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Erinnern Sie sich noch an Heinrich Lohse? Heinrich Lohse war verantwortlich für den Einkauf  der Deutschen Röhren AG. Als er einmal einen sehr langfristigen Vorratseinkauf getätigt hatte, Büromaterial für die nächsten 50 Jahren, wurde er mit 59 Jahren in Rente geschickt. Kein Dienstwagen mit Chauffeur mehr, der ihn jeden Morgen abholte, in die Firma fuhr und nach einem langen Arbeitstag wieder zu seiner Familie brachte.

Jetzt sitzt Heinrich Lohse zuhause und sieht sich berufen, seiner Frau nicht nur im Haushalt zu helfen, sondern den Einkauf und die Arbeitsabläufe wie „Bettenmachen“ professionell zu organisieren. Wem immer noch grübelt, sei gesagt, dass Heinrich Lohse eine Filmfigur ist, entworfen und gespielt von Loriot in seinem wunderbaren Kinofilm „Pappa ante portas“. Alles, was bisher so perfekt funktionierte, gerät natürlich aus den Fugen. Die Welt war ideal geregelt und alle hatten sich sehr lieb, weil man über eine lange Spanne des Tage seine Wege ging: Er war im Büro, sie im Haushalt und der Sohn auf Brautschau. Jetzt entwickelt sich eine urkomische Geschichte. Die Ehefrau verzweifelt bald und sucht sich einen Nebenjob als Pralinenvorkosterin. Heinrich Lohse erweist sich so ungeschickt und hilflos im alltäglichen Leben außerhalb seines Büros, dass er nur Chaos anrichtet. Weil er seine Frau damit immer mehr auf die Nerven geht und die Harmonie ihrer Ehe ins Wanken gerät, lässt er sich zu einer letzten Rettungstat überreden und überlässt das gemeinsame Haus einer Fernsehfirma für den Abschlussdreh der Fernsehserie „Die Schnackenburgs“. Es kommt, wie es kommen muss, das Haus ist am Ende fast verwüstet und unbewohnbar. Seine Ehefrau Renate, im Film gespielt von Evelyn Hamann, wirft ihm die Tür zum gemeinsamen Schlafzimmer vor der Nase zu und verbannt ihn auf das letzte verbliebene Sofa. Die Bahnreise zum Geburtstag ihrer Mutter nach Usedom vollzieht sich am nächsten Tag in gespanntem Anschweigen. Erst das nervige Sticheln ihrer Schwester und deren Ehemann, die immer wieder ihre harmonische Partnerschaft  herablassend herausstellen, bringt Renate und Heinrich wieder zusammen, so dass sie am Ende zuhause ihren Sohn und die Haushälterin mit einem Blockflöten-Konzert erfreuen, dass die Frage aufkommen lässt: „Was ist langweiliger als eine Flöte? Zwei!“

Heinrich Lohse, brillant von Loriot gespielt, ist die Ikone aller männlichen Rentner, die aus dem Beruf scheiden und nun nichts mehr Richtiges mit sich anfangen können. Mit Augenzwinkern und viel Ironie erzählt Loriot, wie sein Held lernt, den Neuanfang zuhause in den Griff zu bekommen. Hat mancher von Ihnen möglicherweise an eigene Erfahrungen denken müssen?

Es ist gar nicht so leicht, etwas mit sich anzufangen, wenn man viel freie Zeit vor sich hat.

„Unsere Tochter / unser Sohn kann etwas mit sich selbst anfangen“, erzählen Eltern manchmal voller Stolz wenn sie ihr Kind dabei betrachten, wie es sich auf Spielen, z.B. mit Lego (Selbsterfahrung), Lesen oder Basteln stundenlang konzentrieren kann oder im Garten immer neue Sensationen entdeckt. Unser Kind muss nicht ständig bespaßt und unterhalten werden, sondern weiß sich zu beschäftigen. Es kann etwas mit sich selbst anfangen. Das ist oft gar nicht so leicht. Wie schnell dient der Fernseher oder das Computerspiel als Ablenkung, um die Zeit totzuschlagen. Das ist oft auch bei älteren Menschen so. Männer, die in die Rente eintreten, sind manchmal schwierige Problemfälle im Blick auf Beschäftigung. Glücklich zu preisen, wer einen Garten hat und dort seine Berufung findet. Dann kann die Ehefrau darauf vertrauen, dass mit kurzer Kaffeepause zu „Bares für Rares“, das muss ja sein, ihr Mann gut aufgehoben ist. Bei Regen wird er in den Keller geschickt zu Reparaturarbeiten.

„Etwas mit sich anzufangen“, heißt ja nicht einfach, die Zeit hinter sich zu bringen, sondern sie wirklich zu nützen, gerade dann wenn sie nicht vorgeplant ist durch Aufgaben und Termine. Zeit ist ein Geschenk, aber wenn wir sie einmal haben, dann wissen wir oft nicht, was wir mit ihr anfangen sollen. Ein plötzlicher freier Abend will auch gefüllt sein.

Glücklicherweise haben wir schon ein paar Rahmendaten für diese neue Jahr 2023. Beim einen mehr, beim anderen weniger, ist der Kalender schon gut mit Termine gefüllt. Das erleichtert vielleicht auch den Start, selbst wenn man natürlich darüber jammert, wie wenig Zeit man hat. Dennoch werden die meisten Tage dieses Jahres noch darauf warten, dass wir etwas mit ihnen anfangen, sie also nutzen und füllen mit sinnvoller Beschäftigung.

Am Anfang des Jahres begegnet uns ein Mensch, Maria, die modellhaft zeigt, dass Gott dann etwas mit einem Menschen anfangen kann. wenn der Mensch selbst etwas mit sich und seiner Zeit anfangen kann. Maria ist ein Mensch in der Zeit. Sie erlebt Freude und Sorgen. Sie wird als Mutter und Ehefrau einer Familie der Mittelschicht oft erschöpft am Abend eines Tages gefragt haben, warum ihr immer die Zeit zum Nachdenken und die Ruhe zur Erholung fehlen. Die Evangelien erzählen uns wenig über das Leben der Heiligen Familie, betonen aber immer ihre Normalität. Dazu gehört auch die Spannung zwischen der Rolle als Mutter oder Vater und der eigenen Person, die Momente der Erholung und Zeit für sich selbst braucht. Das wird Menschen vor 2000 Jahren nicht anders gegangen sein als uns heute. Aber Maria zeichnet über ihre Erwählung durch Gott hinaus auch noch eine menschliche Fähigkeit aus, die Lukas wie einen Kehrvers an die verschiedenen Abschnitte der Kindheitsgeschichte stellt: „Maria bewahrte alles in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“ Sie nimmt das, was geschehen ist, in ihr Inneres auf und gibt ihm einen Platz, denn sie weiß, dass sich nur durch die Wertschätzung der gemachten Erfahrungen die Zukunft angstfrei gestalten lässt. Heutige Menschen neigen gerne dazu, Geschehenes abzuhacken und sich in immer neue Erlebnisse zu stürzen. Leichtlebig ist unsere Zeit geworden, weil viele Menschen von Event zu Event springen, weil sie glauben, dass man nur gelebt hat, wenn man möglichst vieles mitgenommen hat und immer gut unterhalten ist. Die Enttäuschung ist dann um so größer, wenn nichts im Herzen nachwirkt und keine Ruhe und Zufriedenheit entstehen. Die Haltung, die Maria uns vorlebt, hat der dänische Philosoph Sören Kierkegaard auf den Punkt gebracht: „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ Wer sich immer nur ins Leben stürzt, wird blindlings in die Ratlosigkeit rennen. Wer immer nur im „Gestern“ verharrt, wird verbittern. Es kommt auf die richtige Verbindung an. Maria lebt nach vorne. Sie ist kein Mensch, die immer nur von der beglückenden Begegnung mit dem Engel schwärmt. Die Evangelien erwähnen dieses Ereignis nur noch im Zusammenhang des Handelns der Eltern in der Gegenwart, aber nicht als verklärte Erinnerung an die „guten alten Zeiten“. Sie nimmt ihre Aufgaben und die Herausforderungen des Lebens an, obwohl sie es sich vielleicht früher einfacher und romantischer erträumt hatte. Aber sie nimmt den Schatz der Erinnerung mit, denkt über das Erlebte nach und bekommt aus diesen Überlegungen die Kraft, den Weg, der vor ihr liegt, zu wagen. In einem Kommentar zum heutigen Evangelium hat Anke Lechtenberg den Gewinn der Haltung Mariens für das Leben eines Menschen treffend beschrieben: „Wer sein Leben im Herzen bewegt, kann offene Fragen stehen und dem Reifen einer Antwort Zeit lassen; kann warten und erwarten, dass ein tieferes Sehen möglich und im Rückblick verstehbar wird, wozu das, was geschah, letztendlich gut war.“ (A. Lechtenberg; Die Sonntagsevangelien im Lesejahr A, Regensburg 2022; S. 39). Tatsächlich schafft dieses Vertrauen in Gott und in die Zukunft Raum, etwas mit seiner begrenzten Zeit anzufangen und nicht ständig sich zu verlieren in der Suche nach Abwechslung.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir etwas mit diesem Jahr anfangen können, indem wir es nach vorne leben, uns seinen Herausforderungen stellen und zugleich über all das nachdenken, was uns widerfährt. Ein Rat des belgischen Ordensmannes und Autors Phil Bosmanns, möge uns dabei begleiten:

„Fang jeden Tag an als ein neuer Mensch.

Jeder Tag soll wieder dein erster Tag sein, dein allererster Tag. Gestern und alle früheren Tage und Jahre sind vorbei, begraben in der Zeit. An ihnen kannst du nichts mehr ändern.

Gab es Scherben? Schlepp sie nicht mit dir herum. Denn sie werden Tag um Tag verwunden, bist du am Ende nicht mehr leben kannst. Es gibt Scherben, die du in Gottes Händen los wirst. Es gibt Scherben, die du mit ehrlicher Vergebung heilen kannst. Und es gibt Scherben, die du bei aller Liebe nicht heilen kannst. Die musst du liegen lassen. Du musst jeden Tag neu anfangen. Das ist die Lebenskunst.

Jeden Tag neu sein wie das Licht der Sonne. Jeden Tag aus der Nacht aufstehen. Jeden Tag neu anfangen mit Händen voller Hoffnung und Vertrauen.“ (Phil Bosmanns)

Sven Johannsen, Pfarrer

Neujahr_2023.pdf

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