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Predigt 23.9.2020 A - Reden geht immer“

Sven Johannsen, Lohr

23_Reden_geht_immer.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Wissen Sie noch wo sie am Abend des 13.11.2016 waren? Nein?

Ich bin mir sicher, dass es manchem ganz schnell wieder einfallen wird.

Georges Salines und Azdyne Amimour wissen es noch ganz genau und werden es auch nie vergessen. Sie werden an diesem Abend beide ihre Kinder verlieren.

Vielleicht erinnert sich mancher jetzt schon. Es ist der Abend, an dem in Paris im Stade de France das Freundschaftsspiel Frankreich gegen Deutschland stattfinden soll. 80.000 Menschen sitzen im Stadion. Plötzlich ist in der 16. Spielminute eine gewaltige Explosion zu hören, die zunächst keiner wirklich einschätzen kann. Es war das erste Selbstmordattentat von islamistischen Terroristen an diesem Abend in Paris, dem in kurzen Abständen noch vier folgen werden. Der schlimmste Anschlag geschah bei einem Rockkonzert vor 1500 Besuchern im Theater Bataclan als drei junge Männer in den Konzertsaal eindrangen, minutenlang mit Kalaschnikow-Sturmgewehren um sich schossen und Handgranaten warfen. Insgesamt wurden 89 Opfer ermordet und alle drei Attentäter von der Polizei getötet.

Eines der Opfer war die 28jährige Lola, die Tochter von Georges Salines. Einer der Attentäter war der ebenfalls 28jährige Samy Amimour, der Sohn von Azdyne Amimour. Zwei Väter, deren Kinder in der gleichen Nacht sterben, der eine als Mörder, die andere als Opfer. Es ist kaum vorstellbar, dass diese beiden Männer sich je in die Augen schauen oder miteinander reden können. Aber sie haben es getan.

Der Vater des Opfers gründete eine Selbsthilfegruppe. Der Vater des Täters wird ihn anrufen und um ein Gespräch bitten.

Fast fünf Jahre nach dem Todestag ihrer Kinder kommen sie zu einem Gespräch mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung. Es ist kein einfaches Gespräch, kein Versöhnungsgespräch, kein „Alles ist wieder gut und vergessen“ – Gerede. Beide trauern noch immer um ihre Kinder. Salines, der bis heute noch gequält wird von schlaflosen Nächten und Tag für Tag an seine Tochter denkt, Amimour, der seinen Sohn verloren hat an Salafisten und den IS und Tag für Tag mit Vorwürfen und Schuldgefühlen lebt.

Es geht nicht um Vergebung, Erklärung oder Verzeihen in diesem Gespräch. Der Vater von Lola, Georges Salines, bringt die Botschaft dieses Treffen am Ende auf den Punkt:

„Wenn wir beide miteinander reden können, dann können es auch andere. Vor allem anderen sind wir einfach nur Väter, die ihre Kinder verloren haben.“ (vgl. https://sz-magazin.sueddeutsche.de/politik/paris-vaeter-bataclan-88469)

Ich finde, dass diese Worte wahre menschliche Größe zeigen. Der Vater eines Täters, der den ersten Schritt wagt; der Vater eines Opfers, der die Hand reicht und redet.

Wenn wir reden können, dann können es auch andere.“

Wie oft meinen wir, dass ein Gespräch nicht mehr möglich ist. Zu tief sind Gräben gezogen im Denken und Fronten verhärtet: in unserer Gesellschaft, in unserer Kirche, in unseren Familien, in so vielen Partnerschaften.

Menschen verweigern das Gespräch, weil sie meinen, dass es keinen Sinn macht, weil sie sich verletzt fühlen und keine Basis mehr für eine Verständigung entdecken können.

Wenn Väter, die so etwas erlebt haben, miteinander reden können, ohne dass alles geklärt ist, dann fällt es schwer, Argumente zu finden, warum wir nicht immer wieder das Gespräch mit denen suchen sollten, die anders denken, die uns verletzen oder die wir verletzt haben.

Ein Abbruch der Gespräche, wie es die Politik kennt, ist angesichts solcher Beispiele kaum denkbar. Auch wir Christen haben da kaum einen Spielraum, auch wenn das Evangelium heute scheinbar nahelegt, einen Endpunkt des Redens zu definieren.

„Gemeindeordnung“ nennt man klassisch den Zusammenhang, aus dem die Verse des Evangeliums entnommen sind.

Was tun, wenn einer in der Gemeinde schuldig geworden ist? Wie lange muss man reden? Ab wann gilt es, konkrete Maßnahmen zu ergreifen? Scheinbar ist das Verfahren klar: Viele Reden in mehreren Phasen. Zunächst soll man ganz ohne Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit den Mitchristen, der Schuld auf sich geladen hat, darauf hinweisen. Sieht er es nicht ein oder verweigert er sich, dann folgt das nächste Gespräch im kleinen Kreis mit wenigen Beteiligten. Hilf das auch nichts, dann muss die ganze Gemeinde darüber sprechen. Geht dann immer noch nichts, dann kommt es zum Bruch. Klingt alles ziemlich vernünftig. Irgendwann hat das Reden ja auch ein Ende. Aber es passt nicht zu Matthäus. Nächste Woche werden wir hören, dass Jesus dem Petrus auffordert, 77-mal zu vergeben. Und vor einigen Wochen erzählt der Evangelist uns das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen. „Lasst beides wachsen bis zur Ernte“, sagt Jesus. Kann jemand, der so eine Sicht vertritt, ernsthaft einen Abbruch der Gespräche und einen Ausschluss eines Sünders aus der Gemeinschaft in Betracht ziehen?

Offensichtlich ist, dass sich eine Gemeinschaft nicht verantwortungslos zeigen darf gegenüber dem Fehlverhalten eines ihrer Mitglieder. Eine Haltung „Jeder soll sich um seine Sache kümmern“ geht nicht. Aber ob Jesus und Matthäus ernsthaft erwogen haben, dass Reden wirklich in eine Sackgasse führen und es zu einem Ausschluss aus der Gemeinschaft kommen könnte, dürfen wir höchst stark bezweifeln. Und wenn es wirklich geschehen würde, dass die Gemeinde Jesu einen Schnitt ziehen müsste, dann nicht ohne Hoffnung und Gebet darum, dass Umkehr geschieht. Da hat man es sich im Laufe der Kirchengeschichte mitunter zu einfach gemacht. Es gab Zeiten, da war man in unserer Kirche sehr schnell mit „Exkommunikation“ oder der entsprechenden Androhung gegen Andersdenkende. Der Ausschluss hat in unserer Kirche eine sehr unheilvolle Wirkungsgeschichte, weil er nicht dem Schutz der Schwachen diente, sondern oft lieblos und vorschnell als Mittel der Zucht durch die Obrigkeit eingesetzt wurde, nicht nur gegenüber Theologen, sondern auch gegenüber Menschen, deren Leben das Zeugnis für die kirchliche Moralvorstellung nicht mit hellster Klarheit vermittelt.

Eine Gemeinde braucht Strukturen, v.a. dann, wenn Situationen sich schwierig darstellen und notfalls auch eine Trennung vom Sünder überlegt werden muss. Das Evangelium macht klar, dass die Gewalt zu Binden und Lösen ganz im Gebet begründet ist.

Aber eine Kirche, die sich im Gebet an den barmherzigen Gott wendet, wird wohl niemals das Recht heraushören, nicht mehr reden zu müssen. Wir würden Jesus falsch verstehen, wenn wir meinten, dass er je Gespräche verweigert oder als nicht erfolgversprechend gesehen hätte. Er, der sich als Retter zu den Verlorenen gesandt sieht, der einen Zachäus vom Baum holt, eine Ehebrecherin schützt, einen verurteilten Verbrecher das Paradies verspricht, wird immer auch dafür stehen, dass Reden möglich ist.

Vielleicht sogar mit uns. Nichts anderes tun wir im Beten: Wir reden mit ihm. Wir versuchen den Gesprächsfaden nicht zu verlieren. Aber oft genug haben Menschen das Gefühl, dass Gott sie nicht hört. Kann es nicht auch gerade anders sein, dass wir ihm nicht mehr zuhören wollen, weil er nicht handelt, wie wir es wollen, weil er unserem Denken fremd geworden ist. Diese Idee kam mir während der eindrucksvollen Feier des Segens Urbi et Orbi auf dem menschenleeren Petersplatz im März dieses Jahres, als Papst Franziskus in seinem Gebet bedeutende Worte vor Gott brachte:

Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört ,,, Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: Wach auf, Herr!“

Könnte es nicht vielleicht so sein, dass wir diejenigen sind, die mitunter das Gespräch gegenüber Gott verweigern, ihm keine Chance geben zu uns zu reden.

Der italienische Ordensmann Ermes Ronchi hat in seinem Buch „Beten ist menschlich“ auf die Frage „Was, wenn Gott unsere Bitten nicht erhört? mit der Einladung geantwortet, wir sollten zunächst einmal die Frage umdrehen: Hören wir denn Gottes Bitten? Letztlich geht es beim Beten vor allem um Vertrauen: Wir dürfen Gott um alles bitten, auch um konkrete Dinge, wir sollen es sogar tun, gleichzeitig sollen wir aber darauf vertrauen, dass Gott auch dann seine Verheißungen erfüllt, wenn er unsere konkreten Bitten nicht erhört.

 Beten gibt Gott eine Chance zu uns zu Reden. Es ist die beste Form, dem Auftrag Jesu, das Gespräch nicht zu verweigern, auch Gott gegenüber gerecht zu werden, v.a. dann, wenn unsere Ohren blockiert werden vom Gefühl, dass er uns nicht gerecht behandelt oder uns im Stich gelassen hat.

Das bekommt am heutigen Tag des Gebetes noch einmal eine besondere Zuspitzung. Die ewige Anbetung ist ganz zurückgebunden an die Eucharistie, die Feier des Gedächtnisses des Leidens Christi. Dieses Gebet heute ist kein Plausch im Café, es ist Gespräch zwischen einem Gott, der am Kreuz gelitten hat, und dem Menschen, der oft überfordert ist vom Kreuz im eigenen Leben. Hier redet zu uns der, der bereit war, bis zum Äußersten zu gehen und am Kreuz einen letzten Schrei der Gottverlassenheit einmünden ließ in das große Bekenntnis seines Vertrauens in den Vater.

Vielleicht kann die Anbetung weniger Reden als mehr Hören bedeuten. Sören Kierkegaard hat uns das in einem berühmten Wort aus seiner eigenen Erfahrung erschlossen:

 

Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten heißt still werden und still sein und warten, bis der betende Mensch, Gott hört.

Sören Kierkegaard

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