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7. Sonntag der Osterzeit A - Pfarrer Sven Johannsen, Lohr

 Der christliche Glaube - Verschwörung gegen die Welt?

Liebe Schwester und Brüder,

 haben Sie auch einen Aluhut? Seit einem Sciencefiction-Fiction-Roman von Julian Huxley im Jahr 1927 gilt er als sicherste Waffen gegen alle Angriffe von Telepathie, also dem Versuch, den Geist, das Denken und Empfinden eines Menschen durch eine Fernwirkung wie z.B Gedankenübertragung oder Gehirnwäsche von Fern zu beeinflussen. Zur Zeit sieht man sie wieder auf Demos in unserem Land: Die Angst vor Manipulation durch die Regierenden geht um und das treibt Menschen auf die Straße: Ist die ganze Corona-Sorge nur aufgebauscht, um den Menschen die Freiheit zu nehmen und sie fremd zusteuern? Nicht wenige äußern solche krude Thesen und ziehen als Beleg Vergleichszahlen von anderen Erkrankungen heran, die wesentlich mehr Erkrankte und Tote nach sich zogen als Corona in unserem Land. Von der Überlegung, dass die Zahlen so niedrig sind, weil man rechtzeitig sehr strikt reagiert hat, halten sie nicht viel. Man muss gut unterscheiden zwischen denen, die jetzt, durchaus mit einigem Recht, protestieren gegen zu weit gehende Beschneidungen von Freiheitsrechten der Menschen und denen, die ein wirres Sammelsurium von Verschwörungstheorien in die Welt setzen.

Widerspruch zur Politik ist ein Grundrecht und es steht Menschen frei, Gerichte anzurufen, wenn sie der Meinung sind, dass der Staat unzulässig handelt. Aber im Augenblick sind doch ganze Gruppen, egal ob links oder rechts, dabei, die Grenzen des gesunden Menschenverstandes, des guten Geschmacks und auch der politischen Korrektheit zu überschreiten, so dass der Staat einzugreifen gezwungen ist. Wenn antisemitische Klischees bedient werden oder Verbindungen zwischen heutigen Wissenschaftlern und KZ-Ärzten hergestellt werden, dann ist das nicht nur eine Entgleisung, sondern m.E. eine Straftat. Aber wir kommen nicht umhin, auch wenn wir das alles als ziemlich skurril ansehen, wahrzunehmen, dass immer mehr Menschen zu Verschwörungstheorien neigen und für das Gerücht gewinnen zu sind, dass Führer von Politik, Wissenschaft, Kapital und natürlich Religion den Menschen unterdrücken wollen und eine neue Weltregierung bilden wollen. Anführer hat man schnell ausgemacht: Bill Gates und Angela Merkel sind die beiden absoluten Feindbilder, aber nicht selten tauchen dabei auch entweder die Freimaurer oder andererseits die Katholische Kirche auf. Der katholischen Kirche haftet ja immer schon etwas Geheimnisvolles an. Es gibt obskure Zirkel wie das Opus Dei und den Jesuiten wurden schon immer unterstellt, dass sie im Hintergrund Einfluss auf Regierungen gewinnen wollten. Die katholische Kirche als Teil einer Weltverschwörung?

Ist das völlig unrealistisch?

Für viele Zeitgenossen ist das Christentum der große Feind des Menschen und der Welt. Der christliche Glaube behindert den Fortschritt, unterdrückt die Freiheit und vertröstet die Menschen auf eine besseres Zeit, die einmal kommen soll. Ist es nicht ein Grundzug des christlichen Glaubens, den Menschen die Freude am Leben zu verderben, ihnen einen fremden Willen aufzuzwingen und dabei mit dem Untergang der Welt und der Hölle zu drohen? Haben nicht Kirchenleute durch die Geschichte auch versucht, massiv Einfluss auf das Denken und Handeln von Menschen zu nehmen und sich dabei mehr an ihrem eigenen Interessen als am Willen Gottes orientiert? Letzteres werden wir wohl nicht gänzlich bestreiten können. Religionen werden von Menschen missbraucht. Das gilt schmerzlicher weise gerade auch für das Christentum, den Glauben an den leidenden und gekreuzigten Menschensohn, den Gott in seine Herrlichkeit geführt hat. Es gab immer wieder dunkle Momente in der Kirchengeschichte, in denen Vertreter der Amtskirche Menschen manipuliert und Verbrechen an ihnen begangen haben. Dies gilt sie einzugestehen und aufzuarbeiten. Aber, dass die Grundbotschaft des christlichen Glaubens gegen den Menschen und die Welt gerichtet ist, können wir getrost in Abrede stellen. Das machen auch die Lesungen des heutigen Sonntags deutlich.

 

1. Die Jünger treffen sich zum Gebet, nicht zur Verschwörung

Schauen wir zunächst in das Obergemach. Nach der Himmelfahrt Jesu bleiben dort die Jünger, die Frauen und Maria zusammen.

„Wie geht es jetzt weiter?“ Glauben Sie nicht, dass diese Frage die kleine Gruppe bewegt? Sie haben die Katastrophe der Kreuzigung erlebt, haben zu einem Großteil völlig versagt und sind geflohen. Dann sammelt sie der Auferstandene neu. Schließlich sind sie vierzig Tage zusammen mit ihm bis er endgültig in die Herrlichkeit des Vaters zurückkehrt. Das muss doch ein Wechselbad der Gefühle gewesen sein. Jetzt stehen sie wieder allein da, sicher voller Euphorie und Enthusiasmus. Ist es so undenkbar, dass es in der Frage „Was tun wir jetzt“ unterschiedliche Meinungen gab? Möglicherweise wollten einige die Gunst der Stunde nutzen und Menschen für die Sache Jesu gewinnen. Es wird ja auch bei vielen frommen Juden nicht unbemerkt geblieben sein, dass sich die Jünger nach dem Ostersonntag verändert haben, wieder mutig wurden und sich nicht versteckten. Wäre das nicht schon die Gelegenheit die Geschichte Jesu zu verbreiten. Andere würden lieber alles für sich behalten, sich freuen, dass ihre Hoffnung doch nicht enttäuscht wurde und so selig bis an ihr Ende leben ohne großes Auftreten in der Öffentlichkeit. Sicher wird es auch Diskussionen gegeben haben , aber Lukas berichtet uns von einem einmütigen Beten, also nicht um eine Planung der besten Strategie, sondern um eine Öffnung auf den Willen Gottes hin. Wir kennen dieses Gebet, das die unterschiedlichen Geister zusammenführt „Sende uns deinen Heiligen Geist.“ Es ist das Gebet um den Geist Gottes, das die christliche Gemeinde von Anfang an bis heute begleitet: Und dieser Geist verdunkelt nicht und führt nicht zu Verschwörung. Es ist der Geist, der die Wahrheit aufdeckt und das Unerklärliche erhellt. Der christliche Glaube will nicht hinters Licht führen, Menschen verdummen. Er will zur Erkenntnis führen und zur Sicherheit, dass es einen letzte Wahrheit für alles gibt, die uns Gott nicht verheimlichen wird. Darum beten wir in diesen Tage der Vorbereitung auf die Sendung des Heiligen Geistes nicht um Verwirrung, sondern um Klarheit.

 

2. Der Glaube an Jesus führt nicht zur Vergeltung, sondern zum Durchhalten

Jetzt in dem Augenblick, in dem sich zeigt, dass Jesus doch der Messias Gottes ist, hätten die jungen Christen doch allen Grund, die Führer des Volkes und die zeitgenössischen Frommen bloßzustellen und Rache zu predigen an denen, die sie verantwortlich halten für den Tod Jesu. Und in seiner Pfingstpredigt wird Petrus auch harte Worte finden, um den Menschen die Augen zu öffnen für den Fehler, den sie begangen haben. Aber er kündigt nicht Strafe an oder ruft zur Vergeltung auf, sondern bietet Versöhnung mit Gott an. Die Lesung aus dem ersten Petrusbrief nimmt den Faden auf. Sie zeigt uns, dass die Verkündigung des Evangeliums kein ungetrübter Siegeszug war, sondern von Anfang an mit Widerstand und Gegnerschaft konfrontiert war. Aber die Reaktion des Schreibers ist nicht der Aufruf zur Gegengewalt und zum Kampf gegen die Gegner, sondern das Durchhalten und Ertragen, ganz wie es Jesus selbst getan hat. Die Kirche ist von Anfang an vom Widerspruch bedroht, aber nie im Kampf mit der Welt und dem Menschen. Wenn sie glaubwürdig Zeugnis von Jesus Christus geben will, der bereit war, den Weg bis zum Kreuz zu gehen, dann kann sie nicht mit Strafen und Unterdrückung reagieren, sondern muss Anteil nehmen am Leiden Christi in der Hoffnung und Vertrauen, dass Gott sie rechtfertigt.

 3. Jesus verkündet nicht Untergang, sondern Herrlichkeit für den Menschen 

Schließlich kehren wir noch einmal in den Abendmahlsaal vor Ostern zurück, in jenes Obergemach, in dem jetzt die Jünger um das Kommen des Geistes beten. Wir setzen uns zu ihnen und hören die letzten Worte Jesu vor seiner Kreuzigung. Es ist seine Abschiedsrede, die heute einmündet in das große Gebet an den Vater, das wir das hohepriesterliche Gebet nennen. Es geht Jesus nicht um Klage über die Ungerechtigkeit, die geschehen wird. Jesus sieht die Stunde gekommen, in der Gott durch ihn verherrlicht wird und in der Gott ihn verherrlichen wird: Seine Auferstehung wird der Triumph über alle Feinde sein. Das Grundthema ist Verherrlichung, kein uns besonders geläufiger Begriff. Er ist nicht Heldenverehrung, sondern letztlich Bekenntnis, dass Jesus Sieger über den Tod ist. Ein Kirchenvater, Irenäus von Lyon, hat im zweiten Jahrhundert das Wort geprägt:

„vivens homo gloria Dei“ .- „Die Verherrlichung Gottes ist der lebendige Mensch“. Ziel der Sendung Jesu und des Geistes ist nicht der willenlose Sklave, sondern der Mensch, der als Ebenbild Gottes wahrgenommen wird, und der staunen und ehrfürchtig sein kann vor dem Geheimnis der Schöpfung. Darin bekommt die Herrlichkeit Gottes, auf die unser Glaube zielt, Gesicht.

 Liebe Schwestern und Brüder

Christen sind keine Weltverschwörer, die das Leben als Jammertal sehen, sondern Zeugen Gottes, die in Jesus Christus erkannt haben, was Gott für die Welt und den Menschen will.

Papst Johannes Paul II hat das in seinem Schreiben zum neuen Jahrtausend „Tertio millennio Adveniente“ treffend auf den Punkt gebracht:

„Die ganze Schöpfung ist in Wirklichkeit eine Offenbarung seiner Herrlichkeit; besonders der Mensch ist das Sichtbarwerden der Herrlichkeit Gottes, berufen, aus der Fülle des Lebens in Gott zu leben.“ Darum beten wir für den Menschen und verschwören uns nicht gegen den Menschen. Amen!

 7_Verschwörungstheoretiker.pdf

 

 

 

 

 

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