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Predigt Taufe des Herrn 2022

Einzig - allein, aber nicht einsam!“

2022_Einzig.pdf

 Liebe Schwestern und Brüder

 „The same procedure as last year, Miss Sophie?“ „The same procedure as every year, James.“

Die Sätze haben Kultstatus. Der Sketch „Dinner for one“ oder „Der neunzigste Geburtstag“ findet sich im Guinessbuch der Weltrekordeals die Sendung, die so oft wie keine andere im Fernsehen wiederholt wurde. Seit 1961 gehört sie zum festen Bestandteil des Silvesterprogramms und für manchen Zeitgenossen wird es kein neues Jahr bis er nicht Miss Sophie im Kreis ihrer vier Freunde, Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und Mr. Winterbottom, beim Genuss von Sherry, Weißwein, Champagner und Portwein einander zuprosten gesehen hat. Leider sind alle vier nicht mehr an der Tafel, der letzte ist 25 Jahre zuvor gestorben, so dass der getreue Butler James nicht nur ihre Rollen spielen, sondern auch noch ihr Quantum an Alkohol trinken muss. 23 mal umrundet James den Tisch, schlägt als Admiral von Schneider die Hacken zusammen, lässt sich als Sir Toby das Glas nochmals füllen und stolpert elfmal über den Kopf des ausgelegten Tigerfells. Bis heute gelingt es Freddie Frinton und May Warden in ihren Paraderollen das deutsche Publikum zu begeistern. Dabei ist das eigentliche Thema sehr ernst: Miss Sophie ist allein. Sie teilt das Schicksal vieler Neunzigjähriger: Der Kreis um sie ist kleiner geworden, ja durch den Tod sogar völlig verschwunden. Allein feiern kann man aber nicht, deswegen finden die beiden, Lady und Butler, seit 25 Jahren einen Ausweg aus dem Gefühl, von allen verlassen zu sein: Sie halten an der Tradition fest und feiern einfach weiter. Man hat gar nicht das Gefühl, dass sich Miss Sophie wirklich einsam fühlt. Warum? Vielleicht weil sie sich nicht alleine fühlt. Sie hat ja ihren treuer Butler James, mit dem sie eine Schicksalsgemeinschaft bildet.

Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung hat festgestellt: „Einsamkeit entsteht nicht dadurch, dass man keinen Menschen um sich hat, sondern dadurch, dass man ihnen die Dinge, die einem wichtig erscheinen, nicht mitteilen kann.“ Einsamkeit ist also keine Frage der Menge meiner Kontakte, sondern der Qualität meiner Beziehungen. Ich kann hunderte von Freunden auf Facebook haben, mich aber trotzdem einsam fühlen, weil ich niemanden habe, mit dem ich authentisch Freude und Sorge teilen kann. Ich fühle mich einsam mitten in der Masse.

Es passt ganz gut zu dem, was wir heute beobachten können: Wenn wir an Einsamkeit denken, dann kommen uns sehr schnell die alt gewordenen Menschen in den Sinn, die den Ehepartner und viele Freunde durch den Tod verloren haben. Aber oft kommen ältere Menschen mit dem Alleinsein viel besser zurecht als junge Menschen. Rund 75 Prozent der Deutschen in jedem Alter geben zu, sich schon einmal einsam gefühlt zu haben. Das ist also durchaus eine normale Empfindung wie z.B. Traurigkeit, die wieder vergeht. Aber schätzungsweise bis zu 20 Prozent der Deutschen leiden unter chronischer Einsamkeit. Sie haben meist ein Umbrucherlebnis hinter sich, z.B. einen Trennung oder einen Umzug, und fühlen sich alleingelassen, finden keinen Anschluss. Sie haben niemanden, der sie versteht und auf den sie sich verlassen können. Oft führt das zu einer inneren Leere, die sich verbindet mit einer Wahrnehmung ihrer eigenen Person als kompliziert: „Einsame Menschen stellen fest, dass bei ihnen irgendetwas nicht so läuft, wie bei anderen.“ Einsamkeit hat also nicht immer mit fehlenden Beziehungen zu tun, sondern meist damit, dass man unzufrieden ist mit seinen Beziehungen, weil sie nicht tragen und halten. Das macht Menschen oft krank, so die Psychologin Susanne Buecker in einem Interviewe mit der ZEIT.

(https://www.zeit.de/arbeit/2021-12/einsamkeit-corona-susanne-buecker)

War Jesus ein einsamer Mensch? Viele Symptome passen doch gut zu ihm im heutigen Evangelium. Er ist in einer Umbruchsituation, hat seine Heimat Nazaret hinter sich gelassen und ist weit weggezogen in den Süden an den Jordanstrand. Er hat mit seinem bisherigen Leben gebrochen, sich von der Familie gelöst, seinen Beruf als Zimmermann aufgegeben und weiß noch nicht so recht, wohin sein Weg führt. Er steht allein in der Menge, ohne die Jünger und die Frauen, die ihn später begleiten werden. Liest man bei Lukas weiter, dann führt sein Weg vom Jordan direkt in die Wüste, wo er vierzig Tage allein ist und fastet. Jesus wäre wohl in der Situation vor der Taufe am Jordan in den Augen heutiger Psychologen das Musterbeispiel eines von Einsamkeit gefährdeten Menschen. Tatsächlich gibt es Indizien, dass Jesus die Einsamkeit kennt. V.a. die Passionsberichte, wie z.B. die Ereignisse im Garten Gethsemane, zeigen uns einen Jesus, der erschüttert ist und sich von den schlafenden Freunden alleingelassen fühlt. War Jesus ein einsamer Mensch?

Zweifelsohne prägt seine Persönlichkeit das Einzelgängertum. Er ist absolut kein Teamplayer, auch wenn er sich einen Jüngerkreis beruft. Er führt sie nur schrittweise in die kommenden Ereignisse ein. Jesus zieht sich gerne zurück in die Einsamkeit der Berge oder in die Wüste, gerade nach anstrengenden Tagen voller Predigten und Heilungen. Jesus liebt das Alleinsein. Genau aber das macht den Unterschied: Alleinsein ist nicht identisch mit Einsamkeit.

Menschen, die sich alleine fühlen, können auch einsam sein. Gerade wenn ich mich im Stich gelassen sehe oder auf mich alleine gestellt, weil kein Mensch mich versteht, sich um mich kümmert, mir sein Ohr schenkt oder mit mir etwas unternimmt, wird das Alleinsein zur Einsamkeit, die meist mit dem Rückzug des Menschen verbunden ist. Aber es gibt auch ein Alleinsein, das notwendig ist, damit der Mensch erst sein Ich findet, seine Lebensaufgabe erkennt und sich seiner Stellung in der Welt vergewissert. Der Philosoph Rüdiger Safranski benennt dieses Alleinsein mit dem Eigenschaftswort „Einzeln“ sein. (R. Safranski, Einzeln sein; eine philosophische Heraus-forderung, Hanserverlag 2021). Er schreibt: „Einzeln sein bedeutet, dass man zwar immer irgendwo dazugehört, doch auch imstande ist, für sich allein stehen zu können, ohne seine Identität nur in einer Gruppe zu suchen oder seine Probleme nur auf die Gesellschaft abzuwälzen. Es bedeutet auch, Abstand halten und womöglich auf Zustimmung verzichten zu können.“ Zum Menschen gehört eine Balance zwischen „Ich“ und „Wir“. In früheren Zeit neigte sich die Waage definitiv zum „Wir“. Der einzelne Mensch und seine Person zählten nicht gegenüber dem Staat, dem Römischen Reich, der Kirche, dem Volk, der Religion usw. Heute hat sich die Sicht völlig verändert. Das „Ich“ steht im Mittelpunkt. Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung sind in unserer Zeit zur höchsten Pflicht erhpben worden. Ein wirklich „Einzelner“ weiß darum, dass er nie der Menge gegenübersteht, sondern aus ihr kommt, dass er aber letztlich auch ohne sie handeln und entscheiden muss. Safranski zitiert einen klugen Gedanken des italienischen Philosophen Pico della Mirandola, der zu den gelehrtesten Menschen der Renaissance gehörte.

Gott habe, so schreibt Pico della Mirandola, am letzten Schöpfungstag zum Menschen gesprochen: Ich habe dich in die Mitte der Welt gesetzt, damit du von dort bequem um dich schaust, was es alles in dieser Welt gibt. Wir haben dich weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen, weder als einen Sterblichen noch einen Unsterblichen geschaffen, damit du als dein eigener, vollkommen frei und ehrenhalber schaltender Bildhauer und Dichter dir selbst die Form bestimmst, in der du zu leben wünschst. Es steht dir frei, in die Unterwelt des Viehs zu entarten. Es steht dir ebenso frei, in die höhere Welt des Göttlichen dich durch den Entschluss deines eigenen Geistes zu erheben.“ (s.o.)

Ganz so stark würde ich dem freien Willen und den Möglichkeiten des menschlichen Geistes nicht vertrauen, aber im Grunde steckt in Mirandolas Überlegungen doch der Kern wahren Menschseins: Will ich einfach nur dazugehören oder will ich werden, wer ich in Gottes Augen schon bin?

Auf diesem Weg werden wir nicht allein gelassen. Heute bestätigt Gott seinen Sohn, der aus der Menge, mit der er immer noch das gleiche Schicksal teilt, heraustritt. In dem Moment, in dem Jesus die erste grundlegende Entscheidung für seinen weiteren Weg trifft, wird er von seinem Vater hören: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ Das ist das erste direkte Wort, das Gott im Evangelium spricht. Er wird es z.B. bei der Verklärung wiederholen, aber hier hat Gott seinen Premiere im Lukasevangelium.

Die Taufe im Jordan ist also tatsächlich ein Wendepunkt. Jesus entscheidet sich, nicht einfach stumm mitzulaufen, sondern „einzeln“ zu sein, nicht gegen das Volk zu stehen, aber seinen eigenen Weg zu gehen. Jesus wird oft allein sein, aber nicht einsam. Sein Glaube ist geprägt von einer liebenden und tragenden Beziehung zum Vater. Er ist einzeln, weil er sich von Gott gesandt weiß.

Nicht das Alleinsein muss uns Angst machen, das ist mitunter nötig, um sich selbst zu vergewissern, ob ich noch in guten Beziehungen mit Menschen und mit Gott stehe, die nicht ständig den persönlichen Kontakt brauchen. Das haben wir ja gerade durch die Kontaktbeschränkungen während der Pandemiezeit erkennen müssen. Angst macht die Einsamkeit, das Gefühl, niemand zu haben, nicht einmal Gott, der mir zuhört und Anteil nimmt. Es ist auch Aufgabe einer christlichen Gemeinde, Menschen den Freiraum zu geben, ihren „einzigartigen“ Weg der Nachfolge Jesu zu finden und sie dabei zu begleiten, aber auch Menschen, die in Gefahr stehen, zu vereinsamen, herauszuholen aus der Spirale der Selbstzweifel und des Rückzugs. So hat auch das Gemeindeleben, die Gruppenstunden, Feste, Begegnungsabende usw. eine hohe Bedeutung. In einer Gemeinde gibt es kein Parademaß für das Christsein, das man erfüllen muss, um dabei zu sein. Es darf aber auch kein Desinteresse am Schicksal des anderen Menschen geben, weil nur mein Leben zählt. Als Christen sind wir oft allein, aber nicht einsam, sondern einzig und erleben uns als „Gottes geliebte Kinder.“ Amen.

Sven Johannsen, Lohr

 

 

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