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Predigt Osternacht 2021

Beredtes“ Schweigen an Ostern

Sven Johannsen, Lohr

Osternacht_Ostern_im_Schweigen.pdf

Ostern – und wir schweigen!
Natürlich sind wir dankbar, dass wir
öffentliche Gottesdienste feiern können, aber Ostern an Ostern nicht singen?

Der Pfarrer stimmt das Gloria an, die Orgel braust auf, die Lungenflügel pumpen sich voll und dann? Wieder nichts! Natürlich ist die Schola nicht „nichts“, aber wir selbst dürfen immer noch nicht singen. Geht Ostern ohne Singen? An Weihnachten war das ja irgendwie noch vertretbar. Weihnachten hat schöne Lieder, aber die kann man mitsummen und mitwiegen, wenn sie von jemanden herzergreifend vorgesungen werden: Weihnachtslieder berühren das Herz, aber Osterlieder reißen die Lungen und Stimmbänder mit. Eine Horrorvorstellung: „Preis den Todesüberwinder“ und keiner singt mit. Heute ist es Zeit zu schmettern und zu jubeln. Wäre es nicht doch besser, wir hätten auf Präsenzgottesdienste verzichtet, säßen daheim und singen aus voller Brust vor dem Bildschirm mit? Da kann ich ja machen, was ich will und so falsch singen, wie es mir gefällt.
Geht Ostern im Schweigen? Ist das nicht der Widersinn schlechthin? Heute muss doch der „Jubel durch die Lüfte zieh’n“. Vielleicht hätten Sie
es sich besser überlegt oder wir hätte es getan. Der Pfarrer und der Kantor sind halt Sturköpfe. Österlicher wäre es doch allemal, daheim mit ganzer Kraft zu jubilieren und nicht in der Kirche zu schweigen wie am Karfreitag. Oder passt Schweigen doch zur Osternacht?

Ich will nicht leugnen, dass es schwer zu ertragen ist, den Mund zu halten, wenn der Kantor „Heil uns Heil, Halleluja“ intoniert, aber auch im Schweigen kommt Wesentliches des österlichen Glaubens zum Ausdruck:

1. Entsetztes Schweigen über das, wovon man nicht reden kann

Das Schweigen erinnert uns, dass Ostern seinen Anfang im Karsamstag nimmt. Aus der Stille des Sabbats zwischen Karfreitag und Ostermorgen kommend gehen die Frauen im Evangelium zum Grab und werden vom Engel gleichsam zum Reden gezwungen. Aber sie folgen ihm nicht. Was sie sehen und hören, verschlägt ihnen die Sprache. Sie haben an sich schon wenig zu reden. Nur das Nötigste wird auf dem Weg besprochen: „Wer rollt uns den Stein vom Grab?“ Über die Trauer und das, was sie bewegt, fällt kein Wort. Es sind die gleichen Frauen, die wir im Evangelium schweigend unter dem Kreuz treffen. Sie sind stumm geworden vor Entsetzen und Betroffenheit. Jetzt erleben wir sie in einer Sondersituation. Sie schreien nicht auf, sondern bleiben stumm. Es verschlägt ihnen die Sprache vor Zittern. Was sie überwältigt ist nicht die Angst vor einem Gespenst, sondern ein tiefes Erschüttern und Bewusstwerden, dass hier etwas völlig Neues geschehen ist, das sie erst selbst verarbeiten müssen, um davon zu sprechen. Die Auferstehung Jesu ist für die Frauen, die ja noch völlig verwirrt sind von der Erfahrung des Karfreitags, noch kein Grund zu lautem Jubel. Zunächst ist Ostern unfassbar erschütternd und verstörend. Es verunsichert, weil man das doch eigentlich nicht glauben kann. Reden aber kann man erst, wenn man sich seiner Sache sicher ist. Für diese Sicherheit brauchen die Frauen noch Zeit, darum gehen sie zunächst nicht und verkünden, was ihnen aufgetragen ist.

Ostern trifft uns in der Karsamstag-Situation: Gerade im Augenblick tun wir uns schwer in der Öffentlichkeit über unseren Glauben zu reden. Wir halten den Mund, wenn andere sich auslassen über das Schreckliche, das in der Kirche geschehen ist, wenn sie uns Verantwortungslosigkeit vorwerfen, weil wir in dieser Zeit Präsenzgottesdienste feiern, oder sich darüber lustig machen über den Glauben, dass nach dem Tod nicht alles aus sein soll. Schweigen ist zum Merkmal des Christentums geworden. Mitunter ist uns sogar peinlich, wenn einer redet. Entweder reden die Bischöfe so kompliziert und verschachtelt, dass Christsein wirklich als weltfremd erscheint, oder sie provozieren die Öffentlichkeit so, dass wir fürchten müssen, dass auch der letzte Wohlmeinende uns für ein Fossil aus dem Mittelalter hält. Das Schweigen des Karsamstag lastet noch immer auf der nachösterlichen Christenheit schwer und macht uns oft stumm, wo wir reden sollen. Auch wir sind in diesen Tagen verunsichert. In die Verwirrung unserer Kirche, in die kollektive Angst der Menschheit vor einer tödlichen Bedrohung durch ein Virus und in die Beklommenheit unserer eigenen Zweifel wird uns heute das österliche Halleluja verkündet. Jetzt hinauszugehen und frohgemut die Auferstehung in die Welt zu schreien, könnte auch wirken, also ob wir nicht mehr wüssten, in welcher Zeit wir leben. Wer würde uns ernst nehmen, wenn wir in ungetrübten Osterjubel ausbrechen?
Bewegt uns nicht in dieser vernunftbetonten Welt die gleiche Angst der Frauen, ausgelacht zu werden, wenn wir mit einer so ungeheuren Botschaft in die Welt treten. Wie oft wird gerade dieser Glaube an die Auferstehung lächerlich gemacht und die, die daran glauben, als leichtgläubig und intellektuell etwas beschränkt dargestellt. Wer an die Auferstehung der Toten glaubt, dem ist auch sonst nicht zu trauen. Wer in Osterjubel ausbrechen will, der muss Ängste überwinden, die uns mundtot machen: Die Angst vor dem, was wir erlebt haben, nämlich die Macht Gottes, der die Gesetze von Leben und Tod auf den Kopf stellt. Das kann man uns lehren, aber es ist doch eigentlich keine Selbstverständlichkeit, dass wir dem trauen, was gegen den Augenschein steht. Wir müssen unsere Verwunderung über unsere eigene Fähigkeit, an das Wunder der Auferstehung der Toten zu glauben, zunächst einmal annehmen. Dann aber müssen wir der
Angst vor den Menschen entgegentreten, die sich über unseren Glauben lustig machen, denen er widersinnig und abergläubisch vorkommt. Das ist noch ganz Karsamstag. Wir feiern die Osternacht nach alter Tradition am Beginn der Nacht und treten am Ende ins Dunkel ein. Das ist der Gedanke der alten Vigil, die die ganze Nacht durchwacht, um den neuen Tag zu erwarten. Der österliche Menschen steht immer am Anfang der Nacht, die Stille und Schweigen verkörpert, er weiß aber, dass er in den Tag geht, an dem das Reden wieder möglich ist.

2. Beredtes Schweigen, das Gott reden lässt.

Der im letzten Jahr verstorbene Theologe Klaus Berger erkennt in den Bilder vom Karfreitag 2020 aus dem leeren Petersdom, in dem Papst Franziskus allein schweigend vor dem Altar liegt, eine tiefe Botschaft : „Die Menschen schweigen, Glocken und Orgel schweigen. Aber nicht nur das: Die Menschen schweigen, weil Gott schweigt.“ (K. Berger; Schweigen, eine Theologie der Stille; Freiburg im Br. 2021, S. 79). Er deutet im Rückgriff auf jüdische Mystik Karfreitag und Karsamstag als das „Gottes Zurückziehen in sich selbst“. Gott und Mensch schweigen sich gegenseitig an. Diese Erfahrung kennen wir aus unseren eigenen Beziehungen: Wenn man sich so entfremdet hat, dass man den anderen nicht mehr versteht, dann hat man sich auch nichts mehr zu sagen. Es ist der Punkt der völligen Ratlosigkeit. Und vielleicht ist Gott tatsächlich manchmal ratlos über die Menschheit, die er in Liebe erschaffen hat und die so viel Gewalt und Böses verübt, so dass er sich in sich zurückzieht.

Klaus Berger führt den Gedanken dann weiter: „Die Auferstehung besteht darin, dass der auf sich selbst zurückgezogene Gott in Jesus wieder heraustritt, virulent wird und mit einem neugeschaffenen alten Leib den Jüngern begegnet.“ (s.o.) Gott ist am Karfreitag nicht am Kreuz gestorben, er hat sich ins Schweigen zurückgezogen und bricht es in der Auferstehung Jesu. Dann aber ist es doch einleuchtend, dass ihm das erste Wort gehört. Ostern ist seine Initiative. Er spricht die Frauen an: „Erschreckt nicht… er ist nicht hier“ Er ist nicht in der Grabesstille der eigenen Zurückgezogenheit, im Schweigen. Er spricht wieder zu euch und ihr könnt ihn hören. Da aber wird unser Schweigen zur österlichen Haltung eines beredten Schweigens. Psalm 65 hebt an mit dem Bekenntnis: „Für dich ist Schweigen ein Lobgesang, du Gott, der auf dem Zion wohnt.“ Im Schweigen lass ich Gott reden und den Heiligen Geist in mir singen. Wo der Mensch immer weniger zu sagen hat und still wird, kann Gott um so mehr reden von uns, von unserem Leben, vom Sinn in unserem Dasein und von unserer Hoffnung auf Zukunft. Im Reden verrinnt die Zeit, das merke ich bei jeder Predigt. Im Schweigen steht die Zeit still, das merke ich in der Anbetung. Nicht das ich die Zeit totschlage, aber sie ist einfach Gegenwart. Ich erlebe, wie etwas blühen kann, weil alles seine Zeit braucht, in der Natur, in unseren Leben und in unserem Glauben. Wer auf den österlichen Gott in der Stille hört, der merkt irgendwann, dass uns die Zeit nicht wegläuft, sondern dass wir in ihr wachsen zur Ewigkeit. Dem Auferstandenen werden nicht einfach ein paar Jahre mehr geschenkt, weil er dem Tod nochmal von der Schippe gesprungen ist. Es ist neues, unbegrenztes Leben, das die Frauen verkünden sollen. Unser Schweigen kann zum Lob werden, wenn wir uns das von Gott zusprechen lassen und er in uns zu Wort kommen darf.

 

Liebe Schwestern und Brüder

Schweigen ist die Sprache der Sehnsucht. Wer immer nur redet, hat im Herzen keinen Platz für die Hoffnung. Die Menschen, die in den nächsten Tagen in den Evangelien Ostern erfahren, sind Menschen, die Sehnsucht nach Auferstehung haben und deshalb zunächst schweigen: Die Frauen in der Osternacht, Maria von Magdala am Ostertag und die Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Ihr Reden ist verhalten, eigentlich haben sie nicht zu sagen. Alle lassen sich vom Auferstandenen ansprechen und die Ohren ihrer Sehnsucht nach Leben stellen sich auf.

Wir sind noch weit entfernt vom großen Jubel, aber wir stehen schon in der österlichen Wirklichkeit. Jetzt ist die Zeit zum Hören. Gott und wir haben uns lange genug angeschwiegen. Ostern beginnt damit, dass wir ihn zu Wort kommen und zu uns reden lassen: „Fürchte dich nicht… Ich bin nicht mehr zurückgezogen in mich selbst, sondern trete heraus, um zu dir zu reden, vom Leben in Fülle.“ Amen.

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