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Predigt Ostersonntag 2022

"Brückentag“

Pfarrer Sven Johannsen, Lohr

 

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder

Mit 26 Urlaubstagen kann man 2022 noch viel rausholen. Gehören Sie auch zu den Zeitgenossen, die vor Beginn eines neuen Jahres den Kalender durchschauen und prüfen, wie die Feiertage liegen? Dann wird ihnen für dieses Jahr aufgefallen sein, dass wir wieder um Feiertage „betrogen“ werden: der 1. Mai und der erste Weihnachtstag fallen auf Sonntage. Dafür liegen andere bewegliche Feiertage so günstig, dass man mit wenigen Urlaubstagen ganze Wochen oder zumindest lange Wochenenden rausholen kann. So fallen in diesem Jahr einige Feiertage auf Freitag oder Montag, z.B. Mariä Himmelfahrt, bzw. auf Donnerstag und Dienstag, z.B. Allerheiligen. Im letzten Fall braucht es einen Brückentag und man kann vier Tage Urlaub machen. Insgesamt kann man in diesem Jahr mit solchen Tagen zwischen den Feiertagen mehr als 30 zusätzliche Urlaubstage gewinnen. Für Arbeitnehmer gilt es, schnell Brückentage im Betrieb als Urlaubstage einzutragen, denn sie schaffen ein gewaltiges Potential an Freiheit. Einige solcher Tage stehen schon verlässlich fest: der Freitag zwischen Christi Himmelfahrt bzw. zwischen Fronleichnam und den folgenden Sonntagen. Da der vierzigste und der sechzigste Tag nach Ostern immer ein Donnerstag sein müssen, kann man sich schon langfristig darauf einstellen. Natürlich sind die Tage der Kar- und Ostertage die Brückentags-Pause schlechthin. Für alle Zeiten wird sich nichts daran ändern, dass Karfreitag immer ein Freitag und der Ostermontag immer ein Montag sein werden. Von Palmsonntag bis zum weißen Sonntag braucht man 8 Urlaubstage um 16 Tage frei zu haben. Ostern ist die Zeit der Brückentage.

Eigentlich könnte man sagen, dass Ostern der Brückentag schlechthin ist, nicht aus urlaubsplanerischen Gründen, sondern v.a. im Blick auf den Glauben. Wir sprechen von einem „Triduum“, einem „Drei-Tage-Tag“, der am Gründonnerstagabend beginnt uns sich über Karfreitag und Karsamstag bis zum Ostertag erstreckt. Am Gründonnerstag, also in der Nacht vor dem Sterben Jesu, betreten wir das sichere Ufer menschlicher Erfahrung. Am Gründonnerstag ist noch alles nachvollziehbar: Eine Gruppe von Menschen, die eng verschworen ist und viel miteinander erlebt hat, nimmt voneinander Abschied, weil sie wissen, dass der nächste Tag aus ihrer Mitte einen, den Leiter und die charismatische Führergestalt, rauben wird. Von uns Außenstehenden ist kein großes Wagnis des Glaubens verlangt. Vielmehr stehen zutiefst menschliche Gefühle im Vordergrund: Betroffenheit, Erschütterung, Trauer, Mitfiebern und Enttäuschung. Am Gründonnerstag finden wir uns wieder am Ufer einer dramatischen und bewegenden Geschichte, die uns aber nicht abverlangt, über menschliche Denkvorstellungen hinauszugehen. Die Jünger und Frauen, die hier bei Jesus sind, kennen ihn, glauben ihm die Botschaft vom Reich Gottes und vertrauen ihm in ihrer Suche nach dem Leben in Fülle. Heute, am Ostertag, sollen wir uns plötzlich auf der anderen Seite der Brücke entdecken, am Ufer des Glaubens. Hier sollen wir nicht mehr nur ihm, dem faszinierenden und einfühlsamen Verkünder der frohen Botschaft von Gott, glauben, sondern an ihn, die eigentliche Botschaft Gottes für uns Menschen, glauben. In diesem scheinbar so nebensächlichen Wort „an“ steckt Ostern. Einem guten und charismatischen Lehrer glaube ich leicht. Aber an ihn glauben, kann ich nur, wenn ich in ihm Gott erkenne. Kein Mensch kann einfach von den Toten auferstehen. Das, was wir an Ostern bekennen, ist keine Wiederbelebung eines Toten, wie man es aus gruseligen Filmen kennt. Jesus ist immer noch der, dem sie seine Worte glauben, aber jetzt tritt er den Osterzeugen und uns in seiner eigentlichen, österlichen Gestalt entgegen. Selten hat er die Jünger und Frauen diese wahre Gestalt erkennen lassen, z.B. bei der Verklärung auf dem Tabor. Wenn er von vornherein als strahlender göttlicher Held über die Erde gewandelt wäre, hätte es keine Entscheidung gebraucht, wären seine Worte schöne Formel und sein Dienst an den Menschen ohne Mühe einfach nur eine große Inszenierung gewesen. Er geht bis zum Kreuz und hält drei Tage im Grab aus. Warum steigt er nicht nach der Aufrichtung des Kreuzes einfach herab, wie es die Gaffer und Spötter zu seinen Füßen verlangen? Das hätte doch Eindruck gemacht. Warum geht er den Weg bis in die tiefste Todesnacht? Ich erinnere mich angesichts dieser Frage an die Jona-Figur in unserer Karfreitagsprozession und an das Wort Jesu vom Zeichen des Jona: „Wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Bauch der Erde sein.“ Jona, der Mensch und Zweifler, hat drei Tage und drei Nächte gebraucht, bis er anfing zu beten und zu flehen, dass Gott ihn daraus befreien möge. In dieser Zeitspanne wandelt er sich von einem Gescheiterten, der sich mit seiner ausweglosen Situation abgefunden zu haben scheint, in einen Beter, der alles auf Gott setzt. Es klingt absurd, aber Menschen können es sich m.E. im Tod bequem machen. Ich bewundere Menschen, die sich aus einer Depression, aus einer ausweglosen Krankheit oder vielen niederwerfenden Schicksalsschlägen zum Leben schleppen. Ich bin sehr vorsichtig, wenn ein Mensch mir sagen will, dass ihn gar nichts erschüttern und lähmen kann. Vorbilder im Glauben sind mir nicht Menschen, die immer nur lächeln und alles schönreden, sondern Menschen, die aus der Lähmung, in der sie zunächst auch konfrontiert sind mit der Verzweiflung und der Gefahr, sich selbst aufzugeben, die aber dieser Versuchung widerstehen und sich mühsam ins Leben zurückkämpfen. Für so eine österliche Haltung steht Maria von Magdala. Die drei Tage sind für mich der Spannungsbogen der Brücke, die der Mensch betreten muss, um vom Gründonnerstag zum Ostertag zu kommen. Die höchste Spannung kulminiert in der Katastrophe des Karfreitags. Maria von Magdala, eine der Augenzeuginnen des Karfreitags, hat es gewagt, diese freischwebende Brücke zu betreten, von der man leicht fallen und in den Fluss des Zweifelns und des Unglaubens fallen kann. Schnell kommen einem da die Worte des Doktor Faust in Erinnerung, der die Glocken am Ostermorgen ertönen hört und zugeben muss: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ (J.W. von Goethe; Faust. Eine Tragödie – Faust I Vers 765; 1808). Mehr als, dass sie die erste ist, die dem Auferstandenen begegnet, zeichnet Maria aus, dass sie die erste ist, die die Brücke von der Liebe zum Glauben überschreitet. Mancher würde sagen, dass sie eben einfach liebeskrank ist, und deshalb jede Chance nutzt, ihren Schmerz zu verdrängen, und sich so dem erstbesten „Jesus 2.0“ an den Hals wirft. Aber so ist das nicht. Sie darf ihn nicht mehr berühren. Die Zeit der materiellen Beweise ist vorbei. Jetzt gibt es kein Anfassen, Festhalten oder Besitzen mehr, sondern nur ein Herz, das sich dem Geliebten schenkt, das glaubt, wie es der lateinische Ursprung von „glauben“ , „cor dare“, „das Herz geben“, zusammenfasst. Maria ist nicht liebeskrank oder erliegt einer Illusion, sie hat den Schritt gewagt, über die Brücke des Vertrauens und der Liebe zu gehen und so vom Toten, den sie betrauert, zum Lebenden, an den sie glaubt, zu gelangen.

Das österliche Triduum ist der Brückentag unserer Lebensgeschichte, der sich jedes Jahr neu anbietet, damit auch wir den Spannungsbogen von einer Wertschätzung des menschlichen Lehrers Jesus zum Vertrauen in den göttlichen Auferstandenen gehen.

Wir werden nicht in jedem Jahr den Mut dazu aufbringen, denn es überschreitet ja alle menschlichen Möglichkeiten und Beweise. Es sind Schritte des Glaubens und des Vertrauens, die wir gehen müssen. Das gelingt nicht immer. Es gibt Erfahrungen, Schicksalsschläge und Zweifel, die uns ausbremsen.

Aber Jahr für Jahr üben wir uns ein, dass wir einmal selbst im Tod, dem Ernstfall des Lebens und des Glaubens, die Brücke überschreiten können.
Maria macht uns Mut. Glaube ist nicht nichts Angelerntes, es wächst aus dem Vertrauen: Ich glaube dir, darum kann ich an dich glauben. Wir werden uns vor Gott nicht brüsten können, dass wir nie gezweifelt haben, das interessiert ihn wohl kaum, aber er wird an uns
wertschätzen, dass wir es gewagt haben, über die Brücke aller Widerstände zu gehen, manchmal unsere Wege zu ändern und so zu ihm zu gelangen. Das ist österliche Überschreitung der Wirklichkeit des Todes. Nur die Liebe kann den Liebenden retten, hat der Theologe Michael Albus einmal im Blick auf das Geheimnis des Glaubens formuliert. Nicht ein herablassender Gott, der von uns Zustimmung zu seinen Beweisen für sein Gottsein verlangt, sondern nur ein liebender Gott, der in uns Vertrauen zu ihm und seinem Ziel für uns weckt, kann uns über diese Brücke locken. Es nützt gar nichts und macht mich nicht österlich, einfach „Ja“ zu sagen, dass das wirklich geschehen ist. Alles drängt auf die innere Sicherheit, zu vertrauen, dass er auf der anderen Seite der Brücke auf mich wartet. Die Liebe macht nicht blind und krank. Sie ist auch mehr als ein wunderbares Gefühl. Sie macht sehend und lebendig. Maria geht uns voraus. Ihr „Rabbuni“, das dem liebenden Ruf „Maria“ folgt, ist der Startschuss für unseren ersten Schritt vom sicheren Ufer der Beweise zum noch viel beständigeren Ufer des Vertrauens: Weil ich dir glaube, darum, Gott, kann ich an dich glauben. Amen.

 

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