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Predigt 2. Sonntag nach Weihnachten . 2.1. 2022

Rauhnächte“

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Liebe Schwestern und Brüder

 

Haben Sie bisher alle Regeln gut befolgt?

  • Keine Wäsche seit Weihnachten gewaschen oder zumindest nicht an die Wäscheleine gehängt, damit die Dämonen sich nicht in ihnen verfangen?

  • Nach Einbruch der Nacht nicht mehr das Haus verlassen, weil jetzt die Zeit der sog. Perchten auf dem Höhepunkt ist.

  • Das Haus und ggf. den Stall regelmäßig mit Weihrauch ausgeräuchert, damit die bösen Geister sich verziehen?

Unfug? Aberglaube? Nein, alte Traditionen in den sog. Rauhnächten zwischen Heiligabend und Dreikönig. Ich gebe zu, dass ich als „Stadtkind“ den Begriff in meiner Kindheit noch nicht einmal kannte. Erst in der Rhön hörte ich immer wieder von Brauchtum, das diese eigentümliche Zeit zwischen den Jahren, die zwölf Nächte zwischen den beiden Weihnachtshöhepunkten, in früheren Zeiten geprägt hat. In der letzten Zeit erfahren die Rauhnächte wieder verstärkt Aufmerksamkeit. Beide regionalen Tageszeitungen, der Bayerische Rundfunk und andere Medien haben Berichte über die zwölf mystischen Nächte , übernommen. Ich weiß nicht, ob überhaupt jemand von Ihnen mit solchem Brauchtum aufgewachsen ist, außer der genialen Regel keine Wäsche zu waschen oder Betten frisch zu beziehen? Aber in ganz Deutschland. von der Nordsee bis zu den Alpen, war die Vorstellung verankert, dass diese Zeit einen besonderen Charakter hat, den wir ja auch heute noch spüren. Auch in unseren Tagen geht es jetzt ruhiger zu. Die Kinder haben Ferien. Viele Betriebe arbeiten reduziert. Die Ämter sind oft nur in Notbesetzung aktiv.

Ihren Ursprung haben die Rauhnächte in einem Zwiespalt, den die alten Kelten schon merkten. Sie folgten dem Mondkalender mit 354 Tagen, wussten aber schon, dass ein Sonnenjahr 365 Tage haben muss, sonst verschieben sich alle Jahreszeiten. Also schalteten sie einfach 12 Tage ein, die es eigentlich nicht gab. Der Kalender hatte folglich ein Loch, das zur offenen Tür zwischen Menschen- und Geisterwelt. So eine eigentümliche „Nicht-Zeit“ hat natürlich dem phantasiereichen Volksglauben Tor und Tür geöffnet: Jetzt zog Wotan in wilder Jagd mit seinem Heer über die Erde. Die guten und bösen Dämonen liefern sich heftige Gefechte, weil die Letzteren ihre Chance nutzen wollen, dem Menschen Unheil zuzufügen. Schon damals galt in diesen Tagen ein penible Ordnung, denn jede Unordnung war das Einfallstor für die Dämonen. Dann lieber keine Wäsche waschen oder aufhängen. Das gibt nur Ärger. In einigen Regionen gab es sogar ein Backverbot. Schon in vorchristlicher Zeit verband sich mit unserer „Heiligen Nacht“ viele wundersame Ideen, die sich dann später zur Vorstellung entwickelte, dass sich in dieser Nacht Wasser zu Wein verwandelt und Tiere sprechen können, um so Weihnachten zu feiern.

Als Relikt dieser alten Traditionen blieb nur das Böllern zum Austreiben der Dämonen und das Bleigießen an Silvester. Es erinnert daran, dass man diesen Tagen Orakel und Prophezeiungen empfangen konnte. In manchen Gebieten glaubte man, dass sich die Träume dieser Nächte erfüllen werden.

 

Ziemlich viel Aberglaube! Heute kann man das wohl nicht anders nennen. Aber noch vor Jahrzehnten, als Menschen diese dunkelsten Nächte nicht künstlich erhellen konnte, oft durch Schnee und tobende Winde eingesperrt waren im Haus und die Gefahr groß war, sich zu verirren, war es der Versuch einer Deutung. Wenn wir heute in diesen Nächten auf die Straße gehen, ist es immer hell, aber Menschen früherer Zeiten erlebten wirklich noch echte Dunkelheit. Während unsere Zeit von einer „Lichtverschmutzung“, also dem Fehlen des Dunkel auch in der Nacht, betroffen ist, haben Menschen früher die Finsternis als bedrohlich erlebt.

Mich wundert nicht, dass man in solchen Erfahrungen über sich und die Gesetze der Natur hinaus dachte und zwischenweltliche Mächte am Werk sah. Lächerlich finde ich es eher, wenn heute Menschen sich wieder solche Vorstellungen zu eigen machen. Es erinnert mich an das weise Wort: „Wer nicht mehr an Gott glaubt, der glaubt am Ende alles.“ Natürlich kann man das nicht einfach so auf jeden übertragen, der Gott und Kirche ablehnt. Aber es fällt schon auf, dass esoterische Pseudowissenschaften einen rasanten Aufschwung nehmen, Hexen, Druiden, Schamanen und andere Sagengestalten ertragreiche Professionen geworden sind und der Engelskult in Videos, Schriften und als Verkaufsschlager reiche Blüten treibt, während die Bindung an den Schöpfergott sich immer mehr verliert. Letztlich kann man wohl sagen, dass die augenblicklichen Verschwörungstheorien nichts anderes sind als Glaubenslehren ohne Gott. Sie suchen nach Sündenböcke, entdecken überall das Böse und erkennen eine Verschwörung böser Mächte, die den Menschen unterwerfen wollen.
Sind möglicherweise unsere Tage nicht klüger als jene Zeiten, in denen man natürliche Phänomene nur mit übernatürlichen Quellen erklären konnte, weil einfach noch die Erkenntnisse der Wissenschaften fehlten?
Ich möchte nicht ungerecht werden, aber es ist deutlich zu spüren, dass der Mensch nicht ohne einen Glauben auskommt, der die Welt und das eigene Sein überschreiten vermag. Darum muss man Gott ablösen durch wirre Theorien, die wir nicht anders nennen können als „Aberglaube“. Sie leben von der Angst, die Menschen haben, und machen abhängig, in dem sie allerlei Blödsinn anbieten, um das Böse zu bannen.

Zurecht spielt die Zeit der Rauhnächte im Kirchenjahr keine Rolle. Sie sind gut aufgehoben bei Folklorevereinen und Tourismusbehörden im schneebedeckten Altbayern. Sie widersprechen gänzlich der Botschaft von Weihnachten und der Geburt im Stall. Die Engel verkünden den Hirten in der Heiligen Nacht auf den Feldern von Bethlehem: „Fürchtet euch nicht. Heute ist euch der Retter geboren.“ Daher ist es aus christlicher Sicht widersinnig, die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember zu einer der gefährlichsten Nächte des Jahres zu erklären, in denen uns Dämonen und Hexen bedrohen. Seit dem Lobgesang der Engel ist dem Christentum die Verkündigung der frohen Botschaft zur Befreiung von der Lebensangst aufgetragen.

Zum anderen ist es nicht Teil unserer Liturgie, Gruselnächte zu inszenieren und das Dunkel zu beschwören. Wir feiern in der Heiligen Nacht, dass das Licht in die Welt kommt.
Darum brauchen wir m.E. auch weiterhin das Christentum und die Kirchen. Sie haben auch in frühen Zeiten schon eine zweigleisige Strategie genutzt zur Verkündigung der frohen Botschaft. Während sie ohne Einschränkungen die heidnischen Gottesvorstellungen bekämpften, haben sie Traditionen, Bräuche und Vorstellungen aus alter Zeit übernommen und neu gedeutet. Es ist nicht zu bestreiten, dass wir nicht wissen, ob Jesus Christus wirklich in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember geboren wurde, und dass Germanen, Römer und andere Völker dieses Datum mit anderen Inhalten auch schon besetzt hatten. Wenn das Weihnachtsfest im vierten Jahrhundert entsteht, in der Auseinandersetzung mit den Leugner der wahren Gott- und Menschheit Jesu, und tatsächlich das römische Fest des „sol invictus“, also der unbesiegten Sonne, einnimmt, dann haben wir keinen Betrug vorgenommen, sondern der Ur-Sehnsucht nach dem Sieg des Lichtes eine konkrete Erfüllung gegeben: Christus, das Licht der Welt.
Davon spricht das Evangelium heute, das ja auch am Weihnachtstag verkündet wird: Das Licht kommt in die Welt. Die Finsternis der Angst, des Unglaubens und der Verzweiflung ist nicht stark genug, dieses Licht der Hoffnung, des Mutes und des Vertrauens, das Licht der Welt, zu verschlingen. Das Licht setzt sich durch. Es schafft Durchblick und Erkenntnis.
Es ist die Aufgabe der christlichen Kirchen, die niemand anders ausfüllen kann, die Menschen zu begleiten, dass sie vom Licht Christi erfüllt werden. Sie sollen sie nicht dumm halten, ihnen Geschichten erzählen, die niemand glauben kann, oder sie auf Lehren verpflichten, die keine Fragen mehr zulassen, sondern helfen, in ihrem Denken und Deuten der Welt die Perspektive des Schöpfers, der in Jesus Mensch wurde, eindringen zu lassen. Die Weihnachtsbotschaft ist immer verbunden mit dem Engelswort: „Fürchtet euch nicht“, dessen Echo vom Zimmer der Verkündigung in Nazareth über die Felder von Bethlehem bis zu uns durchklingt. Der Glaube hat die Kraft, die Angst zu bannen und fähig zu machen, mündig und verantwortlich Gott in seinem Leben zu antworten wie Maria und immer neu aufzubrechen wie die Hirten. Unser Glaube verwirrt Menschen nicht mit Phantasiegebilden, redet ihnen aber auch nicht ein, dass sie alles aus sich allein heraus erhellen können. Der Glaube an Christus öffnet die Augen für die Quelle des Lichts, das die Welt und mein Leben in ein neues Licht setzt.

 Liebe Schwestern und Brüder

Es ist sicher kein Schaden, in diesen Tagen einmal bei den Hausarbeiten kürzer zu treten, weil sie sonst auf Kosten der Zeit mit der Familie gehen. Wir dürfen uns auch freuen, wenn es noch Traditionen gibt, weil sie ein wenig Zauber der Geborgenheit versprühen. Es ist auch ein guter Brauch, in diesen Tagen Häuser (und Ställe) zu segnen, nicht weil wir uns vor bösen Geistern fürchten, sondern weil wir glauben, dass wir und alles, was lebt, am Anfang dieses Jahres den Zuspruch Gottes erfahren dürfen. In diesem Jahr werden unsere Sternsinger wieder nicht unterwegs sein können, um diesen Dienst zu leisten. Um so wichtiger halte ich es, dass es jede Familie, jedes Paar und jeder Alleinlebende dann in Eigeninitiative macht. Wir sind nicht nur als Teil der Weltgemeinschaft in Gottes Blick, sondern als einzelner Mensch, der sein Vertrauen in ihn setzt. (Sven Johannsen, Pfarrer Lohr)

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