headeroben

Predigt Taufe des Herrn 2021

Vier Frauen im Monsunregen“

(Zu einem Foto von Raghubir Singh "Vier Frauen im Monsun")
Foto: https://www.moma.org/collection/works/55535 

Taufe_des_Herrn_2021_Vier_Frauen_im_Monsum.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Nicht nachlassender Regen, überschwemmte Felder, Häuser, die wie Inseln im Wasser stehen, unter der Last der Regenmassen eingestürzte Dächer, Bäume und Strommasten, die vom Wind umgeknickt wurden wie Zahnstocher. Jahr für Jahr wiederholt sich auf dem indischen Subkontinent das gleiche Naturphänomen. Anfang Juni beginnt der Monsun, die Regen- und Sturmzeit, vom Süden beginnend bis hinauf in die Ebene des Ganges und zum Himalaya-Gebirge. Eigentlich betrifft das Phänomen des Monsun viel mehr Regionen der Erde, aber nirgends kann man es so intensiv und regelmäßig mitverfolgen wie in Indien mit seinen 1,3 Mrd. Einwohnern. Vom indischen Ozean ziehen dann Winde zum Kontinent und bringen Wassermassen vom Meer ans Festland und regnen sie ab.

Jedes Jahr zur Zeit des Sommermonsuns erreichen uns dann erschreckende Bilder: Erdrutsche, Straßenzüge, die weggespült werden von Schlammlawinen, und viele Tote, die bei Unwettern oder Überschwemmungen zu Opfern werden. Allein 2019 kamen so 1600 Menschen in Indien ums Leben. Wer die zerstörende Gewalt des Wassers erleben will, muss nur regelmäßig in dieser Zeit die Nachrichten aus Indien verfolgen. Wasser vernichtet, reißt weg, tötet. Und doch lassen die Wassermassen des Monsun seit Jahrtausenden die Menschen nicht nur verzweifeln, sondern v.a. auch hoffen. In den Monsun-Monaten fallen rund 75 Prozent des Niederschlags in Indien. Fällt der Regen zu schwach aus, dann drohen Dürre, Missernten und so Hungersnot. 2016 hat diese Katastrophen noch mehr Menschen das Leben gekostet als die regulären Überschwemmungen. Wasser ist Bedrohung und Hoffnung zugleich. Das erleben Menschen in Indien nun seit Jahrtausenden.

Familie Pearson hat mir für heute ein Bild des indischen Fotografen Raghubir Singh zur Verfügung gestellt, dessen Original sich im MOMA, dem Museum of modern Art, in New York befindet. Singh war einer der Pioniere der Farb-Fotografie und, obwohl er die meiste Zeit seines Lebens in Hongkong, Paris, London und New York verbrachte, ein aufmerksamer Beobachter des Lebens in seiner Heimat Indien. Er sah in der Farbfotografie die Möglichkeit, das Leben in einem winzigen Augenblick festzuhalten.

Seine Aufnahme „vier Frauen im Monsun“ stammt aus dem Jahr 1967 und gilt als seine erste erfolgreiche Aufnahme in diesem Sinn. Es zeigt vier Frauen am Ufer des Ganges, die sich bei heftigen Regen auf freiem Feld zusammendrängen und dem Regen trotzen. Ihre Saris, die traditionellen indischen Frauenkleider sind vom Regen so durchnässt, dass sie an ihn kleben wie die Gewänder an römischen oder griechischen Statuen der Antike.

In einem einzigen Augenblick erfassen wir eigentlich ihr ganzes Leben. Sie sind an die Regenmassen gewohnt, leben mit ihnen und der Gefahr. Das Wasser treibt sie nicht auseinander, weil es zu ihrer Kultur gehört. Wie oft haben sie solche Momente seit ihrer Kindheit schon erlebt? Wahrscheinlich würden wir in dieser Situation ganz anders reagieren und auseinanderdriften, damit sich jeder einen Platz zum Unterstellen suchen kann. Die Frauen aber sitzen einfach da, weil sie wissen, dass das keinen Sinn macht. Den Regen hält nichts ab. Sie wirken durchaus noch fröhlich. Wahrscheinlich kam gerade eine Windbö mit peitschendem Regen über sie, so dass die eine Frau aufsteht und den Sari richtet, während eine andere wohl so viel Wasser abbekommen hat, dass sie sich prustend zur Seite wendet. Während sie sich aneinanderdrängen, verdichten sich die Felder und der Fluss zu einer Art Regenmeer, das nur noch verschwommen den grünen Grund erkennen lässt. Dass sie den Regen unangenehm finden, können wir vermuten, aber wahrscheinlich dominiert das Wissen, dass ohne diesen Regen eine große Katastrophe droht. Ob sie nun als Pilgerinnen an den Ganges kommen, was ihre Kleidung nahelegt, oder ob sie auf den Feldern arbeiten, der Regensturm unterbricht ihr Tun für einen Augenblick, aber sie leben damit selbstverständlich, warten und hoffen auf den Monsun Jahr für Jahr.

In einem winzigen Augenblick das Leben erfassen, so das Ziel des Fotografen Singh. Tatsächlich erfahren wir durch diese Momentaufnahme viel über das Leben, die soziale Stellung, die Kultur und die Werte dieser Frauen und über die Tradition der indischen Bevölkerung.

In einem winzigen Augenblick das Leben erfassen – geht das auch im Blick auf Jesus?

Das Evangelium von der Taufe im Jordan ist einer der kürzesten Abschnitte, die uns in der Reihe der Sonntagsperikopen vorgelegt werden. Und dennoch hat dieser kurze Text eine Schlüsselfunktion für unsere Verständnis von Jesus als wahrer Mensch und wahrer Sohn Gottes. Natürlich erfassen wir nicht jedes Detail in der Momentaufnahme, aber da der Bericht von der Taufe Jesu am Anfang seines Weges steht, ist er angelegt wie eine Ouvertüre, in der alle wichtigen Themen schon erkennbar und ablesbar sind.

Zwei Erfahrungen der Taufe im Jordan werden ihn bis zum Kreuz begleiten, die auch Anknüpfungspunkte zum Bild der vier Frauen haben.

 

Gott geht unter die Haut“

„Nass bis auf die Haut“, so sagen wir, wenn der Regen unseren Körper nicht nur von außen bedrängt, sondern Kälte und Feuchtigkeit in uns eindrinen. Das können wir auch an den Frauen auf dem Bild erahnen. Nicht nur ihre Saris sind durchnässt. Sie sind nass bis auf die Haut. Wir können uns vorstellen, dass Nässe und Wind längst unter die Haut gekrochen sind. Wenn jemand so in den Regen kommt, dann möchten wir nicht in seiner Haut stecken. Oft genug sind wir froh, wenn uns das erspart bleibt, mit Blick auf Freunde, Nachbar, Bekannte, die Schwierigkeiten haben oder vor großen Problemen stehen. In deren Haut möchte ich nicht stecken, also nicht an deren Stelle sein. Aber gerade darum kommt Gott ins Fleisch, nimmt Jesus unser Menschsein an und wird geboren. Gott will uns nicht nur nahe sein, er will einer von uns sein, ja sogar in uns sein. Dieser rote Faden des wahren Menschseins Jesu zieht sich vom Stall in Bethlehem bis zum Kreuz auf Golgota. Es wird explizit vor den Menschen bekannt in der Taufe am Jordan. Jesus wird nicht Mensch auf Probe. Er, der wahre Gott, wird auch wahrer Mensch. Sein Fleisch ist unser Fleisch. Und damit macht er aus uns etwas. Wenn Gott in unserer Haut steckt und mit uns ist, dann sind wir mehr als das, was wir aus machen und was wir haben. Wir sind, so sagt es Paulus in seiner Rede auf dem Areopag in Athen, „von Gottes Art“:

„Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir, wie auch einige von euern Dichtern gesagt haben: Wir sind von seiner Art. Da wir also gottesgebürtig sind, dürfen wir nicht meinen, das Göttliche sei wie ein goldenes oder silbernes oder steinernes Gebilde menschlicher Kunst und Erfindung.“ (Apostelgeschichte 17, 28-29)

Wir sind also nicht nur mit Gott verwandt, sondern sein Ebenbild und das in aller Verschiedenheit. Wir brauchen keine goldenen oder silbernen Götterbilder, die uns ähnlich sind. Das Gesicht jedes Menschen ist sein Abbild. Deshalb können wir Gott auch nicht zur Seite drängen oder in die Besenkammer stellen wie eine Statue, vor der niemand mehr betet. Selbst wenn ich nicht die Kirche betreten will, komme ich letztlich nicht von ihm los. Der Mensch bleibt immer einer, der Gott sucht, auch wenn er manchmal glaubt, in falschen Göttern wie Besitz, Ansehen, Egoismus einen Ersatz gefunden zu haben. Letztlich sind auch diese „Ersatzgötter“ nur eine Bestätigung für die Haltung Jesu, der mit seiner Verkündigung des Reiches Gottes immer wieder seine Grundüberzeugung bekennt, dass der Mensch nicht „Gott-los“ werden kann. Wir hören oft von Menschen, dass sie Gott nicht brauchen, ja sogar, dass sie sich für überlegen halten, wenn Gott für sie kein Thema mehr ist. Als aufgeklärt gilt, wer Gott hinter sich gelassen hat. Andere schustern sich ihren Gott zusammen wie einen Fetisch, der sie beschützen soll. Letztlich aber hat Franz Kamphaus recht, wenn er sagt: „Das geht in der Regel auf Kosten des Menschen. Im Menschwerden ist Gott uns allemal voraus. Davon versteht er mehr seit Jesu Geburt im Stall.“

Seit Gott in unserer Haut steckt, werden wir ihn nicht los und dürfen zugleich darauf bauen, dass er uns nicht loslässt, wie fern er uns auch erscheint. Wir können groß von uns denken, obwohl wir uns schwach und klein fühlen, weil Gottes Sohn auch am tiefsten Punkt, an dem wir uns selbst in unserer Haut nicht mehr wohlfühlen, noch immer da ist. Nicht nur das Unwohlsein, das schlechte Gewissen, die Kälte kriechen unter unsere Haut, auch Gott steckt mit seiner Vergebung und seiner Gnade in unserer Haut

Gott lässt uns nicht im Regen stehen“

Wenn uns jemand im Regen stehen lässt, dann hat er uns als Freund enttäuscht und allein gelassen in einer Situation, in der wir seinen Beistand und seine Hilfe gebraucht hätten. Die Frauen im Bild stehen bzw. sitzen im Regen, aber sie lassen einander nicht im Regen stehen. Sie rücken zusammen und bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Wir können annehmen, dass dabei auch manchmal herzlich gelacht wird, wenn sie Böen umwehen. Gemeinsam ist man stark, wärmt sich gegenseitig und macht sich Mut. Das alles kann man aus dem Foto lesen.

Jesus, von dem wir sagen, dass er ohne Sünde ist, reiht sich ein in die Menge derer, die nach einem Neuanfang suchen. Das sind keine bösen Sünder, sondern Menschen, die im Alltag merken, dass bei all ihrem Mühen sie dennoch immer wieder in die Grauzone des Lebens abrutschen. „Du kommst zu mir“, fragt Johannes und ist verwirrt. Ja, Gott kommt zu uns, obwohl wir eigentlich zu ihm kommen müssten mit aller Last, die auf unseren Herzen liegt. Aber Gott ist kein absolutistischer Monarch, der gnädig dem Unterwürfigen Vergebung gewährt, er wird Mensch und kommt zum Jordan wie ein Sünder unter Sündern. Wenn der Sohn Gottes Mensch wurde bis in die Tiefen und Abgründe unseres Lebens, die in den Fluten des Jordan ihren Ausdruck finden, müssen wir nicht untergehen in der eigenen Inkonsequenz, in der wir uns verstricken. Weil der, für den alles möglich ist, zu einem von uns gesagt hat „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich mein Wohlgefallen“, müssen wir uns nicht Liebe und Ansehen durch Wohlverhalten und perfekte Leistung erkaufen. Wie seinen Sohn am Kreuz lässt Gott auch uns nicht im Regen stehen. Wir können glauben, dass der Himmel auch für uns aufreißt.

Ein Augenblick, in dem sich das ganze Leben erfassen lässt. Wenn Christus in die Tiefe des menschlichen Lebens steigt, dann brechen die Grenzen des Himmels auf. Romano Guardini hat über diesen Augenblick gesagt, dass jetzt ein unendliches Begegnen einsetzt. In der Stimme vom Himmel wird Jesus und uns zugesagt, was jetzt für immer gilt: „Gott steckt in unserer Haut und lässt uns nicht im Regen stehen.“ Amen.

­