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Liebe Schwestern und Brüder

 Deutschland ist wieder im Olymp der Film-Welt. Bei der 95. Oscar-Verleihung am 12. März in Los Angeles räumte der deutsche Anti-Kriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ vier Oscars ab. Bereits im Januar war bekannt geworden, dass der deutsche Beitrag für neun Oscars nominiert wurde und somit der erfolgreichste Film sein wird, den unser Land je ins Rennen um die begehrte Auszeichnung geschickt hat.

Seit dem Polit-Thriller „Das Leben der Anderen“ 2007 mussten die deutschen Filmschaffenden auf eine erneute Prämierung mit dem sog. Academy Award warten. Zuvor war „Im Westen nichts Neues“ schon erfolgreich bei Filmfesten in Kanada und Groß-Britannien. Der erfolgreichste deutsche Beitrag ist die mittlerweile dritte Verfilmung von Erich Maria Remarques gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1929. Auch die Erzählung Remarques war bereits ein großer Erfolg. Innerhalb weniger Wochen erreichte das Buch bereits eine Auflage von 450.000 Exemplare und wurde noch im selben Jahr in 26 Sprachen übersetzt. Heute liegen die geschätzten Verkaufszahlen bei über 20 Millionen Exemplaren in 50 Sprachen (Quelle: Wikipedia.de). Remarques Schilderung über die verlorene Generation der jungen Soldaten des ersten Weltkriegs gehört auch heute noch zur Standartliteratur an vielen Schulen. Zehn Jahre nach dem Ende des ersten Weltkriegs schildert Remarque aus der Perspektive des einfachen Soldaten Paul Bäumer die Erlebnisse eines jungen Menschen, der direkt von der Schule aufs Schlachtfeld geschickt wird. Die anfängliche Begeisterung verfliegt schnell und weicht dem Bemühen um das Überleben. Sinnloser Drill, Schikanen, hundertfaches Sterben, Verrohung und der Abstieg zum „Menschentier“ werden ohne Hoffnung und mit der nüchternen Sachlichkeit eines Kriegsreports berichtet. Es wird nicht nach den Ursachen des Krieges, nach Schuld oder Werten gefragt, sondern einfach der Verfall des Menschseins dargestellt. Als letzter der Gruppe von Schulkameraden wird auch Paul Bäumer im Oktober 1918 fallen. An diesem Tag wird sich der Heeresbericht auf einen einzigen Satz beschränken: „Im Westen sei nichts Neues zu melden.“

Remarque hatte im Vorwort seines Romans vorangestellt, dass er nicht die Absicht habe, anzuklagen, sondern nur eine Generation darzustellen, die vom Krieg zerstört wurde. Aber bis heute ist sein Buch von Befürwortern und Gegnern als Anti-Kriegs-Erzählung verstanden worden. Die Nazis haben den Roman verboten. Heute gilt der Bericht als Plädoyer gegen Krieg und die ewige Spirale von Gewalt und Gegengewalt. „Im Westen nichts Neues“ - als der Film im letzten Jahr in die deutschen Kinos kam, bestätigten die aktuellen Ereignisse den resignativen Titel. Wieder tobte Krieg in Europa. Der Angriff Russlands auf die Ukraine scheint wie eine unfreiwillige Bekräftigung, dass sich die Geschichte von Tod und Gewalt immer wiederholen muss. Wer die Zeitungen aufschlägt, der wird wohl mit Bitterkeit zugeben müssen: Nicht nur im Westen, sondern in allen Teilen der Welt nichts Neues. Tag für Tag lesen wir die Schlagzeilen von Terror, Gewalt, Missbrauch, Katastrophen, Unrecht, Ausbeutung u.v.m. Man hat mitunter den Eindruck, dass ein Konflikt dem nächsten die Türklinge in die Hand gibt. Wird an einem Krisenherd mühselig eine Waffenruhe ausgehandelt, brennt es an der nächsten Ecke schon wieder lichterloh. Jeden Tag, an dem wir uns morgens erheben, müssen wir ganz sachlich eingestehen: „Nichts Neues weder im Westen, noch im Osten, noch im Norden, noch im Süden.“ Diese Welt wird täglich verwundet und die Menschheit ist seit langer Zeit auf dem besten Weg, sich selbst in den Abgrund zu jagen. Wenig Grund zur Hoffnung.

Franz Kafka kann in einer halben Minute in seiner „Kleinen Fabel“ das ganze Dilemma des Menschen in einen treffenden Vergleich fügen, wenn er erzählt:

 »Ach«, sagte die Maus, »,die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.« – »Du musst nur die Laufrichtung ändern«, sagte die Katze und fraß sie. (Franz Kafka, kleine Parabel)

 Aus dieser Welt kommt keiner von uns lebend raus!“ „Irgendwann ist jeder von uns dran!“ „Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen.“ Das sind Volksweisheiten, deren Wahrheitsgehalt jedem Menschen einleuchten und die Kafka treffend in seine Erzählung bringt. Wir laufen vom ersten Tag unseres Lebens auf die Todesfalle zu und jeder Versuch, ihr zu entfliehen, endet doch nur in einer neuen Katastrophe, die hinter uns lauert wie die Katze auf die Maus. Keiner kann den Prozess des Älterwerdens aufhalten, der in der ersten Minute unseres Lebens beginnt. Die Möglichkeiten, aus unserem Leben etwas zu machen, sind anfangs so riesig, dass wir oft nicht wissen, wohin die Reise gehen soll, und bis wir merken, was wirklich unser Weg ist, ist es auch schon zu spät. Der Tod ist unwiderruflich, das Leben endet im Grab. Nichts Neues auf der Erde: alles bleibt sinnlos und wir können letztlich nur hoffen, dass wir einigermaßen heil aus der Affäre des Lebens rauskommen und andere sich positiv an uns erinnern.

Nicht gerade österliche Gedanken? Es ist unsere Lebenserfahrung und es ist die Situation der Osterzeugen. Wir sehen sie nicht auf einem gemütlichen Osterspaziergang nach einem fröhlichen Mittagessen in ausgelassener Stimmung. Sie laufen um ihr Leben, denn plötzlich soll doch Neues geschehen sein, das sie nicht einordnen können.

Heute sagen wir nicht „im Westen nichts Neues“, sondern „nichts bleibt wie es ist seit im Osten die Sonne aufgegangen ist.“ Mit dem Licht des neuen Tages kommt Maria von Magdala an den Ort des Todes Jesu und plötzlich ist alles neu und anders. Das, was sie erwarten musste, stimmt nicht mehr: Da ist kein Toter im Grab. Es ist nicht alles beim alten geblieben. Es überfordert sie, der neuen Situation zu trauen. Sie braucht Hilfe und läuft zu den Jüngern. Petrus, noch beladen von der Schuldgeschichte des Karfreitags, kommt nur schleppend voran. Der Lieblingsjünger fliegt voller Hoffnung. Wir erleben sehr unterschiedliche Reaktionen auf das leere Grab. Der Jünger, der lieben kann, glaubt vorbehaltlos. Petrus, der Analytiker, zweifelt, geht wieder und bleibt noch lange zerrissen angesichts der Frage, ob wirklich sein kann, was nicht sein darf. Maria steht wieder allein da und muss den entscheidenden Schritt letztlich selbst gehen: glauben, dass Neues geschehen ist, das niemand ahnen konnte.

Dabei ist es gar nicht so neu. Jesus hat sich in ihrem Leben schon als Anwalt des Lebens erwiesen und sie aus einer tiefen Depression und Verfallenheit zum Tode hin zu neuen Lebensmöglichkeiten geführt. Er hat den Freund Lazarus wieder ins Leben gerufen, der Ehebrecherin das Leben gerettet und Menschen, die in Schuld, grauer Routine oder sozialer Isolation schon zu Lebzeiten im Gefängnis des sozialen Todes gefangen waren, die Türen weit aufgerissen zur Zukunft. Davon haben die Evangelien der Fastenzeit von der Samariterin und dem Blindgeborenen eindrucksvoll Zeugnis abgelegt. Es gehörte von Anfang an zur Sendung Jesu, die Menschen aus der Resignation, dass Neuanfängen nicht gegeben werden, anzuführen zur neuen Freiheit der Kinder Gottes. Nie war das Handeln Jesu eine sinnlose Verlängerung von Lebenszeit nach dem Motto „weiter so“, sondern immer ein Angebot zu einem neuen und erfüllteren Leben als Ebenbild des lebendigen Gottes. In seiner Passion, wie Johannes sie uns überliefert, hat er dieses Vertrauen in die Zukunft bereits gezeigt und ist souverän seinen Gegnern zur Verwunderung den Weg des Kreuzes gegangen, weil er wusste, dass Golgatha nicht der Ort seiner Niederlage, sondern seiner Erhöhung sein wird. Seine Auferstehung nimmt letztlich den roten Faden seines Kampfes für ein neues Lebens auf. Es ist keine Verlängerung der Lebenszeit, die wieder im sinnlosen Nichts des Todes münden wird, also gleichsam im Maul der Katze, die hinter der Maus schon auf die Beute wartet, sondern der Schritt in ein neues Dasein. Darum sagt er Maria: „Halte mich nicht fest!“ So ermutigt er sie, nicht einfach die Zeit zurückzudrehen, den Karfreitag zu vergessen und irgendwann doch wieder vor dem alten Feind kapitulieren zu müssen, sondern sich auf ein neues Leben einzulassen, das keine Angst mehr vor dem Sieg des Todes kennt.

Die Einladung des Ostertages hat Bischof Franz Kamphaus einmal so formuliert: „Wir müssen nicht mehr Komplizen des Todes sein, wir dürfen Verbündete des Auferstandenen sein.“ (Franz Kamphaus; zwischen Nacht und Tag, S. 60)

Maria wendet sich mehrfach um im Evangelium. Sie ist hin- und hergerissen zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Wohin soll sie sich wenden in ihrem Tal der Tränen? An den toten Jesu, dem sie ihr Leben verdankt? Oder an den Fremden, der so unwissend fragt, was oder wen sie hier eigentlich sucht?

„Maria“ - immer wieder neu beschleicht mit einen Gänsehaut, wenn ich diese so einfache, aber überwältigenden Osterbotschaft höre. Es gibt keine Erklärungen, wie in dieser Nacht alle Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt wurden, sondern nur ein Name, mit dem ihr der Auferstandene alle Furcht vor dem Neuen nimmt: Er hat sie nicht vergessen. Er weiß um sie und ihre Geschichte. Dennoch ist alles neu. Bliebe sie rückwärtsgewandt, dann hätte sie nur die schönen Erinnerungen an eine gute Zeit, schaut sie nach vor, dann sieht sie den Auferstandenen. Sie geht das Wagnis ein, sich umzudrehen und so auch Jesus nicht für sich festhalten zu können. Aber nur so wird es möglich aus der Mausefalle zu entkommen, dass das Leben zwangsläufig auf ein sinnloses Ende zulaufen muss. Das Leben wird durch den Osterglauben nicht einfacher und die Welt nicht schöner, friedlicher und einfacher. Sie fordert uns Tag für Tag heraus durch ihre Dunkelheiten, die es auszuhalten gilt.

Unser Leben wird weiter unser Leben bleiben, mit seinen Schwächen, seinen Fehlern, Belastungen und Brüchen. Wir können es uns auch nach Ostern nicht erlauben, wie Traumtänzer durch unsere Tage zu schweben, wir müssen sie bestehen. Wir bekommen keine Garantie, dass Krankheiten, Trauer und Schicksalsschläge uns ab jetzt verschonen werden. Und doch können wir eine andere Einstellung zum Leben gewinnen. Sooft sich die alten Muster dieser Welt siegreich zeigen, es geschieht doch Neues. Menschen hoffen, vertrauen und freuen sich am Leben, nicht weil sie möglichst viel Spaß haben, sondern weil sie es als Geschenk Gottes und Vorgeschmack des ewigen Lebens erfahren. Denn seit dem Ostermorgen wissen wir: Der Auferstandene kennt unsere Namen und ruft sie an der Grenze des Todes. Das kann bittere Tränen der Trauer wandeln in Freudentränen und Hoffnung begründen über alle Hoffnung.

Ostern lässt uns glauben, dass auch in der scheinbaren Aussichtslosigkeit unserer Endlichkeit bereits die Wende spürbar wird: nicht mehr vom Leben zum Tod, sondern vom Tod zum Leben, aus der Mausefalle des Scheiterns zum Tor des Ostersieges. Amen.

(Sven Johannsen)

2023_Aus_dem_Osten_kommt_das_Licht.pdf

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