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Pfingsten: Die Unermesslichkeit bricht ein in die Vergänglichkeit

2021_Wolke_und_Stein_NImbus.pdf

Zur Reihe "Nimbus" von Berndnaut Smilde: https://www.berndnaut.nl/works/nimbus/

Liebe Schwestern und Brüder

 Eine tolle Fotomontage! Es ist erstaunlich, was man heute mit einem guten Bildbearbeitungsprogramm alles machen kann.

Sie täuschen sich! Das Foto ist nicht am Computer als Simulation entstanden, sondern eine tatsächliche Momentaufnahme. Es zeigt wirklich eine Wolke in einer Kirche, in historischen Räumen, Museen und Festsälen. Der holländische Künstler Berndnaut Smilde hat für seine Reihe „Nimbus“ echte Wolken in leeren Räumen geschaffen und fotografiert. Nimbus meint für Smilde „Wolke“ und „Heiligenschein“. Ihn fasziniert die Doppeldeutigkeit von Bedrohlichkeit und Göttlichkeit. Seit 2010 kreiert der in Amsterdam lebende Künstler diese Wolken im Raum, so z.B. im Rahmen einer Ausstellung 2014 in der gotischen Kirche St. Peter in Köln. Sie existieren nur wenige Sekunden und verschwinden dann auch schon wieder. Er arbeitet mit sehr einfachen Mitteln, einer Nebelmaschine und Wassertropfen, auf die er den Rauchstrahl richtet, so dass sie für einen kurzen Moment Wassertröpfchen und Rauch verbinden. Der Rauch wird schwerer und zu Boden gezogen, so dass eine Wolkenform entsteht. Die Idee einer Wolke im geschlossenen Raum fasziniert: Da gehört sie nicht hin, stört, und fasziniert zugleich. Der Künstler schafft Bewusstsein für Vergänglichkeit und hält das Vergangene zugleich für immer im Bild fest. Das Flüchtige bekommt Ewigkeit. Obwohl doch im Moment, in dem ich das Bild betrachtet, die Wolke schon längst nicht mehr existiert, wird sie doch wieder sicht- und erlebbar.

Eigentlich prallen in diesen so ästhetisch-harmonischen Bilder von Smilde zwei Elemente aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein können:

  • die luftige Wolke mit der Lebensdauer einer Seifenblase, schön, anmutig, aber vergänglich,

  • und der harte Stein mit der Aura der Ewigkeit, kalt, fest, aber beständig.

Ganz bewusst nutzt Smilde das leichteste Element, das der Mensch kennt, ein Aerogel, und setzt es in Räume mit Geschichte, Kirchen, Renaissancebauten oder Museen.

Er will zwei Dimensionen zusammenbringen, in die letztlich unser Menschsein wie in eine Ellipse mit zwei Polen eingespannt ist: Die Vergänglichkeit und die Ewigkeit, das Verschwebende und das Beständige.

Diese lebendige Spannung ist das Wirkungsfeld des Gottes Geistes, der hier seine Kraft entfaltet. Jesus selbst schreibt ihm beide Verortungen zu.

Im Abendgespräch mit Nikodemus antwortet Jesus dem erstaunten Pharisäer im Blick auf die Frage „Wie kann man von oben wiedergeboren werden?“:

Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht.“ (Joh 3, 8)

In den Abschiedsreden verheißt er dagegen den Jüngern den Geist als Paraklet, als Anwalt, Fürsprecher und v.a. Beistand, der bleibt:

Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, 17 den Geist der Wahrheit“

Der Geist Gottes ist weder eine spontane Eingebung, ein Blitzlicht, das mich zufällig erleuchten kann, noch ist er eine Ideologie, die mich beherrscht. Er ist verlässlich, aber auch frei in seinem Wirken. Gerade darum kann er in die Zerrissenheit von Zeit und Ewigkeit in der menschlichen Erfahrung einbrechen und wirken.

 

1. Der Geist bricht in unsere Vergänglichkeit ein:

Die Wolke aus Wasser und Rauch besteht nur für einen Augenblick. Fünf Sekunden hat der Fotograf, dann ist alles wie vorher. Wenn wir seine Bilder sehen, dann gibt es dieses Phänomen nicht mehr, nur noch die im Bild festgehaltene Erinnerung. Vergänglichkeit haftet wie eine Seuche allem Lebenden an. Wir können das Schöne nicht ewig festhalten, sondern uns nur daran erinnern und auf eine neue Erfahrung hoffen. Glücksmomente sind schnell vorbei, dauern einen Augenblick, manchmal einen Abend, aber sie liegen immer zurück, wenn wir sie als Einbruch in unseren Alltag deuten:

  • Die Liebe auf den ersten Blick, so es sie denn gibt, wird zu einer vertrauten Selbstverständlichkeit oder im schlimmen Fall zu einer faden Routine.

  • Die Kinder, über deren Geburt und Taufe wir uns freuen, reifen zu jungen Menschen heran, auf die wir stolz sind, oder werden im schlimmen Fall zu Streitpartnern, mit denen man kein Wort mehr spricht. Wie viele Familien betrifft dieses Leid der Sprachlosigkeit.

  • Die Angst, dass von einem Moment auf den anderen unser Leben aus den Fugen gerät.

Oft ahnt man das Unheil, das wie eine dunkle Wolke aufzieht. Manchmal aber bricht der Sturm einfach los und man steht im Regen. Die Wolken in den Bildern von Smilde verfärben sich bedrohlich und wirken manchmal explosiv. Alles, was sicher ist, geht plötzlich in Schall und Rauch auf, verflüchtigt sich, so eine Grundangst des Menschen.

Der Prediger Kohelet bringt es in die ernüchternden Worte:

Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.“ (Kohelet 1,2)

Zugleich aber sind die Bilder „Atem, Wind, Hauch“ auch die Umschreibungen für den Heiligen Geist. Heißt das, dass auch Gottes Kraft nur flüchtig und unzuverlässig ist? Geht all unser Beten eigentlich in der Regel ins Leere und Erhörung ist nur ein Zufallstreffer? Mancher wird das aufgrund eigener bitterer Erfahrungen so sehen. Auf Gott kann man sich nicht verlassen. Wer betet, baut auf Sand.

Das Bild der Wolke ist aber in der Bibel durchaus ein gebräuchliches Bild für Gott, um seine geheimnisvolle Seite zu beschreiben. Die Psalmen beschreiben die Wolken als den Wohnsitz Gottes und lösen ihn so aus der Fessel irdischer Niedrigkeit heraus. Er ist kein Fetisch, keine menschliche Einbildung und keine Instrument zur Manipulation durch den Menschen. Er ist dem menschlichem Besitz entzogen. Er wirkt wo er will, gerade in der Person des Heiligen Geistes.

Für die biblische Überlieferung ist die Wolke die Sicherheit der Gegenwart Gottes. Nach dem Bau des Tempels unter König Salomo und der Übertragung der Bundeslade erfüllt eine Wolke den Raum, die mit der Herrlichkeit Gottes gleichgesetzt wird.

Die Bilder Smildes deuten eine biblische Urüberzeugung an: Der Himmel bricht in die Wirklichkeit der Erde ein. Wolken sind auch Sehnsuchtsorte einer Hoffnung, dass nichts so sein muss, wie es ist, und alles einem unbarmherzigen Schicksal folgt, dem wir nicht entrinnen können bis zu unserem Ende. Für einen flüchtigen Augenblick können wir erahnen, dass unser Leben mehr ist als ein paar begrenzte Jahre, die in Alter, Gebrechlichkeit und Krankheit enden müssen. Verschwebend macht sich der Geist erlebbar in den großen Momenten, die uns über uns selbst hinaus denken lassen. Das können ganz einfache Natur- und Wettereindrücke sein, ein Sonnenstrahl, ein Regenbogen oder Moment, in dem sich der dunkle Himmel öffnet. Das können Eingebungen sein, die mir helfen, ein Problem zu lösen, Antworten auf Fragen zu finden, die mich beschäftigen, Worte der Ermutigung und des Trostes, eine Sicherheit im Beten, die mir sagt, dass ich Gott ganz nahe bin und er mir nahe ist.

 

2. Der Heilige Geist ist fester Grund und führt uns in die Tiefe

Gerade wenn ich nicht resigniere angesichts der Wahrheit, dass alles Windhauch ist, dass ich mich selbst aufblähe, um mich wichtig zu machen, und dass meine „wichtigen“ Worte einfach nur verhallen, verhindere ich, und kann in die Tiefe gehen, die keine Sackgasse ist. Hinter all den Sicherheiten, die sich als vergänglich erweisen, wartet dann die Kraft, die mich mit dem Unermesslichen verbindet. Wunibald Müller schreibt darüber:

Wenn ich meine Tiefe nicht als Abgrund, als Nichts, als das Ende, als eine Sackgasse sehe, sondern als eine Öffnung in die Unendlichkeit und Unermesslichkeit, bringt mich meine Reise nach innen in Berührung mit diesem Unermesslichen, bewirkt, dass ich mich angeschlossen fühle an das Unendliche. Von dieser Erfahrung geht eine Kraft aus, die sich über mich, mein alltägliches, bewusstes Leben ausbreitet.“

(Wunibald Müller; Atme in mir. Münsterschwarzach 2008, 15)

 

Dann aber ist das Bild für Gottes Geist nicht mehr die Wolke, die sich auflöst, sondern der sichere Raum, in dem ich geborgen bin. Auch diese Erfahrung schenkt der Geist Gottes. Er ist der Grund, auf dem unser Leben bestehen kann, weil er uns als Beistand von Jesus zugesagt ist, der uns in die Tiefe führt und nicht in den Abgrund reißt. Der Heilige Geist öffnet uns aus der Begrenztheit irdischer Sicherheit in die Geborgenheit der göttlichen Unermesslichkeit.

 

Das verdeutlicht ein bekanntes Gedicht aus der Bibel Israels.

Eine meiner Lieblingsstellen in der Bibel ist das Zeitgedicht des Kohelet. Sie kennen die berühmten Worte:

Alles hat seine Zeit. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“ Und dann beschreibt der Prediger Kohelet das Erleben von Zeit in Gegensätzen. Der Mensch erfährt die Zeit nicht als einen großen Fluss, der immer träge weiterfließt, sondern voller Spannungen und Wechselfälle. Es gibt eine Zeit zum Gebären und zum Sterben, eine Zeit zum Verletzen und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit des Umarmens und eine Zeit des Lösens, eine Zeit zum Klagen und eine Zeit zum Tanzen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden. In diesem Spannungsbogen finden Menschen ihr Dasein wieder und empfinden so diesen Text als Trost im Abschied von einem Angehörigen. Der Prediger erinnert uns daran, dass man nicht Beides zur gleichen Zeit tun kann, lachen und weinen, schweigen und reden, aber auch dass das Schöne und Glückliche immer der Schlussakkord unserer Lebensmelodie ist.

Aber es wäre zu wenig im christlichen Glauben, wenn wir nur dankbar sein könnten, dass es nicht nur schwere Zeiten gibt, und uns die glücklichen Momente in Erinnerung rufen als sehnsüchtigen, melancholischen Rückblick auf Erfahrungen, die nicht mehr zurückkehren, aber die wir als festen Schatz in unseren Herzen tragen. Der Prediger Kohelet geht weiter und schreibt, was man oft bei seinem Zeitgedicht nicht mehr am Ende liest, eine tiefe Erkenntnis:

Überdies hat er die Ewigkeit in ihr Herz hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wiederfinden könnte.“

Er weist uns darauf hin, dass die Gegensätze sich doch einmal berühren, in der Ewigkeit, weil Gott in allem da ist. Es blitzt der uns vertraute Gedanke der Mathematik von den parallelen Geraden auf, die sich nicht berühren können in der materiellen Welt, aber sehr wohl in der Unendlichkeit. Gott webt in unsere Zeit seine Ewigkeit hinein, genau das ist doch das, was ich unter Heiligem Geist verstehe, also die Fähigkeit zu erkennen, dass nicht nur alles vergänglich, nichtig und flüchtig ist, sondern Momente des Beständigen und Dauerhaften zu spüren, die mich weiten für die Ewigkeit.

Das können Naturerfahrungen sein, eine Gipfelbesteigung, die uns das Gefühl vermitteln, verbunden zu sein mit allem Seienden.

Das können Erlebnisse des Vertrauens sein, die uns spüren lassen, dass wir Menschen nicht grundsätzlich misstrauen müssen, sondern der göttliche Funke in ihnen überspringt.

Das können Momente des Gebetes sein, in der ich über mich und meine Probleme hinausschreite und mich unendlich gehalten und geborgen weiß.

Immer dann wird das Unermessliche zum Bergenden in der messbaren Zeit.

Dann gehört die Wolke als Zeichen des Einbruchs Gottes in die Mauern der Angst und des Zweifelns, von denen das Evangelium heute redet, tatsächlich in den Raum und stört nicht.

Die Lesung verwendet das Bild vom Feuer und Sturm, das Evangelium von Einhauchen des Lebensatems für Pfingsten. Immer wieder geht es um scheinbar flüchtige Momente, die nicht mit Fotokameras dokumentiert oder mit naturwissenschaftlichen Formen bewiesen werden können, aber den Menschen tief berühren und verändern, neue Sicherheit geben und über sich hinausschreiten lassen.
So bringen die „Wolken im leeren Raum“ von Bern
dnaut Smilde symbolisch das Pfingstereignis ins Bild, und bekräftigen sie als tatsächlich mögliche Erfahrung, nicht als Einbildung und Projektion.

Der Geist Gottes hat Kraft, uns aus den Fesseln des Endlichen zu lösen und zu befreien zu einem neuen Denken, das in die Weite geht, wie es in einem Gebet des Heiligen Augustinus anklingt:

 

Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.
Locke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges bewahre.
Hüte mich, du Heiliger Geist, dass ich das Heilige niemals verliere.

 Mit Blick auf diese große Spannung zwischen der bitteren zeitlichen Erfahrung unserer Vergänglichkeit und unserer ermutigenden Hoffnung auf die Ewigkeit, können wir mit dem alten Pfingsthymnus an um die Kraft des Heiligen Geistes beten, dem zugeschrieben wird, dass er die Wunden des Endlichen heilt und die Brücke zum Unermesslichen schlägt.

 

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.

Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit. Amen. Halleluja. (Pfingsthymnus)

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