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Zu Röm 8,18-23 "Heile, Heile Gänsje"

Trost oder Vertröstung – Predigt 15. Sonntag A 2020

 15_Trost_und_Vertröstung.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Es ist das wohl bekannteste Lied der Mainzer Fastnacht „Heile, Heile Gänsje, es wird schon wieder gut“ Der singende Dachdecker Ernst Neger hat es berühmt gemacht, obwohl es schon viel älter ist und bereits im 19. Jahrhundert als Kinderreim bekannt war. Wahrscheinlich erinnern sich viel von Ihnen auch daran, dass wenn er bei den berühmten Fastnachtssitzungen „Mainz bleibt Mainz“ diese Lied anstimmte, plötzlich die Atmosphäre im Saal, aber auch zuhause vor den Bildschirmen sich merkwürdig verändertet, es still wurde, Tränen flossen und eine melancholische Grundstimmung sich ausbreitete.

Obwohl es die Hitparade der Karnevalslieder anführt, ist es weder vom Text noch von der Melodie her wirklich typisch für die sog. fünfte Jahreszeit. Es weckt ganz andere Bilder in uns: Da ist das Kind, das hingefallen ist, die Knie bluten. Mutter oder Vater nehmen es in den Arm und beruhigen es „Es wird bald wieder gut“, vielleicht pusten sie noch drauf und schon ist der Schmerz nicht mehr so schlimm und das Schreien wandelt sich in ein Schluchzen. Das haben wir alle schon als Kinder erlebt und viele haben ihre Kinder so getröstet „Es wird bald wieder gut. In 100 Jahr ist alles weg.“

In der Regel hat das schon gereicht, um den Schmerz zu lindern und die Kinder, die gerade geschrien haben, als wären sie krankenhausreif gestürzt, wieder schnell spielen und toben zu lassen.

Macht Paulus das heute mit uns auch? Tröstet er uns nicht ähnlich, wenn er heute im Römerbrief sagt: „Ich bin überzeugt, dass die Leiden dieser Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.“ Übernimmt Paulus heute die Rolle der Eltern, die ihr Kind in den Arm nehmen und wieder zur Ruhe und v.a. zum Vergessen des Schmerzes führen?

Aber wir sind keine kleinen Kinder. Wir erleben Leiden, die nicht einfach verschwinden durch gute Worte: Die Trauer, die Menschen nach dem Verlust eines Ehepartners, eines Kindes, ein Leben lang mit sich tragen, chronische Krankheiten und psychische Leiden, Enttäuschungen und Gewalt, die mancher erfahren muss. Sie lassen sich nicht einfach wegwischen mit Worten „Die Zeit heilt alle Wunden“ oder „Es wird schon wieder werden“. Und damit meine ich nicht nur persönliche Leiderfahrungen, sondern auch das Leiden an der Kirche, das Leiden an sozialer Ungerechtigkeit und das Leiden mit der Schöpfung, die verwundet ist und der so wenig wirksame Hilfe zukommt? Ich bin überzeugt, dass die Angst, die bei vielen mit der Corona-Krise aufkam, dauerhaft, wie eine dunkle Macht in ihrem Herzen einen Platz finden wird. Da hilft es nicht, gute Nachrichten zu hören oder einfach die Wirklichkeit zu leugnen.

Sind die Worte des Paulus heute nicht mehr Vertröstung als Trost?

V.a. was ist der Unterschied? Ist der Trost, den wir aus dem Glauben zu spenden versuchen, nicht immer letztlich Vertröstung auf eine neue, bessere Welt:

Gegenüber den Trauernden Angehörigen, denen wir beim Verlust eines geliebten Menschen sagen, dass er bei Gott lebt. Schön, aber wahrscheinlich hätte sie ihn lieber hier bei sich.

Gegenüber Menschen, die hier in Armut leben, und denen wir versichern, dass unser Gott immer auf Seiten der Armen steht. Wäre es ihnen nicht lieber, wenn jemand einfach ihre Situation verbessern würde?

Gegenüber Menschen, die schwer krank sind und Schmerzen haben, deren Blick wir auf den leidenden Christus lenken. Wäre es ihnen nicht lieber, man würde ein wirksames Mittel gegen Krebs finden, auch wenn es möglicherweise mit umstrittenen gentechnischen Methoden gefunden wird?

So einfach können wir uns es als glaubende Menschen nicht machen und den Menschen sagen, dass Gottes Wege unergründlich sind, er aber einmal uns ein schönes Leben im Himmel schenken wird, wenn sie doch hier schon gut leben wollen und immer mehr daran zweifeln, dass es eine ewiges Leben gibt.

Andererseits aber ist unser Glaube auch die Sprengkraft, die die Grenzen der irdischen Dimensionen von Zeit und Raum durchbricht. Es ist die Aufgabe der Kirche, den „Himmel für die Menschen offenzuhalten“.

Wann wird unsere Verkündigung von Gott und „seiner Herrlichkeit“, von der auch Paulus spricht, vom Trost zur Vertröstung.

Paulus liefert den versteckten Schlüssel: Anders als Apokalyptiker, die meinen, dass nach einer leidvollen Erdenzeit die herrliche Gotteszeit anbrechen wird, ist sie für Paulus schon längst da, sie muss nur noch offenbar werden. Paulus sieht nicht ein irdisches Jammertal und ein davon getrennt ein himmlisches Freudenparadies. Es gibt keinen Bruch, sondern eine Kontinuität, die dann Trost schenkt, wenn wir sie erkennen.

Dabei hilft uns das Evangelium. Es redet davon, dass die Verkündigung des Reiches Gottes nicht überall auf fruchtbaren Boden fällt, sondern oft leer bleibt aus den verschiedensten Gründen. Es wäre verkürzt, allein die Hörer verantwortlich zu machen, wenn das Wort Gottes nicht die Wirkung entfaltet, die wir uns wünschen. Das Wort Gottes will nicht nur zugesprochen sein, es will bewirken. Ein vertröstendes Wort wird es, wenn wir uns mit Zuspruch nur ein unangenehmes Gespräch hinter uns bringen und ein Problem vom Hals schaffen wollen. Wer sich Noten und Sorgen anhört und nur auf bessere Zeiten verweist, der vertröstet und hilft nicht wirklich dauerhaft. Sein gutes Wort wird gehört, wirkt vielleicht sogar einen Augenblick, aber hat keine dauerhafte Wirkung.

Den Unterschied zwischen beiden erklärt ganz gut Herkunft des Wortes. Dazu müssen Sie sich kurz an ihre letzte Holzhackaktion erinnern. Ein Theologe hat das in meinen Augen ganz gut erklärt:

„Die Wurzel von “Trost” bezeichnet die Festigkeit des Kernholzes. Ab einer Baumscheibe kann man sehen, dass sich Holz in Split- und Kernholz unterscheidet. Das Kernholz ist das wertvolle und festere von beiden. Das Kernholz ist auch stabiler und vor allem hält es länger als das Splittholz. Es hat eine höhere Beständigkeit. „Somit ist das Wort Trost auch sprachlich verwandt mit Treue und Vertrauen, was im englischen Wort “trust”, aber auch im Wort “true = treu, wahr” noch sichtbar ist. Trost spendet somit das, was wahrhaft verlässlich ist.“ Das was stabil ist und dauerhaft. Jeder merkt das falscher oder billiger Trost eine dieser Eigenschaften nicht hat – Dauer. Es ist dann nur eine Vertröstung. Er reicht nur ein Stück weit und setzt sich schon rein sprachlich vom Trost ab: Im Deutschen hat „Vertröstung“ etwas Negatives und Flüchtiges an sich. Was ist also Trost? Es hat mit „Trauen“ zu tun „Vertrauen“, mit „Treue“, mit „Festigkeit und „Stabilität“ und es hat etwas damit zu tun, dass es um einen inneren Kern geht; einen Kern, der sich im Trost offenbart, der stabil und dauerhaft ist“ (Pfarrer Michel Debus)

Trost ist also ein anderes Wort von Treue. Es kommt gar nicht auf große Wortgewalt und Formulierungskunst an, zu einem besseren Gefühl überreden will. Es geht um ein Wort, das zurückgebunden ist an die eigene Persönlichkeit.

Wenn Paulus heute zu den Christen in Rom von „gegenwärtigen Leiden“ spricht, dann dürfte es nicht um eine konkrete Krisensituation oder Verfolgung gehen, sondern um alltägliche Leiden und Entbehrungen, aber auch um die Erfahrung, durch ihr Bekenntnis zu Christus ausgegrenzt zu werden aus ihren Familien, bisherigen Freundeskreisen und der religiösen Gemeinschaft, die sie bisher getragen hat. Aber wir wissen, dass der, der hier Trost spendet, Paulus, weiß von was er spricht. Immer wieder erlebt er bei der Verkündigung des Evangeliums Widerspruch, wird bedroht, geschlagen und inhaftiert. Wahrscheinlich gab es auch in manchen stillen Momenten für ihn die Frage, warum muss ich das alles erdulden. Paulus findet Trost im Glauben an Christus, der alle Leiden schon getragen hat. Weil Paulus sich von Gott getröstet weiß, kann er selbst Trost spenden. Er ist kein unverwundbarer Oberlehrer, er ist ein „verwundeter Arzt“, wie ihn C.G. Jung einmal beschrieb, der sagte: „Nur wo der Arzt selber betroffen ist, wirkt er. Nur der Verwundete heilt.“ Das Herz erreicht mit seinen Worten nur der, dessen Herz selbst berührt wird.

Wenn wir, wie Paulus anderen Menschen in den vielfältigen Nöten Trost spenden wollen und mit unseren Reden nicht nur vertrösten, dann können wir sicher nicht alle Probleme der anderen zu unseren machen. Wir sind nicht der seelische Papierkorb für die Nöte aller Menschen. Aber wo wir als Menschen, die selbst auf Trost angewiesen sind, erlebt werden und nicht als gefühlskalte Computer, die auf Anfrage die richtigen Weisheitssprüche von sich geben, da werden auch Worte, die wir als unzulänglich und vielleicht wenig überlegt erscheinen, echte Hilfe und Trost geben können. Entscheidend sind dabei die Treue und unser Vertrauen, dass Gott uns die richtigen Worte in den Mund legt.

Denken wir an das Eingangslied von Ernst Neger: Nicht gerade literarisch hochstehende Formulierungen, sondern Kinderverse, aber sie haben vielen Menschen Trost gespendet, weil sie sie an Erfahrungen erinnern, die sie als wirklichen Trost empfunden haben: In den Arm genommen und gehalten werden, Aufmerksamkeit bekommen und mit seinem Schmerz wichtig sein.

Gottes Wort durch uns wird Frucht bringen, wenn Menschen spüren, dass Gottes Arme für sie offen sind. Dass wir sie nicht vertrösten auf eine Ewigkeit, die es vielleicht nicht gibt, aber dass wir für sie den Himmel offenhalten als Hoffnung auf das Leben in Fülle, das Jesus uns allen verheißen hat. Amen.

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