohl auch aus menschlichem Verhalten bekannt ist: Böse Worte behalten Menschen viel besser in Erinnerung als gute.
Lob und Ermutigungen misstrauen wir schnell, weil wir nicht glauben, dass sie ernst gemeint sind, und den Verdacht hegen, dass sie uns wohlgesonnen machen oder als Durchhalteparolen fungieren sollen,

Böse Worte dagegen prägen sich tief ein in Gedächtnis und Herz. Sie provozieren und bedienen, wenn sie z.B. gegen Mächtige gerichtet sind, die Schadenfreude. Sie verunsichern uns als „wohlgemeinte“ Kritik, die mitunter nur getarnte Demütigung ist. Sie verletzen uns, weil sie uns als Persönlichkeit angreifen und unseren Selbstwert in Frage stellen.
Auf Lob reagiert der Mensch eher abwehrend und unsicher, auf Kritik und Angriffe entwickelt er als Abwehrstrategie oft ungeahnte Kräfte und Kreativität, geschürt von Hass und dem Wunsch, den anderen zu verletzen. Das ist im öffentlichen Raum nicht viel anders als im privaten Bereich. Erinnern Sie sich mit wie viel verheißungsvollen Worten der letzte Sonntag als Impfbeginn angekündigt wurde und wirklich ein Lichtblick war in dieser dunklen Zeit. Als es erste Schwierigkeiten gab, haben manche Medien die Regierung angegriffen in einer Art und Weise, dass man denken könnte, nur inkompetente Betonköpfe seien da am Werk und deswegen wäre alles schief gegangen. Für viele ist die Zuversicht des Starts schnell verflogen, auch weil sie torpediert wurde durch böse Worte, die alles zerreden.

Am Anfang dieses Jahres stehen „gute“ Worte, Segensworte. Wenn wir das lateinische Wort für Segnen „Benedicere“ ins Deutsche übersetzen, dann meinen sie nichts anderes als „gut sprechen“ oder „Gutes über jemanden sagen“.

Wir haben heute in der Lesung den ältesten erhaltenen Segen des Volkes Israel gehört, den sog. aaronitischen Segen, den Gott selbst Mose offenbarte. Möglicherweise wurden diese Worte auch Maria und Josef zugesagt, wenn Menschen ihnen und ihrem Kind begegneten sind. Vertraut waren ihnen diese Worte in jedem Fall.

Es ist weit mehr als ein liturgisches Gebet, es ist das Erleben der persönlichen Zusage Gottes zu einem Menschen und einem ganzen Volk verkündigt in menschlicher Sprachen. Bis heute empfinde ich es als eine meiner schönsten Aufgaben, den Segen Gottes für die Gemeinde zu erbitten und zuzusagen im Gottesdienst, in den Sakramenten, bei Krankenbesuchen und vielen anderen Gelegenheiten. Es rührt mich selbst sehr, wenn Eltern am Ende der Tauffeier mit ihren Kindern unter den ausgebreiteten Händen stehen und man sieht, wie ihnen jetzt das Schlucken schwer fällt, weil sie spüren, dass Gott in diesem Augenblick ihnen wirklich etwas Gutes für die Zukunft sagen will. Ich sehe Tränen in den Augen der Brautpaare, wenn am Ende der Trauung nach der Bestätigung des Ehebunds das Brautpaar niederkniet, jeder jetzt auch auf sich konzentriert, und der Priester die alten Worte des Trauungssegens spricht: „So bitten wir dich, menschenfreundlicher Gott, schau gütig auf N. und N., die vor dir knien und deinen Segen erhoffen….“ Wie viel Hoffnung und Vertrauen kommen da in diesem Moment zusammen. Segen erfahren ist mehr als eine liturgische Handlung, es ist eine ganz persönliche Ermutigung durch Gott.

Segnen, so hat es Franz Kamphaus erklärt, heißt: „Empfangen, was ich nicht erarbeitet habe. Ich muss mich nicht mit mir und meiner Leistung begnügen. Ich darf mehr erhoffen.“ (Franz Kamphaus, Sternstunde der Menschheit, Freiburg i. Br. 2009)

Welch wunderbare Erfahrung, die in den Versen des aaronitischen Segens einen intensiven Ausdruck erfährt. Auch wenn der Segen in der Regel durch Priester gesprochen wurde, wir verbinden mit den Worten zärtliche Bilder von Eltern, die sich um ihr Kind sorgen, es beschützen, ihm Vertrauen geben. Es erinnert ein wenig an eine urkindliche Erfahrung, die wohl viele von uns gemacht haben, wenn es abends dunkel wurde im Zimmer beim Schlafengehen und die Eltern uns die Angst nahmen vor dem Alleinsein mit den Worten „Wir sind doch im Zimmer nebenan.“ Der Segen spricht unsere Urerfahrungen an und weckt in uns die Erinnerung, welchen Schutzraum für unser Leben uns Eltern oder vertraute Menschen gegeben haben. Gott wird im Segen als Vater und Mutter erlebbar, die uns ermutigen zu vertrauen, dass im Dunkel der Zeit seine Nähe uns begleitet. Das sind gute Worte, die besten, die man uns geben kann.

Aber gibt es nicht auch Widerrede: Diese Zeit schreit nach dem Versagen Gottes, der die seinen nicht vor Krankheit und Tod beschützt hat. Viele Gegenreden gegen die Zusage hallt von allen Seiten auf uns ein. Wie können diese guten Worte des Anfangs überdauern und uns in diesem Jahr prägen?

Die Haltung Mariens, deren Hochfest wir heute feiern, macht es uns vor. In so vielen unterschiedlichen Situationen wird von ihr überliefert: „Sie bewahrte alles in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“ Ihre Fähigkeit ist es, im entscheidenden Augenblick das Richtige zu tun und zu glauben, aber das ist keine spontane Entscheidung. Maria hat ein langes Gedächtnis, mehr als nur die Fähigkeit, nicht schnell zu vergessen, sondern nachzudenken über das, was sie erlebt hat: Die Worte des Engels, die Worte der Hirten, das Kommen der Weisen, die Worte Simeons und Hannahs. Nie waren sie Blenderei. Immer wurde ihr auch vom Dunkel erzählt, das die Zukunft mit sich bringen wird, aber eben auch von der Treue Gottes zu ihr und ihrem Kind. Das bewahrte Maria auch bis zum Kreuz in ihrem Herzen und dachte darüber nach. Die Segensworte, die ihr Leben begleitet haben, waren keine Werbeslogans ohne Halt, sie waren im Leben verankert und haben sie doch ermutigt, nicht die größere Perspektive zu verlieren.

Wo ein Mensch diese Fähigkeit einübt, schenkt der Segen Gelassenheit, weil er weiß, dass es keine magische Bannformel ist, sondern eine Zusage, die in schweren Zeiten trägt, eine Berührung Gottes, die sagt, dass er uns nicht loslässt. Das nimmt die Angst und den Druck, sich ständig für sein Leben zu rechtfertigen.

Noch einmal Franz Kamphaus:
„Der Segen schlägt die Brücke des Glaubens zum Alltag. Er bleibt der Erde treu. Er wirkt draußen, wo es ums leibhaftige Leben geht, wo wir gefordert sind in unseren Aufgaben und Verantwortungen. Die sind nicht durch einen „frommen Wunsch“ zu erledigen. Aber wir können sie so oder so angehen. Es ist ein Riesenunterschied, ob ich durch die Dinge und Geschehnisse des Lebens das Angesicht Gottes sehe, oder ob ich mich selbst bespiegele...“

Wir lassen uns heute am Neujahrstag segnen, Gutes zusagen, und ich lade Sie ein, den Segen weiterzugeben, ihre Kinder und Enkel, ihre Ehepartner und Freunde zu segnen und ihnen zuzusagen: „Gott lasse sein Angesicht über dir leuchten und schenke dir dein Wohlwollen. Ich werde es auch auch tun.“ So wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Neues Jahr, ein Jahr in dem Sie spüren, dass Gottes Angesicht über Ihnen leuchtet, er sie sieht und Frieden schenkt, verbunden mit der Kraft, anderen diese Erfahrung weiterzugeben. Amen

 

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