headeroben

Predigt Palmsonntag 2021

Heute besuche ich mich selbst – Hoffentlich bin ich zuhause“

Die Karfreitagsprozession als Weg zu mir selbst

Palmsonntag_2021_Morgen_will_ich_mich_besuchen.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Morgen gehe ich mich besuchen. Hoffentlich bin ich daheim“, so einer der bekanntesten Sprüche des Wortakrobaten Karl Valentin. Es war seine Begabung, in doppelter Weise lustig zu sein. Viele seiner Pointen wirken beim ersten Hören wie Kalauer, absurd und unsinnig. Es braucht aber kein großes Nachdenken, dann stellen sie sich als sehr hintergründige und ironische Einsichten heraus. Der Wunsch „hoffentlich bin ich daheim“ ist so ein genialer Gedanke, der in wenigen Worten das Dilemma des Menschen beschreibt: Wie oft bin ich nicht wirklich bei mir, stehe neben mir, gerate außer der Spur? Es gibt Tage, die laufen an mir vorbei wie ein Film. Viele Menschen quälen sich mit der Frage, ob das, was sie da an Zeit verbringen, wirklich ihr Leben ist oder nur ein Abspulen von Terminen und Verpflichtungen. „Wo bleibe ich? Wer bin ich denn überhaupt?“, fragen sich immer mehr Menschen in einer Zeit, in der uns einerseits Rollen, Klischees und Ziele von den Medien vorgegeben werden und wir andererseits immer öfter danach fragen, wie wir uns selbst verwirklichen können. „Ich bin nicht bei mir. Ich stehe neben mir“ – das können wir in vielen Situationen sagen, die geprägt sind von

  • Überforderung und Stress, die mir keinen Raum lassen, das zu tun, was ich eigentlich möchte.

  • Routine und Alltäglichkeit, die mir die Kreativität und die Lust rauben, Neues zu entdecken.

  • Schulderfahrungen, Beschuldigungen und Zweifel, die mir das Vertrauen in meinen eigenen Selbstwert nehmen.

  • Krankheit und Leid, die mir die Lebensfreude trüben

  • Herausforderungen und Konflikte, die sich wie eine Spirale immer mehr zudrehen.

Es gibt zahlreiche Augenblicke, in denen wohl viele von uns spüren, dass sie nicht mehr mit sich selbst auf Tuchfühlung sind, sich fremd im eigenen Leben vorkommen und das Gefühl haben, am eigenen Leben vorbeizulaufen. Das halten wir nicht ewig aus. Wer nicht er oder sie selbst ist, wird das Ziel verlieren. Daher ist es immer, nicht nur in Zeiten, in denen ich all diese Irrwege in meinem Leben wahrnehmen, wichtig, sich selbst zu besuchen, in die Tiefe zu gehen und zu mir zu finden.

Viele üben dafür hilfreiche Methoden ein: Yoga, Meditation, Spaziergängen, bei denen das Handy ausgeschaltet wird, aber eben auch die uralten christlichen Praktiken, das Lesen der Bibel, die Anbetung, das Herzensgebet, in dem ich einfach vor Gott bin.

Vielleicht kann auch die diesjährige Karfreitagsprozession in ihrer ungewohnten Form eine Hilfe auf dem Weg zu mir selbst sein. Wir werden ja in diesem Jahr viel Zeit haben, die Figuren zu besuchen und vor ihnen zu verweilen. Anders als sonst werden die Figuren nicht in einem eindrucksvollen, schweigenden Zug an uns vorbeigetragen, sondern werden für eine Woche einen festen Platz in Kirchen und öffentlichen Gebäuden bekommen. Wir haben also nicht nur wenige Minuten, um andächtig auf die dreizehn Stationen des Leidens Jesu zu schauen, sondern machen uns in diesem Jahr auf, um die einzelnen Stationen zu besuchen und ihre Botschaft zu betrachten.

Aus kunsthistorischem Interesse braucht man unsere Figuren nicht besuchen. Es gibt sicher bedeutendere Zeugnisse künstlerischer Fertigkeit. Wenn wir in diesem Jahr die Kirchen besuchen, in denen ja immer nur eine oder höchstens zwei Figuren stehen, dann geht es uns ganz konkret um die Verknüpfung des Leidensmoment mit unserer Lebenssituation.
Der Kreuzweg Jesu ist nicht nur geprägt vom Entsetzen über das Unglück und das Unrecht, das einem einzelnen Menschen widerfährt, sondern eröffnet uns einen Blick auf die Tiefen unseres Seelenlebens, unseres eigenen Leidens, aber auch unserer Schuld. Davon spricht die Lesung aus dem Philipperbrief, die Jahr für Jahr über den Abstieg des Gottessohnes in die Abgründe menschlichen Lebens nachdenkt.

Christus lässt sich einspannen zwischen die Pole unseres Menschseins, unserer göttlichen Abkunft und unserer irdischen Endlichkeit, Höhepunkt und Tiefpunkt unseres Lebens. Wenn es in unserer Lesung heißt, dass er nicht daran festhält, Gott gleich zu sein, dann verwendet Paulus ein Wort, das man auch übersetzen kann: „er macht sich leer.“ Er macht sich leer von allem, was ihn bisher als Sohn Gottes angefüllt hat, um so in seiner Menschwerdung Platz zu haben für unser Ich. Wenn wir die Figuren betrachten, Jesus sehen, dann sehen wir das Menschsein wie Gott es sieht: in seiner Größe und in seinem Elend. In Psalm 8 fragt der Beter: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ Schaut man auf den Menschen, der uns in den Figuren begegnet, dann ist er wirklich nicht beachtenswert: Verwundet, enttäuscht und gefangen.

Wir begegnen dem Menschen, der gerade noch mit seinen engsten Vertrauten gefeiert hat und sich nun in seiner Angst verlassen und im Stich gelassen fühlt von Freunden und allen, auf die er gesetzt hat, wie Jesus beim letzten Abendmahl und am Ölberg.

Wir begegnen dem Menschen, der zum Schauspiel wird für andere, die ihn einengen durch Erwartungen und Rollen, die ihn vorführen und lächerlich machen, wie Jesus bei der Gefangennahme und der Verspottung.

Wir begegnen dem Menschen, der leiden muss und zum Objekt des Willens und der Willkür anderer wird, wie Jesus bei der Geißelung und als „Ecce-Homo“.

Wir begegnen dem Menschen, der in der Öffentlichkeit bloßgestellt wird durch Mobbing, Demütigungen und Gerüchte, wie der Jesus, der seiner Kleider beraubt wird.

Und schließlich stellen wir uns unserem menschlichen Schicksal der Endlichkeit und unserer Angst vor dem Tod im Heiligen Kreuz, in der Pieta und im Heiligen Grab.

Es sind lebensechte Figuren, die wir aufsuchen: Nicht nur aufgrund ihrer Größe, sondern v.a. im Blick auf ihre Botschaft. Sie erzählen von uns, von unserer Größe und unserem Elend.

Wer sich aufmacht in diesen Tagen, um die Figuren zu sehen und zu betrachten, der geht zu sich selbst in der Gestalt des leidenden Christus. Paulus sagt im Galaterbrief: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal 2,20).

Was für uns in diesem Jahr noch mehr als sonst erkennbar werden darf: Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden, hat in uns Wohnung genommen und wenn wir ihm begegnen, dann begegnen wir auch uns.

Meister Eckhart hat vor rund siebenhundert Jahren das kurze Wort Karl Valentins schon vorweggenommen, wenn er in einer Predigt sagt: „Gott ist allzeit bereit – aber wir sind sehr unbereit. Gott ist uns nahe, aber wir sind ihm ferne. Gott ist drinnen, wir sind draußen. Gott ist in uns heimisch, wir sind Fremde.“

Vielleicht können uns die Momente, die wir vor den Figuren unserer Prozession in diesem Jahr in Stille verbringen, uns mehr zu uns führen, uns aus der Entfremdung lösen und uns wieder in uns heimisch werden lassen.

Morgen will ich mich besuchen. Hoffentlich bin ich zuhause. Helfe uns dieser Stationenweg dabei, bei uns zu sein und neu zur Mitte unseres Lebens zu finden, die sich eröffnet in Jesu Leiden, Sterben und Auferstehen. Ich wünsche uns, dass wir wie der Beter des Psalms nach dem Betrachten sagen können: „Du hast den Mensch nur nur wenig geringer gemacht als Gott. Du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.“ Und das gilt gerade auch da, wo wir am tiefsten Punkt unseres Lebens angekommen sind. Amen.

 

Sven Johannsen, Pfarrer

­