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Predigt 5. Sonntag der Osterzeit „Kantate“

"Warum Gottesdienst ohne Musik nicht sein kann"

von Pfarrer Sven Johannsen

Liebe Schwestern und Brüder

Ich gebe zu, dass ich in den letzten Tagen öfters die Welt nicht verstanden habe, wenn es um die Frage nach öffentlichen Gottesdiensten in unseren Kirchen ging. Aber richtig daran gezweifelt, ob es Sinn macht, Gottesdienste mit der Gemeinde wieder zu feiern, habe ich eigentlich nur bei einem Halbsatz im bischöflichen Dekret für die Rahmenbedingungen für die Feier von öffentlichen Gottesdiensten, in dem es heißt: „Gemeindegesang ist allenfalls in sehr reduzierter Form vorzusehen, da Singen ein besonderes Risiko (Tröpfcheninfektion) birgt.“

Keine Frage – mancher Gesang ist sicher gesundheitsgefährdend. Aber Gesang und Musik als Ganzes eine Bedrohung unserer Gesundheit? Da musste ich schon schlucken.

Reduzierter Gemeindegesang, und der möglichst noch mit Mund-Nase-Bedeckung

Keine Bläser in den Kirchen

Bei den Maiandachten im Freien Bläser mit mindestens 6 Meter Abstand und 12 Metern Entfernung

Sollte man dann nicht lieber ganz verzichten? Langsam wird klar, die Gefahr, die da beschworen wird, wird sich wohl nicht als begründet erweisen. Aber geht Gottesdienst ohne Musik, ohne Gesang, ohne festliche Bläser?
Einige werden sagen: Es muss, sonst können wir nicht feiern.

Andere denken sich, dass es ihnen so gar ganz recht ist. Dann dauert der Gottesdienst nicht so lange.

Und für die meisten ist Musik wohl eh nur ein schmückendes Beiwerk der Liturgie, auf das man auch mal verzichten kann. Früher gab es auch stille Messen und die waren auch gültig.

Ich stelle in Frage, dass Musik für unser Feiern und Beten etwas Zweitrangiges ist. Ich bin der Überzeugung, dass Musik ein wesentlicher Bestandteil des Gottesdienstes ist, und zwar sowohl aus der Geschichte des jüdisch-christlichen Gottesdienstes begründet als auch grundgelegt in der Natur des Menschen, Gottesdienst ist ja wesentlich Dialog zwischen Gott und Mensch.

Musik ist so alt wie die Menschheit, ja sogar wie der Kosmos

Ist es vorstellbar, dass es je eine Zeit gegeben hat in der Geschichte der Menschheit oder gar des ganzen Kosmos ohne Musik. Eine Zeit der absoluten Stille, ohne Töne und Klänge? Ich glaube nicht. War nicht von Anfang, in jeder Bewegung auch eine Schwingung zu spüren, ein Ton des Kreisens, ein Rhythmus von Regen und Energie im ganzen Kosmos. Und kann der Mensch jemals ohne Töne gelebt haben? Es gab sicher keine Zeit, in der der Mensch nur gejagt, Höhlen gegraben und Werkzeuge angefertigt hat. Das Ohr ist das Organ, dass sich nicht verschließen lässt. Anders als das Auge besitzt es keine Lider, die sich schließen und alle Impulse entfernt halten. Auch wer nicht akustisch hören, spürt Schwingungen, hört anders. Davon können taube Menschen berichten. Ihr Körper bekommt Impulse und Gänsehaut, wenn Töne und Klänge in Schwingungen geraten. Der Mensch war nie ohne Musik, es gab noch vor den komponierten Chorälen, Symphonien und Sonaten natürliche Melodien. Oder meinen wir etwa, dass eine Mutter vor 50.000 Jahre ihrem schreienden Kind nicht Melodien vorgesummt hat, die sie schon vorgesummt bekommen hat, weil sie spürt, dass das Kind sich so beruhigt? Der Mensch, davon bin ich überzeugt, war, vielleicht nicht immer fähig, die Töne in harmonische Melodien zu bringen, aber zu keinem Zeitpunkt war er unmusikalisch, ohne Musik, ohne Töne, ohne eine Stimme, die beruhigt oder beunruhigt, ohne eine Melodie im Herzen, die er anstimmt, wenn er fröhlich und beschwingt oder wenn er traurig und schwermütig ist. Bis heute hat sich daran vielleicht technisch einiges geändert, aber nicht grundsätzlich. Noch immer Singen wir, wenn die Seele sich erhebt, wenn ich früh fröhlich bin und die Dusche zum Konzertsaal wird, wenn ich tief traurig bin und niedergeschlagen bin.
Vieles, was uns im Innersten bewegt, können wir voll und ganz nur mit Tönen ausdrücken. Wie viele Kinder haben für morgen ein Gedicht zum Muttertag vorbereitet und auch darin steckt ja Melodik oder singen ein Lied.

Und jenseits von Gläubig oder nicht gläubig im kirchlichen Sinn spüren Menschen, dass Musik uns empfänglich macht für ein größeres Ganzes, für die „guten Mächte, die uns umgeben“, wie es im Gedicht von Dietrich Bonhoeffer heißt, das ja für viele zu einem Lieblingslied geworden ist. Es weist auch über das rein Menschliche hinaus. Schon immer hat die Musik die Grenze des Sphärischen überschritten und den Menschen über die Welt erhoben, transzendiert. So kann Dietrich Bonhoeffer in der letzten Strophe bitten:

„Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.“

Es gibt und gab nie eine absolute Stille, die ohne Gesang, ohne Musik wäre, Musik ist eine Wesenseigenschaft von Mensch und Kosmos. Und wenn die Liturgie Gott und Mensch in Dialog bringt, dann kann sie nicht ohne Musik sein.

 

Musik ist wesentlich für unseren Glauben.

Johann Hinrich Claussen, evangelischer Theologe und Hauptpastor an St. Nicolai in Hamburg, gibt in seinem Buch „Gottesklänge“ Einblicke in einige ganz wichtige entscheidende Momente unseres Glaubens. Wir finden bei ihm auch verblüffende Antworten auf einige einfache Fragen:

Wer war der der erste Instrumentenbauer? Jubal, der Urururur-Enkel von Kain, der seinen Bruder Abel erschlagen hat

Sein Vater Lamech dagegen tritt als erster Sänger der Weltgeschichte auf, auch wenn es verstört, dass es ein Kampflied ist, das er anstimmt.

Die erste Komponistin dürfte Mirjam gewesen sein, die Schwester von Mose und Aaron, die nach dem Zug durch das Schilfmeer ganz spontan ein Loblied auf Gott verfasst und es mit der Pauke in der Hand selbst vorträgt.

Berühmt ist der erste Tänzer und Musiktherapeut: König David, der mit seinem Spielen den schwermütigen König Saul Erholung gibt und choreographisch vortanzt, als die Bundeslade Gottes in seine Hauptstadt Jerusalem gebracht wird-

Auch der erste Musikkritiker findet sich in der Bibel, der Prophet Amos, der dem untreu gewordenen Volk und seinen Priestern im Namen Gottes entgegenschleudert: „Tu weg von mir dein Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspielen nicht hören“ (Amos 5,23).1

Schon der Gottesdienst im alten Israel ist weder im Tempel noch in den Synagogen ohne Gesang denkbar. Die Psalmen sind nicht nur Gebete, sie sind oft Lieder mit Angaben zu Melodien und zum Einsatz von Instrumenten. Aus dieser Tradition kommen wir. Und wenn auch erst im Mittelalter mit den Neumen eine schriftliche Aufzeichnung wiederentdeckt wird, das Neue Testament, die Kirchenväter, denken wir an Ambrosius, aber auch die Legende, wie z.B. die zur Entstehung des gregorianischen Chorals, lassen keinen Zweifel daran, dass christlicher Gottesdienst immer auch die Musik und den Gesang als wesentliches Element erfahren hat, um den Glauben und die Verbindung mit Gott auszudrücken. Johann Sebastian Bach wird zu jedem Sonntag eine Kantate komponieren, die wir heute noch auf BR-Klassik wöchentlich hören können. Georg Friedrich Händel wird seine Auferstehung feiern mit dem Oratorium Händel. Die großen Orgelwerke der Romantik bauen in Tönen Kathedralen und beschreiben Mariengebete. Im Haus des Vaters, in dem uns Jesus heute einen Platz verspricht, wird gesungen werden. Hoffen wir mal nicht, dass das nur Halleluja und Hosianna sein wird, sonst geht es und vielleicht wie dem berühmten Münchner im Himmel von Ludwig Thoma, der dann doch das Hofbräuhaus dem Paradies vorzieht, sondern Lebensmelodien der Freude und Ewigkeit. Wenn es im Himmel nicht traurig zugeht, dann erwartet uns dort ein Symphonieorchester, eine Blaskapelle, eine Rockband oder ein Chor, je nach unseren Vorstellungen. Nur so wird die Rede Jesu zur Verheißung und nicht zur Vertröstung. Wenn unser großes Ziel, die Ewigkeit im Haus des Vaters, nicht auch eine große Hoffnung auf Fülle des Lebens enthält, wird sie uns doch bloß ein kleiner Trost sein, dass wir hier nicht ewig leben können.
Genau davon aber singt die große Solistin der Bibel, Maria, in ihrem Magnificat. Sie singt das Lied auf Gott, der auf sie schaut und ihr Ansehen gibt, der das Leben hier bei allem Dunkel schön und lebenswert macht, weil seine Gerechtigkeit und sein Himmel schon in diese Welt hineingreifen wollen. Gott hat Großes an mir getan, das kann ich nur singen, nicht prosaisch feststellen. Maria lehrt uns das Singen aus ganzem Herzen, ohne ob wir wissen, ob ihr Sopran wirklich astrein war.

Es gibt ein wunderbare Legende. Sie erzählt von einer Zeit, in der die Kirchenmusik bedroht war. Nach der Reformation hat es einige Zeit gedauert, bis auch Rom die Notwendigkeit einer Erneuerung sah. Dann aber wollte man wirklich durchgreifen und alles Künstlerische aus den Kirchen und dem Gottesdienst verbannen. Auf dem Konzil von Trient sollte auch die Kirchenmusik wieder ganz einfach werden, allein der einstimmige gregorianische Choral sollte noch als Hilfe eingesetzt werden. Da kam eines Nachts der strenge Kardinal Karl Borromeo zum verarmten Komponisten Giovanni Pierluigi da Palestrina, der aufgrund einer Heirat aus päpstlichen Diensten entlassen worden war und nun in einer ärmlichen Hütte hauste. Borromeo erzählte dem Komponisten von der drohenden Gefahr der Beschneidung der Musik und forderte ihn auf, etwas dagegen zu tun. Palästrina weigert sich zunächst, weil er es sich nicht zutraut. Aber Borromeo ist so energisch, dass sich Palästrina in der Nacht vor dem Ende des Konzils hinsetzt und eine der schönsten Messen der Musikgeschichte, die „missa papae Marcelli“ mehrstimmig vertont. Papst und Konzilsväter waren so ergriffen von der Aufführung am nächsten Tag, dass ihnen klar wurde, die Musik, ist kein kunstvolles Beiwerk, eine Ablenkung vom Kern der Heiligen Messe, sondern die Brücke zwischen Gott und Mensch. Es sind Gottesklänge, die der Mensch in Ton setzt. So wurde die Mehrstimmigkeit in der Kirchenmusik gerettet, weil sie ausdrückt, dass das Lob des Volkes Gottes nicht pflichtschuldige Eintönigkeit sein kann, sondern vielstimmig Welt und Kosmos erfüllen muss, damit sie den Himmel erreicht.
Heute feiern wir den Sonntag „Kantate“, „Singt dem Herrn ein neues Lied“. Dafür sind wir da. Mit Maria singen wir ein Lied der Hoffnung, des Glaubens und Vertrauens, eine Melodie unseres Lebens, die unseren Alltag erfüllen soll mit Kraft und Gewissheit. Vielleicht werden wir in der nächsten Zeit verhaltener singen. Vielleicht werden unsere Lieder einige Strophen kürzer sein. Vielleicht wird manches Instrument noch eine Zeitlang schweigen müssen. Aber ohne Gesang und ohne Musik können wir nicht feiern und nicht leben. Amen.

1 Vgl. J.H. Claussen, Gottesklänge, München 2014, 23ff

Ostern_5_Kantate_2020.pdf

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