Kann man Leid eigentlich messen?
Liebe Kameradinnen und Kameraden örtlichen der Feuerwehr,
liebe Schwestern und Brüder!
Meine Frage ist tatsächlich ernst gemeint. Denn ich habe sie mir in der letzten Woche selbst gestellt. Dabei mag das Leid an sich viele „Gesichter“ haben. Es mag ganz unterschiedlich zum Ausdruck gebracht werden und jeder von uns wird eine andere Ansicht auf das Leid haben.
Das Bild dieses Jahres 2026 fängt eine Momentaufnahme des objektiven Leides ein, ohne es direkt zu beabsichtigen. Ein Familienvater wird aus New York City ausgewiesen und muß das Land verlassen. Seine beiden Mädchen halten ihn an seinem Pullover fest. Sie versuchen, ihn zu halten und haben dabei große Tränen in den Augen. Hinter ihnen steht ihre Mutter und die Ehefrau des abzuschiebenden Mannes, die versucht, ruhig in dieser Situation zu bleiben. Es scheint so, als ob sie für Ihre Kinder stark bleiben möchte. Diese Form des Leides traf auf die junge Familie plötzlich ein.
Leid braucht oft keinen direkten Anstoß der betroffenen Personen, sondern es kommt auf sie zu. Oft bin ich nicht schuld, wenn mich etwas Unvorhergesehenes trifft, wenn mich Krankheiten einschränken oder geliebte Menschen in ihrer körperlichen wie auch seelischen Freiheit begrenzt werden. – Das Leid hat eben viele „Gesichter“! Unsere Kameradinnen und Kameraden der Berufsfeuerwehren wie auch der freiwilligen Vereine und auch diejenigen, die in Sanitäts- und Medizindiensten eine Verantwortung tragen, können täglich mit der Verwundung anderer Menschen konfrontiert werden. Wenn in einem Moment der Piepser klingelt, obwohl ich in meiner Alltagssituation beim Essen, abends vor dem Fernseher oder noch auf dem Balkon in der Dämmerung sitze, vielleicht sogar wenn ich schon im Bett liege, werden Sie ungewollt mit dem Leid attackiert. Und es ist das Leid anderer Menschen! – Das kann Ihnen eigentlich egal sein. Gehen Sie vielleicht doch zum Einsatz, um das Leid messen zu können?
Ermessen können die Jünger am Abend vor dem Tod Jesu nur ansatzweise, was nun auf Jesus und auf sie selbst zukommt. Nach fröhlichen Tagen, mitten im Alltag und im Leben angekommen in der Stadt Jerusalem, feiern sie das Paschamahl. Feiern, habe ich gesagt. Nun aber gibt Christus ihnen den Gedanken mit auf dem Weg, daß schwere Stunden vor ihnen legen. Womit reagieren die Elf natürlich? Mit Angst vor der Ungewissheit dessen, was da kommt, mit Traurigkeit und mit Verzweiflung. Auch Jesus Christus könnte sich nun denken: Was gehen ihre Gefühle mich an?! Ich habe selbst leidvolle Stunden vor mir und kann mich nicht noch um die anderen kümmern. – Er macht genau das Gegenteil! Er geht mit ihnen in ihre Gefühle hinein, will sie aber nicht verschlimmern. Sondern er zeigt ihnen einen Weg auf. Er geht ihnen voraus, um ihnen zu zeigen: Ich bin mit Dir! Ich verlasse Dich nicht! Ich will Dir helfen! Und nur weil ich von Dir weggehe, dorthin wo Du mich nicht mehr sehen kannst, heißt es nicht, dass Du alleine bist. Er deutet ihnen einen Ausweg aus dieser Situation heraus an.
Wenn ich, liebe Schwestern und Brüder, die Wohnungen, die Jesus erwähnt, nicht als eine Einrichtung wie in einem Möbelhaus verstehe, sondern als eine Herberge bei Gott, die genau passend für mich vorbereitet ist, finde ich auch den Weg dorthin. Und dieser Weg heißt Liebe! Ein ganz einfaches Wort und doch so schwierig sie zu leben. Sie kann ich genauso wenig messen, wie das Leid. Jeder von uns hat eine andere Sichtweise auf das eigene Leid und auf die eigene Liebe. Und eben das sind die unterschiedlichen Wohnungen, die Plätze, die Jesus für uns im Himmel vorbereitet. Er weiß genau, wie sich mein Leid anfühlt, weil er selbst für mich gelitten hat. Er weiß ganz sicher, wie sich meine Liebe zeigt, weil auch er mir die Liebe geschenkt hat. Aus seinem mitleidenden Leid kommt die grenzenlose Liebe zu mir. Diese baut meine Wohnung bei Gott.
Liebe Kameradinnen und Kameraden der Feuerwehr,
Sie müssen bestimmt in viele Wohnungen bei Ihren Einsätzen gehen, weil Menschen Not leiden. Sie kommen mit den unterschiedlichsten Situationen in Kontakt, in denen Menschen verletzt oder deren Leben sehr bedroht ist. Und ich kann nur erahnen, wie gefährlich Ihr Dienst für uns ist – gerade nach den Vorkommnissen vor ein paar Wochen, in denen sowohl Sie als auch in integriert waren. Dennoch wage ich zu behaupten, Sie machen das gerne. Nicht nur, weil Sie bei Ihren Einsätzen schöne Uniformen tragen. Nicht nur, weil Sie ein bisschen mit dem Wasser spielen können. Weil sie helfen möchten und auch helfen können. Sie können zwar das Leid nicht lindern, weil das Leid nicht messbar ist. Aber sie können das Leid in der jeweiligen Situation oft stoppen und einen Weg aus der aussichtlosen Lage aufzeigen. Sie maßen sich bestimmt nicht an, wie Jesus Christus den Weg zum Himmel zu bahnen, daß versucht nur der Präsident der Vereinigten Staaten mit seinen neuesten KI-Bilder. Aber Sie zeigen Wege auf zur Lösung.
Unterschiedliche Wohnungen bei Gott haben unterschiedliche menschliche Gesichter, weil Gott uns so annimmt, wie wir sind. Wenn wir nur darauf warten, daß irgendwann alles mit einem Mal im Himmel besser wird, dann haben wir die Liebe nicht richtig verstanden. Sie beginnt hier und dauert an, bis wir bei Gott sind. Jesus Christus hat in der Welt begonnen, am Leid anderer Menschen teilzuhaben und deren Not zu lindern. Sonst hätte niemand ihm geglaubt, wenn er nur leere Worte benutzt hätte, ohne daß große Taten gefolgt werden. Ein Einsatz muß konkret werden. Er trägt mein Gesicht, empfindet mein Leid und mein Mitleid und handelt in der Liebe zueinander. Darum sind Sie ein Teil der Feuerwehr und immer wieder für uns da, wenn wir Sie brauchen.
Darum möchte ich mich dafür bedanken, daß Sie sogar bereit sind, das Leben für diejenigen einsetzen, die in ausweglosen Situationen keinen Weg mehr sehen. Ich weiß, daß auch sie viel sehen und erleben, was Sie wieder mit nach Hause nehmen und womit auch Sie fertig werden müssen. Ein herzliches „Vergelt`s Gott!“ und danke Ihnen dafür! Sie haben sich wirklich den heiligen Florian zum Vorbild genommen. Ein Mann, der das Leid anderer sah, für sie da war und selbst den Tod erleiden mußte. Ein Mensch, der die Liebe verstanden hat als eine Art „Feuerleiter“ zu Gott in den Himmel. Ich freue mich, im Anschluß an die Messfeier, Ihr neues Feuerwehrfahrzeug segnen zu dürfen. Dabei dürfen gerne Bilder gemacht werden. Aber nicht um das Leid zu symbolisieren, wie das Bild des Jahres 2026 mit der weinenden Familie, sondern ein Bild der Hoffnung auf Gottes Beistand durch seinen Segen und des selbstlosen Einsatzes unserer Feuerwehrleute, wenn sie das Auto benutzten müssen.
Lied von Annette Thoma:
O heiliger Sankt Florian
mit frommen Sinn wir kommen an.
Lass’ deine Fürsprach’ uns erfahr’n
in Wassersnot und Feuersgefahr’n.
Und wenn im Herzen sich entzündt’
das Feuer schwerer Schuld und Sünd’,
dann lösch das Feuer, steh uns bei
auf dass uns Gott sein Gnad’ verleih.
Geht es dereinst zum letzten End’,
mach’, dass das Herz in Lieb’ entbrennt
zum Vater der Barmherzigkeit,
der uns schenkt die ewig’ Seligkeit.
Amen, Halleluja.
Kaplan Tommy Reißig.
Textnachweise: Henner Flohr, World press photo 2026. Das Chaos der Welt ordnen, URL: https://www.faz.net/aktuell/fotografie/carol-guzy-bewegendes-world-press-photo-des-jahres-2026-accg-200742075.html (letzter Zugriff: 02.05.2026).
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