Predigt zum 19. Sonntag im Jahreskreis – Auf Altes begründet, auf Neues aufgebaut

 

Was schätzen Sie, wie alt eigentlich die Kartoffel ist?

Liebe Schwestern und Brüder!

Wahrscheinlich haben viele von Ihnen die Kartoffel heute auf dem Tisch, entweder als gekochte Kartoffel oder in Form von Klößen. Auf Hochzeiten sind sie in unterschiedlichen Variationen beliebt, wie auch als normales Mittagsmahl. Sie gehört ja doch zu einer der Lieblingsgemüsesorten der Deutschen; auch wenn es in der vergangenen Woche am Montag einen Aufschrei gab, weil es möglicherweise zu einem Dönerengpass in Ludwigsburg kommen könnte. Aber Kartoffeln aus einem guten Anbau sind nicht nur gesünder, sondern auch günstiger.

In der Schule haben wir ja gelernt, daß Christopher Kolumbus (1451 bis 1506) nicht nur Schokolade mitbrachte, sondern eben auch die Kartoffel. Sie muß also mindestens 600 Jahre alt sein. Chinesische Forscher jedoch veröffentlichten Anfang dieses Monats einen Bericht, daß sie wesentlich älter ist und den nordamerikanischen Ureinwohnern als Nahrung dienten. Ebenso wichtig wie das Alter war für deren Forschergeist aber auch die Frage danach, aus welcher Kreuzung sie entstand. Ich muß gestehen, daß ich etwas schmunzeln mußte, als ich laß, daß sie sowohl Gene einer Urzeittomate, wie auch kartoffelähnlichen Nachtschattenpflanze enthält. Aus etwas Ur-Eigenem entsteht im Laufe der Zeit unter bestimmten Bedingungen etwas Neues, das uns Menschen heute noch dient und zum Leben notwendig ist. Von den Urkartoffeln gibt es eine (Weiter-)Entwicklung bis in unsere moderne Zeit. Eine zarte Pflanze überdauert die Jahrhunderte hindurch, über viele Generationen.

 

Mit unseren Urvätern und den Urmüttern, die uns den Glauben weitergetragen und genauso durch getragen haben, verhält es sich ähnlich: Das Volk der Hebräer, das in allen Lebenslagen versucht, auf den einen Gott zu vertrauen, bekommen die Verheißung überbracht: Die Nacht der Befreiung kommt! (vgl. Weis 18,6). Ihr Glaube, der von ihren Vorfahren wiederum grundgelegt wurde und ihnen nahegebracht ist, wird durch sie weiter gepflegt und ausgebaut. In jeder Generation bekommt dieser eine Formung, die diesen Glauben tragbar macht. Der Glaubensinhalt bleibt der gleiche, genauso wie auch der Akt der innerlichen Entscheidung, den Glauben an den einen Gott der Befreiung anzunehmen. Der Glaube muß lebendig sein und erfordert einen aktiven Schritt von mir. Die Wurzel des Wortes „Glauben“ ist verwandt mit der des Wortes „Geloben“. „Glauben“ und „Geloben“ – das ist etwas, was ich nicht leisten muß, wozu ich mich aber entscheiden kann. Der Glaube ist immer wieder freiwillig, will aber weitergegeben werden an die nachfolgenden Generationen.

Der Brief an die Hebräer baut darum diese Weitergabe als eine Art Stammbaum auf: Da wird zunächst Abraham genannt, der Urvater des Glauben, wenn wir so möchten. Er beweist Gott, daß er an Ihm festhält. Das verrät schon die babylonische Namensbedeutung »er liebt den Vater«. Darin liegt eine Entscheidung für das Leben mit Gott. In sein eigenes Leben nimmt er den Herrn mit hinein. Bei aller Ungewissheit, die der Glaube mit sich bringt, vertraut er aber darauf, daß sich alles gut entwickeln wird.

Das gibt er wiederum an seinen Sohn Isaak weiter. Der Glaube hat durch Abraham und seine Erfahrungen mit dem unbekannten Gott eine Prägung bekommen. Gott will dem Menschen nichts Böses, im Gegenteil! Er will mit ihm gehen. Die hebräische Bedeutung des Namens Isaak kann übersetzt werden mit »Gott möge lachen«. Der Glaube verfestigt sich und bekommt dadurch eine Gelassenheit, weil er zwar nach außen hin vertreten werden will, aber eine innerliche Befestigung bekommt. Bei Isaak reden wir von einer Zeit etwa 1.900 Jahre vor Christus – und Gott „darf“ lachen. Das wünsche ich mir für unsere heutige Zeit oft, daß wir Gott zwar ernst nehmen, aber Ihm auch eine gelassene Barmherzigkeit zutrauen!

Isaaks Sohn Jakob könnte übersetzt werden mit »er hat betrogen«. Ich kenne die Geschichte vermutlich noch aus meiner Kinderbibel, in der Jakob seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht nicht gönnt, und den gemeinsamen Vater darum betrügt. Das zeigt, daß auch der Glaube zerbrechlich ist und vergänglich sein kann. Wenn mir mein Glaube strittig gemacht wird oder ich anderen nicht ihren Glauben zugestehe.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Es geht mir nicht darum, ehrlich im Glauben zu debattieren und zu diskutieren. Das ist vollkommen legitim. Will mir aber jemand meinen Glauben wegnehmen, versucht er ja, nicht nur die Blätter zu stutzen, sondern auch die Wurzel herauszureißen. Jakobs Beispiel heißt also für mich, ehrlich mit dem Glauben, mit meinem Glauben des Anderen und mit meinem Gott umzugehen. Und es heißt, diesen zu bewahren und zu pflegen.

Nun muß noch die weibliche Seite folgen: Sarah, Abrahams Frau. Ihr Name heißt übersetzt »Fürstin«. Sie ist ein freier Mensch, den der Glaube frei macht. Auch im hohen Alter verliert sie ihr Vertrauen auf Gott nicht. Er hat das ganze Leben mitgetragen und sie bewahrt ihn. In den meisten Fällen ist es ja so, daß Frauen es sind, Großmütter, Mütter, Erzieherinnen oder Lehrerinnen, die den Glauben weitererzählen. Sie sind es ja, die zeigen können, daß es bereichernd ist, mit Gott zu leben. Ein Leben im Glauben daheim erfährt eine „Befreiung in der Nacht“ [Weis 18,6].

 

Liebe Schwestern und Brüder!
Ich möchte es mit der Kartoffel beschreiben: Hat die grundgelegte Wurzel alle guten Bedingen, keimt sie und wächst in grünen Trieben aus dem dunklen Erdboden hervor. Aus der Mutterknolle im Boden erwachsen weitere Knollen, die dem Menschen dienlich sind. Sie verbreiten sind unter guten Bedingungen. Genauso ist es mit meinem Glauben: Er ist nicht nur eine private Sache, sondern darf weitergeschenkt werden; Frucht darf er bringen und immer wieder wachsen und sich formen.

  • Hätte Abraham nicht Gott geliebt, wäre der Glaube gestorben.
  • Wäre mit Isaak der Glaube seines Vaters nicht gereift, hätte er mit Gott nicht lachen können.
  • Könnte Jakob seine Überzeugungen und Erfahren mit Gott nicht an seine Nachkommen verbreiten, hätte er den Glauben betrogen.
  • Wäre Sarahs Vertrauen auf Gottes Hilfe in schwierigen Lebenslagen nicht so fürstlich groß gewesen, könnten heute Eltern, und vor allem Großmütter und Mütter, diesen Glauben nicht immer weitertragen, weil sie ihn gar nicht kennen könnten.

 

Unser Glaube ist auf Altes gegründet, muß aber immer wieder durch mich auf Neues aufgebaut werden, damit er lebendig bleibt. Das wichtige für uns Menschen – wenn ich noch einmal auf das Bild der Kartoffel zurückkommen darf – ist aber nicht der Stängel, die Blätter und die Blüten oberhalb; nicht das, was man augenscheinlich sieht. Es ist das Verborgene in der Erde. Da kann in der Nacht auch noch so ein schlauer Dieb kommen, der versucht, das Grüne oberhalb abzuschneiden. Das Wichtige – das innerliche Vertrauen auf Gott – bleibt, wenn ich es gut bewahre im Nährboden des Glaubens. Wenn ich ihn bewahre und weitergebe an die nachfolgenden Generationen, kann der Glaube noch leben, wenn es die Kartoffel nicht mehr gibt. Also sorgen wir dafür, daß der Glaube noch älter wird als die Kartoffel, die so seit 11.000 Jahren existiert.

 

Pflegen wir nun unseren Glauben gemeinsam mit der heiligen Eucharistie
und Ihnen danach einen guten Appetit mit oder ohne Kartoffeln!

 

Kaplan Tommy Reißig.

Artikel zum Hintergrund der Kartoffel: Markus Brauer, Forscher finden Ur-Vorfahren der Kartoffel, URL: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.pflanze-mit-superkraft-forscher-finden-ur-vorfahren-der-kartoffeln.fc88873a-4a0d-4374-91c3-419dce34199e.html (letzter Zugriff: 04.08.2025).

Bild: pfarrbriefservice.de