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Predigt „Die Steigerung von wund ist Wunder“

2. Sonntag der Osterzeit – 24.4.2022 – Sven Johannsen, Lohr

Du_hast_vom_GLück_nur_halb_so_viel_wie_ich.pdf

 

Einspieler: Du hast ein beneidenswertes Naturell. Du bist hart im Nehmen und vergisst sehr schnell. Hätte ich doch auch nur so ein dickes Fell. Du hast es gut. Wenn es sein muss, zügelst du gekonnt die Wut. Du bewahrst im Notfall immer ruhig Blut. Auch wenn du verlierst, verlierst du nie den Mut. Du hast es gut. Hast du's gut, durch deine Art. Bleibt dir so mancher Kummer erspart. Geht mein Gemüt mir auch gegen den Strich. Du hast vom Glück nur halb so viel wie ich ( „Milva – Du hast es gut…“)

Liebe Schwestern und Brüder

Haben Sie die Sängerin erkannt? - Milva. Die Generation, die in den siebziger und achtziger Jahren treue Anhänger der ZDF-Hitparade und anderer großen Musikshows war, kennt sie wahrscheinlich noch sehr gut. Sie fiel auf: eine hochgewachsene und attraktive Italienerin mit feuerrotem Haar. Sie verkörperte Selbstbewusstsein, Emanzipation und Rebellion. Bis zum Ende ihres Lebens war sie überzeugte Sozialistin und interpretierte neben den Schlagern, die sie in die Hitparaden brachten, v.a. politische Lieder von Berthold Brecht, Mikis Theodorakis und Freiheitslieder der italienischen Partisanen. „La Rossa“, wie man sie nannte, verkörperte Leidenschaft und Stärke, aber auch Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit. Sie war keine Gina Lollobrigida oder Sophia Loren, die Traumfrauen des italienischen Fernsehens, aber mit ihrer rauchigen Stimme, voller Leidenschaft und Verruchtheit, hat sie Schlager geschaffen, die heute noch in Erinnerung sind: „Hurra, wir leben noch“, „Freiheit in meiner Sprache“ und „Du hast es gut.“

Wer hat es gut? Der Mensch. der souverän, mit Überblick, Gelassenheit und der Fähigkeit, nicht impulsiv zu handeln, auf seinem Karriereweg zu höchsten Spitzen eilt? Sicher, was soll nicht daran gut sein, wenn man immer alles problemlos läuft, man die richtigen Entscheidungen trifft und immer überlegen bleibt. Aber, so die Pointe des Songs, „vom Glück hast du nur halb so viel wie ich.“

Kann es sein, dass der leidenschaftliche, zweifelnde und kämpfende Mensch, der sich oft genug selbst im Weg steht und sich ständig Feinde schafft, am Ende doch glücklicher ist als der Erfolgsmensch? Kann es sein, dass der Mensch, der zweifelt und sich wehrt, am Ende gläubiger ist als der, der alles hinnimmt und akzeptiert? War Thomas vielleicht der wahrhaft Glaubende und Glückliche, obwohl wir ihn als „ungläubigen Zweifler“ zu verurteilen gewohnt sind? Es gibt Indizien, die das belegen.

Dass die Freude der Jünger am Ostertag, an dessen Abend Jesus durch verschlossene Mauern in ihre Mitte tritt, wirklich dauerhaft Glauben und Hoffnung entflammt, dürfen wir bezweifeln. Auch eine Woche später finden wir sie wieder in der gleichen Situation: Sie stecken aus Angst hinter verschlossenen Türen. Johannes schildert nur wenige Regungen: Sie freuen sich, dass sie den Herrn sehen. Sie erzählen voll Freude dem Thomas, der nicht da ist, was sie erlebt haben. Aber damit hat es sich auch. Wir hören keine wörtliche Rede, sehen keinen Freudensprüngen und v.a. erleben kein Wagnis voll Mut und Glauben. Thomas ist anders: Er versteckt sich nicht hinter Türen, er ist unterwegs. Er redet und bringt seine Verletzungen durch den Karfreitag ins Wort. Er fordert und unterwirft sich nicht einfach einer Behauptung. Er kämpft und ringt. Liest man das Evangelium, das ja einen Bogen über die ganze Osterwoche schlägt, dann bleiben die elf Jünger merkwürdig blass, während Thomas leidenschaftlich und stark erscheint. Er weiß wahrscheinlich in diesem Augenblick selbst nicht genau, was er tun soll: vertrauen oder sich verweigern, sich öffnen oder verhärten. Thomas ist kein Vernunftmensch, er ist mehr Herzmensch als die meisten seiner Kollegen. Das legen die Stellen nahe, in denen der Evangelist Johannes den Fokus auf ihn wirft. Dreimal tritt Thomas aus der Gruppe heraus und in der Regel fällt er auf durch Mut, Sehnsucht und die Bereitschaft, jeden Preis für seine Entscheidung für Jesus zu bezahlen. Neben der heutigen Perikope, die ihn als den ungläubigen Thomas berühmt gemacht hat, wird noch Thomas zweimal besonders erwähnt.

Papst Benedikt hat in einer Katechese auf dem Petersplatz am 11. September 2006 die Überlieferung gedeutet:

Auch die anderen Stellen, an denen der Apostel Thomas im Johannesevangelium zu Wort kommt, zeigen uns, dass das Leben eines Apostels ganz auf Christus ausgerichtet ist. Viele Jünger hatten Angst, mit Jesus nach Betanien bei Jerusalem zu gehen, doch Thomas sagt: „Lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben“ (Joh 11, 16). Nichts ist wichtiger, als Jesus nachzufolgen und ganz bei ihm zu sein! Denn Jesus sagt selbst beim letzten Abendmahl zu Thomas: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14 , 6).

Thomas ist nicht ungläubig, er ist der wahre „Glaubende“. Glaube, das wissen wir, kommt in seinem lateinischen Ursprung von der Formel „cor dare“ , „das Herz geben“. Dazu war Thomas bereit. Wer kann es ihm verdenken, dass er, der bereit war, leidenschaftlicher und mit mehr Herz als viele anderen Jünger sich ganz auf den Weg Jesu zu begeben, auch am meisten verletzt fühlt durch den Karfreitag und jetzt bemüht ist, nicht noch Salz in die Wunde zu streuen. Wahrscheinlich war er innerlich sehr zerrissen. Er hat wohl schon Gerüchte gehört, dass das Grab leer ist, Johannes und Petrus dort waren, vielleicht auch schon davon, dass Maria von Magdala ihn wieder gesehen haben soll. Ich habe viel Verständnis für Thomas. Er ist nicht ungläubig, vielleicht ist er sogar gläubiger als die meisten. Sicher aber schmerzen die Wunden der Enttäuschung, der Verzweiflung und auch der Selbstvorwürfe, am Karfreitag nicht durchgehalten zu haben, ihn in weit größerem Maße als die, die sich immer unter Kontrolle haben und auch im Angesicht der Katastrophe ihre Gelassenheit nicht verlieren wollen. Möglicherweise ist aber dann auch sein Glück doppelt so groß in dem Moment, in dem die Ungewissheit besiegt ist durch das Erkennen. Von den anderen Jüngern heißt es, dass sie sich freuen. Von Thomas hören wir ein vollgültiges Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott!“ Er hat erkannt, was der Johannesprolog zu Beginn des Evangeliums angekündigt hat: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben.“ Jürgen Ebach, lange Jahre Alttestamentler in Bochum, hat das, was Thomas an diesem achten Tag erlebt, in die treffende Formulierung gebracht: „Die Steigerung von wund ist Wunder.“ Thomas muss böse Blessuren einstecken beim Ringen um die Grundfrage des Glaubens, wie sie sich schon dem Volk Israel in der Wüste angesichts von Hunger und Durst stellt: „Ist Gott in unserer Mitte oder nicht?“ Wer sich einen letzten Schutzschild bewahrt, dass man sich eben in das Unvermeidliche fügen muss, der wird nie so sehr verwundet wie der, der alles einsetzt und sich ganz auf den Weg einlässt, aber er wird auch nie das gleiche Glück erfahren wie Thomas, wenn die Wunden zum Wunder der Gegenwart des Auferstandenen heilen. Sie werden nicht verschwinden. Jesus trägt sie auch noch am Körper und Thomas vergisst wahrscheinlich nie das Tal der Tränen und der Zweifel, durch das er hindurch muss, aber jetzt leuchten die Wunden als Wunder des Lebens. Diese Wunden Jesu bleiben, sie sind auch heute noch offen und rufen nach Heilung. Es sind die fünf Wunden einer Menschheit, die so schnell bereit ist, einander zum Wolf zu werden, einer Kirche, die aus Angst vor Verlust der Macht mitunter ihren eigenen Glauben opfert und in eine leere Starre von Ritualen Zuflucht sucht, jedes einzelnen Menschen, der auf der Suche nach Glück und Halt im Glauben mit Schicksalsschlägen und Enttäuschungen in einen Strudel des Zweifels gerät, eines Glaubens, der sich immer wieder rechtfertigen muss vor überzeugenden Argumenten der Logik und des Verstandes und dabei oft zu scheitern droht, und einer Schöpfung, die nicht mehr das Paradies ist, das Gott für den Menschen geschaffen hat, sondern zu oft ein Ort der Lebensfeindlichkeit und des Todes durch blinde Eigensucht. Alle diese Wunden sind immer noch offen, sie sind sichtbar und sie schmerzen, wenn man den Finger auf den wunden Punkt legt. Aber sie alle haben auch eine Perspektive der Heilung durch die Hoffnung, die seit Ostern unauslöschlich geworden ist. Der Philosoph Ernst Bloch spricht vom Prinzip Hoffnung und meint, dass die Hoffnung nicht bewiesen werden muss und auch nicht widerlegen werden kann, weil sie jeder Logik vorausliegt. Sie ist einfach da und somit Lebenselixier. Die Hoffnung, die seit Ostern unerschütterlich geworden ist, sagt Thomas und uns, dass es kein Nein gibt, dass so laut und stark ist, dass es nicht von einem im Innersten des Menschen, in seinem Herzen verborgenen „Ja“ besiegt werden könnte. Der achte Tag ist ein besonderer Tag: Er durchbricht alle Regeln, alle Normen menschlichen Denkens, weil er ganz in der Hand Gottes ist und alles nun seinen Vorgaben folgt. Was Thomas heute glaubend lernt ist die Einsicht, dass die Hoffnung nicht bewiesen werden muss, sondern aus einer Liebe zu Christus kommt, die verwundbar macht, aber auch offen sit für Wunder, und die uns glauben lässt, ohne zu sehen. Darum stelle ich mich gerne an die Seite des Thomas und nicht in den Kreis der anderen Jünger. Lieber ringe ich mit ihm, damit mein Glaube stärker und mein Glück größer wird, wenn ich einmal meinen Gott schauen darf von Angesicht zu Angesicht. Amen.

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