headeroben

Predigt Weißer Sonntag 2021

Ungefährdeter Sieg des Lebens 

Christ_lag_in_Todesbanden.pdf

 

Liebe Schwestern und Brüder

Uneinholbar - 7 Punkte führt - am am Freitagnachmittag - der FC Bayern in der Bundesliga. Es sind zwar noch sieben Spieltage, aber wer glaubt wirklich, dass ihnen diese Meisterschaft noch zu nehmen ist? Sie sind im DFB-Pokal rausgeflogen und in der Champions League wird es am Dienstag auch nochmals schwierig, aber die Meisterschale gehört auch in dieser Saison zum neunten Mal in Folge dem FC Bayern. Das ist für manchen Betrachter etwas langweilig, andere sehen durchaus noch Spannung, weil ja eine theoretische Möglichkeit besteht, dass alles ganz anders kommt.

Wenn der Sieg schon feststeht, dann stellt sich die Frage, ob die weiteren Spiele nicht reine Farce sind? Oder aber gibt es doch noch spannende Momente? Ein ungefährdeter Sieg lässt auch Raum für Neues und Kreatives.

Der Sieg steht fest, das ist die Botschaft von Ostern für den glaubenden Menschen. Paulus ruft es den Christen in Korinth zu: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1 Kor 15,55) Er greift damit die Verkündigung der Apostel auf, die uns in diesen Osterwochen in den Lesungen aus der Apostelgeschichte begleiten. Mit Freimut und ohne jegliche Angst konfrontieren sie ihre Zuhörer mit dem Geschick Jesu, der Verantwortung für seinen Tod und fordern sie auf, an den zu glauben, durch den Gott den Tod besiegt hat. Die österliche Verkündigung greift gerne auf die Bild von Kampf und Sieg zurück. Der bekannteste Zeuge nach den biblischen Autoren ist der kaiserliche Hofkaplan und Dichter Wipo, der in seinem Werk „victimae paschali laudes“ vor rund 1000 Jahren die Auferstehung Jesu als Sieg des Lebens über den Tod besingt. Jahr für Jahr werden seine Verse als Sequenz am Ostertag vor dem Evangelium der Begegnung des Auferstandenen mit Maria von Magdala gesungen, um uns einen Schlüssel für das Begreifen von Ostern zu geben. In der Mitte heißt es dann:

3. Tod und Leben rangen in wundersamem Zweikampf. / Der Fürst des Lebens, der gestorben war, / herrscht jetzt lebend.

4. Sag uns, Maria, was hast du gesehen auf dem Wege?/ Das Grab Christi, der lebt, hab ich gesehen und seine Herrlichkeit,/ da er auferstanden ist,

Es ist ein sprechendes Bild: Ein erbitterter Kampf tobt zwischen Leben und Tod. Wir stecken in einem Kampf auf Leben und Tod. Aber, so die Botschaft des Glaubens: Der Sieg steht bereits fest!

Die Lesung aus dem ersten Johannesbrief fasst für uns diese Gewissheit des Glaubens zusammen: „Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube. Wer sonst besiegt die Welt außer dem, der glaubt, dass Jesu der Sohn Gottes ist.“

Die Welt steht hier für alles, was noch dem Tod gehört und dem Vergehen unterworfen ist. Es ist kein blinder Glaube Der Sieg ist dem Leben nicht mehr zu nehmen, aber er bleibt anfechtbar. Der Tod hat nicht aufgegeben und spielt noch mit. In manchen Situationen erscheint er sogar als der vermeintliche Sieger. Oft stehen die Zeichen auf Sieg für den Tod. Daran erinnert uns das Osterevangelium des Weißen Sonntags, der Bericht vom sog. „ungläubigen Thomas“. Ich glaube, dass Johannes mit seiner Überlieferung nicht einen seiner Mit-Apostel bloßstellen und sich und die andere Jünger als besser herausstellen wollte. Vielmehr legt Thomas den Finger in die offene Wunde des glaubenden Menschen. Ein Journalist hat pointiert formuliert: „Die Steigerung von wund ist Wunder.“ Ostern, der Sieg des Lebens, ist ein Wunder. Der Glaube an die Auferstehung verlangt das große Wagnis, die offensichtlichen Gesetzmäßigkeit vom Sieg des Todes über das Leben in Frage zu stellen und als überholt zu erklären. Das ist eigentlich für den vernünftigen Menschen nicht selbstverständlich. Da ringen in uns das Herz, das an die Hoffnung auf neues Leben glauben will, und der Kopf, der die angebliche Logik von Werden und Vergehen anerkennen muss.

Die Erzählung von Thomas und seinem Wunsch nach Beweisen mündet in die Mahnung Jesu: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Das ist die offene Wunde des glaubenden Menschen im Angesicht des Wunders des Lebens: „Nicht sehen und doch glauben.“ Das ist mehr als sich überzeugen lassen von einer klugen Predigt oder von Indizien, die wie z.B. die Nah-Tod-Forschung für den Glauben an das Ewige Leben stehen. Es geht um eine innere Bejahung, dass das Leben wirklich gesiegt hat, obwohl alle Zeichen auf Karfreitag steht.

Eine kleine pointierte Geschichte, nicht ohne Humor, macht dieses Wagnis in meinen Augen gut deutlich. Sie erzählt davon, dass ein glaubender Mensch einen ungläubigen Menschen fragt: „Was bedeutet dir Jesus Christus?“ Der ungläubige Mensch antwortet ihm: „Ach, der ist für mich gestorben.“ Darauf erwidert der glaubende Mensch: „Das glaube ich auch. Er ist für mich gestorben.“

Es kommt auf die Sichtweise an: Am Tod kommen wir nicht vorbei. Er ist der absolute Nullpunkt der irdischen Existenz Jesu, in der er uns völlig gleich wird. An diesem Punkt aber kommt die Entscheidung: Ist er einfach weg, bedeutungslos geworden, dann ist er wirklich für mich gestorben, also nicht mehr existent. Ist er aber durch die Nacht des Todes gegangen, hat, wie es die orthodoxe Kirche in ihren Auferstehungsikonen gerne zeigt, die Ureltern der Menschheit, Adam und Eva, aus dem Grab gerissen und mit sich gezogen, dann ist er für mich gestorben, damit ich im Tod nicht untergehe, sondern in ihm den Anführer zum Leben finde, wie es in der Ostersequenz heißt.

Martin Luther hat dieses Bild in einem sehr beliebten Osterlied der Reformationszeit in die Mitte seiner Dichtung gestellt: „Christ lag in Todesbanden“ Der Choral, der 1524 entstand, besteht aus sieben Strophen mit jeweils sieben Zeilen, eine symbolische Zahl, die auf die Schöpfung in sieben Tagen verweist. Die letzte Zeile aber ist dann nicht siebensilbig, sondern achtsilbig gebildet, der Hinweis auf den Ostertag, den achten Tag des Evangeliums, an dem der Auferstandene in die Mitte der Jünger tritt. Martin Luther schreibt mehr als ein erbauliches Lied, er verkündet ein Geheimnis, dem wir auf der Spur sind: Jesus ist für uns gestorben, hat dem Tod die ewige Macht genommen, ist auferstanden und hat ewiges Leben gebracht. Das ist Grund zum Lob Gottes und zum Verlachen der Macht des Todes.

Aber Luther bedient nicht einen blinden Glauben, der alles verklärt. Er fängt zu Ostern ganz vorne an. Das Lied beginnt mit dem Karfreitag „Christ lag in Todesbanden“. In drei Strophen entfaltet Luther den Gedanken „Er ist für mich gestorben“. Die Strophen vier bis sieben erklären das österliche Geheimnis der Auferstehung. Die mittlere Strophe aber, also der Wendepunkt von Karfreitag zu Ostern, nimmt genau das Bild vom Kampf und dem Sieg des Lebens auf. Luther dichtet:

Es war ein wunderlich Krieg, / da Tod und Leben ’rungen; / das Leben behielt den Sieg, / es hat den Tod verschlungen. / Die Schrift hat verkündet das, / wie ein Tod den andern fraß, / ein Spott aus dem Tod ist worden. Halleluja.

Es wäre blind und würde den Weg des Thomas diffamieren, wenn ich nicht zugestehe, dass dieser feste Glaube an den Sieg des Lebens nicht leicht zu durchzuhalten ist. Und doch ist es das, was uns heute verkündet wird: Gottesferne, Hass, Gewalt, Leid, alles Dunkle, auch tiefste Trauer hat Jesus in seinem Tod auf sich genommen und mit in den Tod gerissen. Er lag in Todesbanden, in den Fesseln der menschlichen Angst vor all diesen bedrückenden und lebensfeindlichen Erfahrungen, aber er hat sie gesprengt. Das ist christlicher Glaube. Das sammelt sich in dem Bekenntnis: Er ist für uns gestorben. Mit seinem Tod ist die ewige Macht all dessen, was zerstörerisch wirkt, mitgekreuzigt und besiegt worden.

Aber, wo spüren wir das in einer oft tödlich verwundeten Welt? Wir liegen in den Banden eines gefährlichen Virus, das unsere Freiheit einschränkt und unseren Glauben an das Leben bedroht. Wir erleben einen Krieg in Syrien, in dem ganz offensichtlich Leid, Unrecht und Tod den Sieg über Leben, Freiheit und Wohlergehen davontragen. Wir erinnern uns in diesen Tagen an die Anschläge auf Christen und Kirchen in Sri Lanka am Osterfest vor zwei Jahren, bei denen 268 Menschen getötet wurde.

Noch immer gibt es die Todesbanden, die unsere Welt fesseln und gefangen halten. Karfreitagserfahrungen sind oft deutlicher als Ostererfahrungen. Und dagegen steht die Zusage von einem Trotzdem. Auch wenn es oft so aussieht als ob der Tod und die Gewalt die Oberhand behalten, es bleibt nicht dabei. Ohne Ostern könnten wir das Leben oft nicht ertragen. Ostern blendet den Tod nicht aus, lässt sich aber auch nicht von ihm besiegen. Es ist kein Rauschmittel, das unseren Weltschmerz erträglich macht. Dem Tod gehört die Vergangenheit, dem Glauben die Zukunft. Ostern kann werden, wenn Menschen vergeben und nicht nachtragen, auch gegenüber Politikern, die nicht alles richtig machen, wenn sie als Mitglieder der Kirche nicht ständig jammern, wie schön es früher war, sondern sich freuen, dass auch heute noch junge Menschen glauben und ihr Leben nach Gottes Willen gestalten wollen, wenn sie angesichts der vergehenden Jahre nicht wehmütig der alten Stärke nachtrauern, sondern neue Felder entdecken, in denen sie Leben entfalten können. Ostern ist letztlich eine Lebenseinstellung. Es geht um Werte und Hoffnungen, die das Christentum weiter geben kann an die Welt und in die Welt und die Gesellschaft hinein.

Ja, der Tod existiert und scheint oft die Macht zu behalten, er ruft Trauer und Angst, Schrecken und Verzweiflung hervor, aber er wird überwunden. Luther schließt sein Lied mit der frohen Hoffnung:  

So feiern wir das hohe Fest / mit Herzensfreud und Wonne, / das uns der Herre scheinen lässt. / Er selber ist die Sonne, / der durch seiner Gnade Glanz / erleuchtet unsere Herzen ganz. / Der Sünden Nacht ist verschwunden. / Halleluja

Der Sieg des Lichts über das Dunkel, des Lebens über den Tod ist nicht aufhaltbar, aber noch gilt es, der Anfechtung Stand zu halten.

­