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„Noch mal davongekommen“ - so bilanziert die ZEIT in ihrem Leitartikel der letzten Ausgabe das Jahr 2019. Und der Autor Heinrich Wefing schreibt als Rückblick auf die vergangenen 365 Tage: „Die Knie zittern, die Dämme halten. Die befürchteten Katastrophen sind 2019 ausgeblieben. Ein Grund zu feiern. Und ein Grund, sich weiter ins Zeug zu legen.“

Ein ziemlich nüchterne und auch abgeklärte Bilanzierung dieses Jahres, das in seinen letzten Zügen liegt. Der Autor begründet seine Gelassenheit mit ein paar Fakten aus dem politischen Geschehen:

Die AFD ist nirgendwo in der Republik stärkste Kraft in einem Parlament geworden

Die große Koalition hält immer noch

Der Brexit kommt, aber nicht so hart, wie es lange Zeit zu befürchten war.

Und v.a. Donald Trump hat, so das Zitat, „selbst nach seinen Maßstäben, jede Menge Hass und Unfrieden gestiftet, aber die Institutionen halten tapfer dagegen, … und Trump hat, immerhin, dann doch keinen ganz großen Krieg angezettelt, nicht gegen den Iran, nicht gegen Nordkorea, nicht gegen China.

Politisch gesehen muss man tatsächlich für unser Land sagen: Das Schlimmste ist ausgeblieben.

Dem werden sich auch die Bischöfe mit Blick auf die Lage der Kirche anschließen.
Die Austrittszahlen sind hoch, das Problem des Missbrauchs und und die Personal- und Strukturprobleme in den Diözesen groß, aber nicht so gewaltig, dass man wirklich ernsthaften Willen zur Reform zeigen muss. Noch reichen ein paar Krokodilstränen und betroffene Zusicherungen, um den großen Exodus aus der Kirche noch abzuwehren.

Denken Sie auch, dass es 2019 hätte schlimmer kommen können?

Vielleicht hatten Sie Befürchtungen am Anfang des Jahres, dass in diesen Monaten ein naher Mensch sterben könnte, dass in einer Beziehung das Schlimmste eintritt und sich vielleicht Kinder oder Enkelkinder trennen, dass der Arbeitsplatz angesichts kriselnder Bereiche in unserer Wirtschaft nicht mehr sicher ist. Möglicherweise haben sich Menschen zusammengerauft und halten es doch noch miteinander aus. Es gibt Kurzarbeit, aber noch ist der Arbeitsplatz sicher. Ein naher Mensch wird nicht gesund, aber er ist noch da.

Oder aber Sie haben doch das Schlimmste erfahren:
Jemand in der Familie wurde ernstlich krank, dass die Sorge um ihn /sie das ganze Jahr überschattet hat, ein junger Mensch findet einfach keinen Halt im Leben und rutscht immer weiter ab, die eigene Lebenssituation wird durch den Verlust eines nahen Menschen, durch eine Depression, durch eine Krise sinnlos.

Sicher teilen z.B. die Menschen in Christchurch und die Christen in Sri Lanka die Meinung nicht, dass das Schlimmste ausgeblieben ist. Sie mussten in diesem Jahr das Unvorstellbare erleben als Terroranschläge in Neuseeland zwei Moscheen und auf Sri Lanka mehrere Kirchen und Hotels zum Ziel von Terroranschlägen wurden. Ähnlich werden Juden in Halle empfinden, die im Oktober einen Angriff auf ihre Synagogen erleben mussten. Das Schlimmste haben auch Menschen in Mosambik und Simbabwe nach dem Zyklon Idai und den folgenden Überschwemmungen erlebt. Die Liste ließe sich beliebig weiterführen: Das Erdbeben in Albanien, die Waldbränder im Amazonas und Südostasien. Für Wikipedia, die Online-Bibliothek, sind das die die herausragenden Ereignisse des Jahres 2019 und nicht die manchmal Lächerlichen Entgleisungen von Donald Trump, die durch die mediale Ausschlachtungen vielen weit mehr in Erinnerung bleiben werden.

Was also stimmt jetzt? Ist eine Haltung „Wir sind noch mal glimpflich davongekommen“ nicht eine Art Galgenhumor, weil wir ja wissen, 2020 könnte es dann doch eintreten, was wir befürchten?

 

Ganz sicher gibt es keine allgemein verbindliche Bilanz für ein Jahr. Aber der Rückblick sagt uns, dass wir oft mit mehr Ängsten als Hoffnungen in ein neues Jahr starten. Das es uns auf allen Ebenen, persönlich und politisch, leichter fällt, pessimistisch zu sein anstelle von Optimismus. Vielleicht kann uns ein Jahr wie 2019 mit seinen Höhepunkten und Tiefschlägen auch eine Gelassenheit lehren für das kommende Jahr.

 

Wir Christen haben zur Zeit noch eine besondere Einstellung. In der Lesung des heutigen Altjahresabend hören wir scheinbar sehr bedrohliche Worte vom Ende. Zunächst einmal könnten wir ja ganz entspannt sagen: Für uns Christen hat das neue Kirchenjahr schon vor einigen Wochen begonnen am ersten Advent. Eigentlich müsste uns dieser Altjahresabend gar nicht groß interessieren. Aber weil wir nun mal überzeugt sind, dass Gott nicht der Besitz der Kirchen ist, sondern vielmehr, dass ihm Zeit und Geschichte gehören, darum kann uns das menschliche Empfinden in so einem Augenblick nicht egal sein.

Eine christliche Haltung zur Zeit, die geht und die kommt, ist vielleicht am besten in die polare Spannung zu fassen „mit Ernst, aber ohne Angst“.

Mit Ernst sehen wir in unserer Zeit wie das Gute und das Böse in einem Dauerkonflikt stehen auf allen Ebenen, in uns, im Zusammenleben in unserer Stadt und in unserem Land, ebenso wie in der Welt. Wir erleben unvorstellbare und sinnlose Gewalt, die Menschen einander antun, weil sie Fremdes als Bedrohung empfinden, weil sie Lust an der Zerstörung haben, weil sie jegliche Hemmungen verlieren. Aber wir sehen auch wie Menschen neu ihre Verantwortung entdecken für die Schöpfung. auch das ist ein Zeichen der Hoffnung, das von 2019 und den Fridays for Future ausgeht. Wir sehen, wie junge Menschen wieder die Lust entdecken, Gutes zu tun und nicht nur Erfolg zu haben, sondern sich engagieren in Hilfsorganisationen, nach Afrika gehen und in Waisenhäuser mitgehen. Wir erleben, wie Getaufte dem scheinbaren Naturgesetz von Untergang in der Kirche ihre ganze Kraft entgegenstellen und kreativ den Glauben weitergeben.

Nichts ist ganz rein. Es ist eine menschliche Urerfahrung, dass immer dann wenn wir zum Aufbruch zu Neuem bereit sind, sich uns Kräfte entgegenstellen, die Widerstand leisten und uns ausbremsen wollen: Ängste, Zweifel, Neid, Egoismus. Sie fordern uns heraus, unser Leben nicht einfach als einen großen, trägen Fluss zu verstehen, sondern uns immer neu für das Gute zu entscheiden. Und wie wir zugleich gerade in Schwierigkeiten Kräfte erfahren, manche sagen, dass wir sie entwickeln, an die wir selbst nicht geglaubt haben.

Ich habe schon bei anderer Gelegenheit daran erinnert, dass vor genau 75 Jahren ein Gedicht entstand, das ein Kenner als „das geistliche Gedicht des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hat: Von guten Mächten“. Dietrich Bonhoeffer, sein Autor, hat es einfach überschrieben „Neujahr 1945“: In einem Brief an seine Verlobte Maria von Wedemayer nennt er es einfach beiläufig ein paar Verse, die er seinem aus dem Gestapo geschmuggelten Adventsbrief anhängt. Wir spüren aber in den Worten eine faszinierenden Gelassenheit, geprägt von einem großen Vertrauen in Gott, die diesen Häftling im Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße beseelen. Bonhoeffer ahnt wohl, dass es sein letztes Weihnachten, fern von der Familie sein wird. Sein Weg wird ihn im kommenden Jahr 1945 tatsächlich in das Schlimmste führen, in den Tod, die Hinrichtung in Flossenbürg am 9. April 1945.

(für das Folgende vgl. Wolfgang Huber, Dietrich Bonhoeffer. München 2019)

Er scheint ohnmächtig, den bösen Mächten ausgeliefert, die „letzte Stunde“ kommt unausweichlich. Und doch sieht er die „guten und treuen Mächte“, die ihn bisher umgeben haben und weiter für ihn da sein werden. Das sind ganz konkrete Kräfte: Seine Familie, seine Eltern v.a. und seine Verlobte, die alle Kanäle nutzen, um dem Gefangenen Essen, Wäsche, Bücher zukommen zu lassen. Und er weiß, dass da noch eine viel stärkere Macht ist, die immer schon in seinem Leben aufgeschienen ist und die jetzt in der Bedrängnis ihn nicht im Stich lässt. Seiner Verlobten schreibt er über seine Situation:

„Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinem Augenblick allein und verlassen gefühlt. Du, die Eltern, ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, Ihr seid mit immer ganz gegenwärtig…. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: zweie, die mich decken , zweie, die mich wecken.“, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder. Du darfst also nicht denken, ich sei unglücklich.“

Aus dieser Erfahrung heraus fand Bonhoeffer die Kraft für seine stillen und zuversichtlichen Zeilen. Und deshalb beeindrucken sie uns auch heute noch so stark.

Wir müssen nicht das Schlimmste erlebt haben, aber diese Urerfahrung, die Bonhoeffer an den Anfang seines Gedichtes stellt, spiegelt wieder, wie wir Christen an diesem Altjahresabend Abschied nehmen dürfen vom Vergangenen:

 

„Von guten Mächten treu und still umgeben,

behütet und getröstet wunderbar, -

so will ich diese Tage mit euch leben

und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Das darf unsere Sicht auf 2019 sein und unsere Hoffnung 2020: Wir sind nicht einfach davongekommen. Wir sind getragen von guten Mächten treu und still und behütet, was auch kommen mag. Amen.

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