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„Woran krankt unsere Gesellschaft“, fragte Stadtpfarrer Sven Johannsen am diesjährigen Rochusfest in Lohr. Seit 1666, dem Jahr, in dem auch die Rochusprozession in Bingen entstand, die Goethe literarisch untersterblich gemacht hat, gehen die Lohrer ohne Unterbrechung auf den Valentinusberg oberhalb der Stadt um das Gelübde der damaligen Bürger zu erfüllen.

Angesichts der vom Rhein herannahenden Pest versprachen sie diese jährliche Prozession von der Stadtpfarrkirche zur Valentinuskapelle, wenn die Stadt verschont bliebe. Rochus von Montpellier gehört neben dem heiligen Sebastian zu den beliebtesten Pestpatronen. Sein Leben ist legendarisch, doch es wird berichtet, dass er 1295 in Montpellier geboren wurde und ebendort nach einer langen Haft starb. Nach dem Tod seiner begüterten Eltern habe Rochus sein Erbe verkauft und den Erlös an die Armen der Stadt verteilt. Er selbst wollte sich als Pilger auf den Weg nach Rom machen. Unterwegs wurde in vielen Städten zum Helfern für Pestkranke, die er durch das Kreuzzeichen geheilt habe. Auf seinem Rückweg von Rom in seine Heimat steckt er sich in Piacenza selbst mit dem Erreger der Pest an und zieht sich zurück in eine Höhle bei Sarmato, wo ihn der Hund des Edelmanns Gottardo Pallastrelli mit Brot versorgt. Der Edelmann findet Rochus und pflegt ihn gesund. Zurück gekehrt nach Montpellier bleibt er unerkannt, wird als Spion verdächtigt und inhaftiert. Erst nach seinem Tod 1327 entdeckt man das kreuzförmige Muttermal auf seiner Brust, das ihn als edlen Sohn der Stadt ausweist. Seine Reliquien kommen später nach Venedig in die nach ihm benannte Kirche. Rasch verbreitet sich seine Verehrung in Italien, Frankreich und Deutschland, wo man ihn in den Gefahren der Pest anruft.

In Lohr, das im 17. Jahrhundert noch zum Erzstift Mainz gehört, werden auf dem Valentinusberg drei Patrone gegen alle Gefahren des Leibes verehrt, neben Rochus den Heiligen Sebastian und den Heiligen Valentin. Am Rochustag beginnt um 8.00 Uhr die Prozession an der Stadtpfarrkirche. Anschließend werden im Beisein der Vertreter der Stadt und vieler Gläúbiger, die oftmals wegen diesem Tag auch aus der Ferne zurückkehren, die Votivmesse zur Heiligsten Dreifaltigkeit gefeiert. Nach dem Rückweg betet Stadtpfarrer Johannsen für das Wohlergehen der Menschen in der Stadt und spendet den Segen. Traditionell gibt es an diesem Tag eine besonderes Mittagessen, Leberknödel und Beizfleisch mit Sauerkraut und Brot. Früher war es Brauch, dass an diesem Tag die Ehefrauen für ihre Männer in den Gasthäusern bezahlten. Am Nachmittag wird an der Kapellen noch einen Andacht in den Anliegen der Kranken gefeiert, an deren Ende die Gläubigen den Einzelsegen unter Auflegung der Reliquie des heiligen Rochus empfangen können.

In der Predigt geht der jeweilige Pfarrer auf die Nöte und Herausforderungen der Menschen in der Stadt ein. In diesem Jahr fragte Pfarrer Johannsen, woran eine Gesellschaft krankt, in der immer mehr ehrenamtliche Kommunalpolitiker beleidigt und bedroht werden. Er stellte die Wurzelsünde der Superbia, des Hochmutes, als den Erreger für einen epidemisch um sich greifenden Egoismus heraus und zeigte am Beispiel des Heiligen Rochus, wie eine Stadt gesund bleibt, wenn Menschen in ihr sich Gott und dem Nächsten verpflichtet wissen.

Epidemie_Wurzelsünde_2019.pdf

 

 

 

 

 

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