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Predigt Osternacht 2022 „Sind Frauen die besseren Gärtner?“

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Liebe Schwestern und Brüder

Frauen sind die besseren Gärtner!“ Wenn man an mir als potentiellen männlichen Pendant Maß nimmt, dann ohne Zweifel. Als vor einigen Jahren die feministische Zeitschrift „Emma“ diese These auf die Titelseite setzte, ging ein Aufschrei der Entrüstung durch die Klein- und Schrebergärten unseres Landes. Mancher Jünger des großen Gartenbauers Fürst Pückler ließ verzweifelt Rechen und Harke fallen, wollte resigniert den Vorgarten betonieren und zum Parkplatz umwidmen. Manche sind bis heute so von diesem frechen Angriff traumatisiert und verunsichert, dass sie statt Erde und Grün lieber einen Steingarten um ihr Haus angelegen. Kaum war man auf diese stolz, haben die Umweltschützer einen auch schon wieder allen Spaß verdorben und gefordert, Steingärten zu verbieten, weil sie angeblich keine Pflanzen beherbergen und wenn, dann sog. Neophyten, die dort nicht hineingehören und die einheimischen Pflanzen verdrängen und so anderen Lebewesen Nahrungsmittel rauben.

Im Garten herrschen noch sehr klassische Rollenklischees: Der Mann sitzt auf dem Aufsitzmäher, attackiert mit der Motorsäge die Bäume und trimmt mit der Heckenschere alles, was blüht und so groß ist, dass er sich nicht bücken muss. Die Frau dagegen arbeitet vorzugsweise mit den Händen im Garten, gräbt vorsichtig die Erde um, damit keine Wurzel beschädigt wird, und legt achtsam knospende Blüten frei, die sonst von Laub, Erde und anderen Unrat erstickt werden. Ob das so stimmt, weiß ich nicht. Und selbst wenn ich es wüsste, würde ich mich schwer hüten, mir jetzt die Feindschaft aller Hobbygärtner zuzuziehen. Aber es sprechen schon einige Fakten dafür, dass Frauen nicht nur ausdauernde Hilfsarbeiter der männlichen Chefgärtner sind, die sich eher zu den großen und groben Aufgaben berufen sehen und deshalb die Feinarbeiten Frauenhänden überlassen.

Obwohl nur rund 7 % der Auszubildenden im Gartenbau Frauen sind, gehören Frauen zu den großen Protagonisten der Landschaftspflege. Mehr als dreißig Jahre wurden die berühmteste Gartenanlage Englands auf Schloss Sissinghurst in Kent von zwei Frauen, Pamela Schwedt und Sibylle Kreutzberger als Chefgärtnerinnen betreut und gestaltet. Vor kurzem erschien im Buchhandel ein wunderbarer Nachdruck des Herbarium Blackwellianum, dem ersten illustrierten Pflanzenbuch, das je eine Frau verfasst hat. Die schottische Lady Elizabeth Blackwell wurde im 18. Jahrhundert als Pflanzenillustratorin weltberühmt. Eigentlich wollte sie mit dem illustrierten Heilpflanzenbuch nur so viel Geld verdienen, dass sie damit ihren bankrotten Mann aus dem Schuldturm freikaufen konnte. Ihr Geistesblitz wurde zu einem der bedeutendsten Illustrationswerke der Botanik und ist heute berühmter als die meisten Werke männlicher Kollegen.

Ich weiß nicht, wie bei Ihnen daheim die Gartenarbeit verteilt ist, wer Koch und wer Kellner ist, wie es Gerhard Schröder wohl sagen würde, aber in jedem Fall sollte man Frauen im Garten nicht unterschätzen. Sie haben einen untrüglichen Instinkt für alles, was blüht, sei es noch so unscheinbar und undenkbar.

Wenn biblisch die Arbeit im Garten zwei Wurzeln hat, nämlich die Erfüllung des Schöpfungsauftrages und die Ursehnsucht, dorthin zurückzukehren, von wo wir vertrieben wurden, nämlich aus dem Paradies, dann ist auch die Heilige Schrift für die Fähigkeit von Frauen zu haben, das blühende Leben zu finden.

Drei Frauen führen uns heute in den Garten vor den Toren Jerusalems, nahe bei Golgatha. Sie haben keine Hoffnung, dass es dort noch irgendein Lebenszeichen gibt. Die Salben, die sie zubereiten haben, verraten ihre Resignation. Lukas schließt direkt an die Erzählung von der Grablege Jesu an. Er endet mit dem Hinweis, dass die Frauen den Leichnam gesalbt haben, um ihn so für die endgültige Bestattung am ersten der Tag der Woche vorzubereiten. Jetzt wollen sie ihn ein letztes Mal salben und so das Ritual der Beisetzung abschließen. Sie kommen nicht, um Jesus auszugraben oder in der Hoffnung, dass alles nur ein böser Traum war. Die wohlriechenden Salben sollen nur den Geruch des endgültigen Todes übertünchen. Aber noch vor den Männern ahnen sie, dass das Leben nicht verwelkt ist. Sie glauben der Botschaft der zwei Männer, ohne dass sie Jesus sehen. Die Jünger dagegen haben noch kein Gespür dafür, dass neues Leben im Grab aufgeblüht sein könnte. Nur Petrus überlegt. Den anderen Blindgängern muss Jesus erst nachlaufen, wie wir es am Ostermontag im wunderbaren Evangelium von den Emmausjüngern hören werden.

Maria von Magdala, Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus, werden zu durch ihre Liebe, Freude, Einfühlsamkeit und Hoffnung Chefgärtnerinnen im österlichen Lebensgarten. Später werden die Männer sie verdrängen, aber niemand kann ihnen die Ehre nehmen, dass sie die ersten waren, die erkannten und glaubten, dass Jesus auferweckt wurde. Sie sind die besten Begleiterinnen auf einem Streifzug durch den Garten des Lebens. Ostern beginnt im Garten, nicht erst im Garten des Grabes, sondern am Uranfang in Garten der Schöpfung, den Gott selbst anlegte. Die erste Lesung aus dem Buch Genesis, das große Schöpfungslied der Bibel, bildet mit der folgenden Lesung vom Auszug aus Ägypten die Schlüsseltexte der hebräischen Bibel für das Verständnis dafür, was wir in der Osternacht feiern. Bereits der dritte Tag lässt das Chaos des Anfangs in sattem Grün und leuchtenden Farben erstrahlen, wie sie sich zurzeit in unseren Gärten allerorts widerspiegeln. Es ist kein Bericht, den uns die hebräische Bibel vorlegt, eine wissenschaftliche Abhandlung über astrophysische, biologische und chemische Prozesse, die die die Evolution des Lebens bedingten, es ist Lobpreis, ein Lied auf den Schöpfer in sieben Strophen. Getragen ist es vom Staunen über die Schönheit und Wunderbarkeit der Welt, wie wir es in diesen schönen Tagen gut nachvollziehen können: Gott hat ohne Grund, ohne Zwang, mit Leichtigkeit, ja spielend, so das hebräische Wort, souverän und nach seinem Plan den Kosmos geschaffen und in Bewegung gesetzt. Die Autoren des sechsten Jahrhunderts vor Christus erkannten schon, dass am Anfang ein Impuls stehen muss, der keine Vorbedingungen mehr hat. Da reicht ein Urknall nicht aus, der erleuchtet, wie da Leben in kürzester Zeit gleichsam explodierte, aber sich selbst nicht erklären kann. Schöpfung ist Eigeninitiative des Schöpfers.

Das Lied vom Licht und dem Wasser als Anfang des Lebens stellt uns „Himmel und Erde“ als Einheit vor. Der Aufbau erinnert an ein Bauwerk mit seinen einzelnen Stockwerken. Und in der Tat: Die Welt wird hier als ein solides und gegliedertes „Lebenshaus für alles Lebendige“ (Erich Zenger) vorgestellt. Nichts darin ist deplatziert, störend, bedrohlich. Es ist eine Welt ganz nach dem Willen dessen, aus dessen Befehlen sie hervorgegangen ist.“ Steins, Georg. Und es wurde Morgen: Die biblischen Lesungen der Osternacht (German Edition) (S.43). Verlag Friedrich Pustet. Kindle-Version.). Der Tod wird zum großen Störfaktor, zum scheinbar zurückkehrenden Chaos vor aller Schöpfung.

Es fällt auf, dass das Lied kein Wort über Raum und Größe verlieren. Es geht nur um die Zeit, um einen geordneten, sinnvollen und stimmigen Verlauf der Entwicklung. „Es wurde Abend und es wurde Morgen“, so die Grundstruktur der Schöpfung, in der schon am ersten Tag die Zeit da war. Zeit ist also das Typische für alles Geschaffene. Später wird ein weiser Mensch, der Prediger Kohelet, sagen: „Alles hat seine Zeit.“ Aber er hat auch verstanden, dass in der Zeit, die sich verliert, Gott ganz unmerklich seine Ewigkeit eingewoben hat. Alles braucht seine Zeit. Das Leben ist da, aber es entfaltet sich, wird uns nicht einfach in seiner ganzen Geheimnishaftigkeit hingeknallt und vorgesetzt. Es braucht immer noch Zeit, verändert und entwickelt sich weiter. Schöpfung, so wird uns am Anfang der Osternacht eröffnet, ist nicht ein Augenblick, sondern der Aufbau lebensnotwendiger und sinnhafter Ordnung. Die frühen Christen konnten für ihre Ostererfahrung keinen anderen Anhaltspunkt finden als dieses Urbild des Schöpfergottes. Für sie war Auferstehung keine Wiederbelebung eines Leichnams, sondern eine Neuschöpfung.

Wieder ist es allein Gottes Initiative, kein Zwang und keine Logik, die Jesus aus dem Tod holt. Die Ostererzählungen zeigen uns auch, dass sich nicht von einem Moment auf den anderen alles umdreht, sondern dass der Garten des Lebens erst langsam zu blühen beginnt. Noch ist es die wüste Erde des zweiten Tages, auf die das Wort der Engel bei den Frauen fällt. Sie verstehen nicht, zaghaft blüht die Hoffnung, dass es doch sein könnte, aber sie müssen erleben, dass die Jünger ihr Zeugnis abtun. Ostern braucht lange bis es sichtbar wird. Der Garten des Lebens, des Glaubens und der Hoffnung grünt langsam und bekommt erst nach und nach Farbe.

Gärten sind unterschiedlich, je auch nach Persönlichkeit und Einstellung des Gärtners. Der eine bevorzugt den schön strukturierten englischen Garten, der andere möchte möglichst wenig eingreifen und freut sich, so einen Lebensraum für viele Insekten und Tiere zu schaffen. Wie strukturiert oder natürlich unser Traumgarten auch sein soll, er gibt immer einen Plan zu erkennen, eine Idee, die ihm Sinn gibt. Auch der wild wuchernde Garten ist nicht ungepflegt oder verödet. Er hält geheime Orte und Überraschungen bereit, die ihn genauso zum Meisterwerk machen wie den Landschaftsgarten mit Seen und Wiesen, den Kräutergarten nach dem Plan der Heiligen Hildegard mit Thymian, Basilikum, Bohnenkraut und allen anderen Heilkräutern, die für Hildegard nicht fehlen dürfen, oder den Schrebergarten mit Gemüse aus dem Eigenbau. Immer wächst er unter Beobachtung und mit einem Plan. Was oft wie ein Durcheinander aussieht, ist kein Chaos, denn Chaos liegt als Todesmacht in der Lesung allem Voraus. Sinn und Plan kommt erst mit dem Ruf Gottes nach Licht in die Schöpfung. Vorher ist kein Leben möglich, weil das Tohuwabohu nicht einfach nur ein unaufgeräumtes Kinderzimmer ist, sondern lebensfeindliche, weil sinnlose Bedrohung. Jeder bekommt in sein Leben auf seine Weise Sinn und Entwicklung. Einer von uns liebt das kreative Durcheinander, in der doch alles seinen Platz hat wie auf meinem Schreibtisch. Der andere kann nur beruhigt leben, wenn er alle seine Begabungen und Talente in rechter Weise entfaltet und einbringt, und so seinen Mitmenschen Freude und Farbe ins Leben bringt. Einer pflegt die Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, die seinem Leben Zufriedenheit geben, und ein anderer tut uns einfach gut, weil er seine Lebenserfahrung reflektiert und heilend weitergibt. Die Schöpfung ist von Anfang an auf Vielfalt und Buntheit geöffnet, aber eben auch auf Sinn. Immer wenn wir den roten Faden in unserem Leben aufheben können, stehen wir im Einklang mit dem Willen des Schöpfers.

Die Natur ist in dieser Zeit ein wunderbares Bild für unseren Osterglauben: Das Frühjahr lässt scheinbar die Farben explodieren, aber bereits im Winter ist die Saat gewachsen. In keinem Jahr wird die Natur genau die gleiche Pracht entfalten wie im Vorjahr. Kein Frühling ist der Klon des letzten Frühjahrs und doch blüht es wieder. Ostern ist kein Ritus, der sich einfach im Jahreslauf wiederholt. Ostern ist jedes Jahr anders, aber da möglich, wo wir neu entdecken, dass irgendwie alles einen Sinn macht. Das wird uns manchmal schwerfallen. Die Winter des Lebens, Streit, Trauer, Angst, Zweifel können hart sein, sich lange hinziehen und unverhofft erneut einbrechen, aber nie stirbt das Leben ganz. Manche Hoffnung verliert sich, manche Freude wird enttäuscht wie Knospen, die schon am Aufblühen sind, und denen dann der Frost zusetzt, aber der Garten wird doch grünen. Wenn ich das heute bejahen kann, dann existiere ich nicht mehr im Chaos, sondern wohne im Garten des Lebens, der auch im Winter noch Kraft hat und seine Schönheit aufbaut. Das ist Ostern: Wir sind nicht einfach Träumer, die die Realität leugnen und uns der Illusion von einer heilen Welt hingeben. Wir haben oft heftige Schläge vom Karfreitag abbekommen, halten aber fest, dass alles noch einen Sinn und das Leben eine Zukunft hat. Dann sind wir eine Neuschöpfung, denn die Auferstehung Jesu, dem Weizenkorn, das in die Erde gelegt wurde, bringt auch durch uns ganz neue Frucht. Jeder, der jetzt Harke, Spaten, Aufsitzmäher oder Heckenschere herausholt, glaubt daran, dass aus seinem Garten etwas Schönes wird. Jeder, der heute seine Taufe erneuert, glaubt daran, dass der Schöpfer etwas Gutes aus seinem Leben und unserer Welt machen will. Mehr österliche Sicherheit braucht es gar nicht. Ostern will die Todesmächte durch den Aufbau einer lebensfreundlichen Ordnung in der Schöpfung und im eigenen Leben überwinden. In der ersten Schöpfung am Anfang der Zeiten wie in der neuen Schöpfung am Ostertag offenbart sich uns der „Ewige als Freund des Lebens.“ (Weish 11,26) Gott ordnet das Chaos und trennt die Dinge voneinander. So wird das Leben möglich. Gott tritt allem entgegen, was dem Leben keinen Raum gibt. Er sorgt für das Leben.

Bleibt die Frage, ob Frauen wirklich die besseren Gärtner sind? Theologisch haben sie zumindest heute die Nase vorne, sie ahnen und spüren das Leben, das aus der Erde bricht, viel schneller als ihre männlichen Kollegen. Aber bis Ostermontag bekommen die Letzteren dann doch noch ihre Chance, aufzuholen, den Auferstandenen zu erkennen und sich dem Leben zuzuwenden wie die Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Mancher Garten des Lebens blüht eben später, aber dennoch nicht weniger schön. Amen.

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