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Predigt Ostersonntag 2021

Endlich wieder“

Pfarrer Sven Johannsen, Lohr

Am_Tag_endlich_wieder.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Endlich wieder…“- Wenn Corona mal vorbei ist, dann werde ich endlich wieder

...nach Südtirol in den Urlaub fahren;

...mit Freunden eine ganze Nacht durchfeiern ohne auf eine Ausgangs- oder eine Kontaktbeschränkung zu achten;

...sieben Tage ununterbrochen auf der Festwoche sitzen.

Wenn Corona mal vorbei ist, dann wird endlich alles wieder wie früher.

Wirklich? Sind Sie sich sicher, dass alles wieder so sein wird wie vorher? Mancher wünscht sich das wahrscheinlich, aber wenn man ein wenig über das nachdenkt, was diese Monate mit uns gemacht haben, dann wird man wohl ahnen, dass nicht alles wieder so sein wird wie früher. Das liegt v.a. daran, dass wir selbst nicht mehr so sind wie noch vor 13 Monaten. Ohne Zweifel wird vieles, was jetzt nicht möglich ist, wieder zu unserem Leben gehören: Treffen, Feste, Reisen, Shoppen, Sport, Konzerte, Museumsbesuche, u.v.m…

Aber dennoch hat sich in uns etwas verändert: Partnerschaften, Nachbarschaften, Freundschaften, unsere Tagesabläufe und der anderen Menschen.

Ehen und Familien haben eine große Belastungsprobe hinter sich und wohl auch noch vor sich. Partner haben sich aber vielleicht neu kennengelernt, Konflikte ausgetragen und einander getragen. Es gab Momente, da hatte vielleicht der eine oder andere die Sehnsucht, davonzulaufen. Es gab Augenblicke, da war man einfach dankbar dafür, dass der andere da ist und mich in den Arm genommen hat, wenn ich wirklich nicht mehr konnte. Paare sind fester zusammengewachsen, aber auch mitunter aneinander gescheitert.

Freunde und Nachbarn haben wir neu kennengelernt: Mancher, von dem wir es nicht erwartet haben, hat sich als Panikmacher und Schwarzseher erwiesen und sich abgeschottet von uns. Andere, denen wir es nicht zugetraut haben, waren jetzt die verlässlichen Stützen, haben aufgemuntert und geholfen, vielleicht sogar mal heimlich mit uns im Keller gestanden und ein Bier getrunken ohne uns zu verraten.

Ganz egal wie gut unsere Beziehungen sind, jeder musste auch ganz persönlich diese Zeit bewältigen. Wie bin ich mit meiner Angst umgegangen, die ja auch jetzt noch da ist? Wie sehr haben mich die Ungewissheit im Blick auf die Zukunft, das ewige Hin-und-Her in der Politik, die Veränderungen in der Gestaltung meines Familien- und Berufsleben verärgert, ermüdet, verunsichert oder im Gegenteil stark und gelassen gemacht?

Ich bin der gleiche Mensch, aber diese Zeit hat mich verändert. Wir knüpfen nicht einfach an den Februar 2020 an und streichen die Monate dazwischen. Ängste bleiben, Verletzungen und Enttäuschungen haben Narben hinterlassen, Trauer ist eingezogen, aber ich habe auch Stärke ich gewonnen und neue Freude, vielleicht sogar Freunde gefunden.

Unsere Hoffnung „endlich wieder“ wird also keine Rückkehr zu früherer Normalität sein, schon allein deshalb nicht, weil ich das Rad der Zeit nicht zurückdrehen kann. Bedauern sie das?

Vielleicht wird es eine österliche Erfahrung sein, die uns noch bevorsteht, wenn es mal so weit ist, dass die Regierung alle Beschränkungen aufhebt und „Corona“ nur noch wie ein böser Albtraum klingt. Ostern ist nicht einfach die Rückkehr zum Zustand vor dem Karfreitag, gleichsam als hätte Gott die „Reset“-Taste gedrückt und alles auf Anfang gestellt. Der Auferstandene behält die Wundmale, d.h. der Karfreitag bleibt auch an Ostern gegenwärtig, das ist uns wohlbekannt. Ostern ist nicht Wiederbelebung, sondern Auferweckung zu einem neuen Leben, das aber in Kontinuität steht. Diese Erfahrung macht Maria von Magdala. In der Mahnung Jesu „Halte mich nicht fest“ wehrt der Auferstandene ihren Versuch ab, alles ungeschehen zu machen und wieder anzuknüpfen an das, was war. Das geht nicht, denn nicht nur Jesus musste eine einschneidende Erfahrung, den Abstieg in das Reich des Todes, machen, sondern auch Maria im Umgang mit ihrer Trauer um den verstorbenen Geliebten. Ohne dass es ihr schon bewusst ist, hat sich ihre Beziehung zu Jesus verändert. Ihre Liebe zu ihm ist immer noch stark, aber durch die Erfahrung seines Todes muss sie sich neu entfalten. In den Stunden von Karfreitag bis zum Ostermorgen hat sich ihre Liebe wandeln müssen, damit sie nicht zerbricht. Sie musste über das Grab als letzte Grenzen denken und den, den sie im irdischen Leben mit der ganzen Glut ihres Herzens liebte, in neuer Form als Verstorbenen in ihrem Herzen lebendig halten. Die Liebe ist stark wie der Tod, sagt das Hohelied der Liebe. Maria musste in dieser Zeit sich weiterentwickeln, damit ihre Liebe sogar stärker ist als der Tod, sonst hätte sie es nie bis zum Grab geschafft. Die Liebe wurde vom Halten zum Hoffen. Für einen Augenblick wünschte sie sich sicher „endlich wieder“, aber Jesus lässt diese irrige Sehnsucht gar nicht weiter blühen. Er gibt ihr einen Auftrag, macht sie zur Osterbotin. Die Kraft ihrer Liebe, mit dem sie dem Toten einen Platz in ihrem Herzen bewahrt hatte, wird nun zur Energie der Hoffnungsbotin und Apostolin, die denen, die noch im Dunkel der Trauer sitzen, eine neue Perspektive gibt. Es gibt kein „Zurück“ in die gute alte Zeit vor dem Karfreitag, es gibt nur ein „Vorwärts“ in die neue Zeit nach Ostern.

Das, was in Maria von Magdala als Modell des österlichen Menschen vor sich geht, bringt die Ostersequenz in das ausdrucksstarke Bild vom Kampf zwischen Leben und Tod. Jedes Jahr vor dem Evangelium hören wir es wie einen Schlüssel für die innere Zerrissenheit in der Frau, die eigentlichen einen Toten sucht, und begreifen muss, dass ihr ein Lebender begegnet:

Tod und Leben rangen in wundersamem Zweikampf.Der Fürst des Lebens starb, als Lebender herrscht er jetzt.“

Der Tod ringt in ihr, wo sie dem Alten nach trauert und sich nicht löst von dem, was war und nicht mehr sein kann. Wäre alles wie vorher, hätte doch der Tod triumphiert, weil dann Ostern nichts anderes wäre als ein Gewinnen von Zeit. Ihnen wären ein paar Jahre geschenkt, aber am Ende mündet alles wieder in den Tod.
Das Leben triumphiert in dem Moment, wo sie Neues zulässt und bereit ist, sich zu verändern. Jetzt ist sie selbst ein neuer Mensch mit einer neuen Aufgabe und einer neuen Perspektive. Die Trauer und der Schmerz sind Teil ihrer österlichen Geschichte, aber sie begrenzen ihren Blick nicht mehr.

Wir haben in diesen Monaten viel verloren: Menschen, die wir kannten, Freiheiten, Lebensqualität, Nerven und Gewohnheiten. Österliche Menschen werden wir, wenn unsere Sehnsucht nicht beschränkt ist auf das „endlich wieder“, sondern sich öffnet für das „ab jetzt“.
Im Ringen zwischen Leben und Tod siegt das Leben, wenn die Welt nach dem Ende der Pandemie nicht einfach zurückkehrt zu ihren alten Gesetzmäßigkeiten, sondern Geschwisterlichkeit wirklich wichtiger wird als wirtschaftliche Globalisierung. Ein Hoffnungsindiz dafür ist die Bereitschaft der EU, im Blick auf Impfstoffe auch die ärmeren Länder solidarisch mitzubedenken.


Im Ringen zwischen Leben und Tod siegt das Leben, wenn in unserer Kirche und unserer Gemeinde nach dem Aufhebung aller Beschränkungen sich nicht die Utopie breit macht, dass alles wieder wie früher sein muss. Dann werden wir bitter enttäuscht. Österlich wird die Kirche, wenn sie die augenblickliche Situation nicht nur als Bedrohung empfindet, jede Kritik als feindlich ablehnt und sich im Kampf mit einer glaubenslosen Welt sieht, sondern aufbaut auf dem starken Glauben, den viele ihrer Mitglieder in dieser Zeit gezeigt und gelebt haben. Sicher werden wir zahlenmäßig weniger sein, aber vielleicht wird der Glaube lebendiger sein, weil wir als hauptamtliche Vertreter der Kirche auch sehen konnten, wie stark in Familien und Alleinstehenden das religiöse Leben noch lebendig ist.


Im Ringen zwischen Leben und Tod siegt das Leben, wenn wir als einzelne spüren, dass Hoffnung nicht nur ein Lieblingswort von Pfarrern in ihren Predigten ist, sondern wirklich eine innere Gewissheit, die mich auch in diesen schweren Zeiten getragen hat und aus der ich weiterhin schöpfen kann.


Im Ringen zwischen Leben und Tod siegt das Leben, wenn wir am Ende dieser Zeit nicht nur glücklich in unseren Familien alle wieder unsere Wege gehen, in die Schule, in die Arbeit, sondern auch uns bewusst werden, dass man solche Krisen gemeinsam schafft, gerade auch dann wenn man sich manchmal fast am Ende fühlt, und wir danken können, dass wir Menschen haben, die für uns und für die wir da sein können.

Ich wünsche Ihnen, dass sie bald endlich wieder vieles genießen können, was in den letzten Monaten nicht möglich war. Ich durfte nach der Öffnung der Geschäfte in frohe Gesichter blicken, weil Geschäftsleute endlich wieder arbeiten konnten. Aber ich wünsche uns auch, dass wenn es einmal wirklich so weit ist, wir nicht einfach zur Tagesordnung zurückkehren, sondern aus den Schmerzen und Freuden dieser Zeit etwas mitnehmen, dass ab jetzt uns zu froheren und dankbareren Menschen macht. Amen.

 

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