Liebe Schwestern und Brüder in der Hoffnung!
Vor einigen Wochen bekam ich eine Nachricht von einem Zeitungsreporter aus Thüringen. Er wollte gerne ein Interview mit mir als jungen Priester führen. In der Reaktion haben sie einen alten Artikel gefunden, denn genau zehn Jahre zuvor – als ich noch in das Gymnasium in Schmalkalden ging – hat diese Zeit schon einmal ein Interview mit mir gemacht. Die erste Zeile dies damaligen Artikel lautete „Tommy Reißig will Priester werden“. Das war damals etwas Außergewöhnliches, denn in Thüringen gibt es ja sowohl für die Christen und noch einmal mehr in der Unterteilung des katholischen Glaubens eine Diasporasituation.
Das Gespräch im Juli war wirklich sehr angenehm und wir haben und insgesamt drei Stunden über verschiedene Themen ausgetausch und unterhalten. Im Artikel schrieb der Redakteur dann „In Schmalkalden plaudert er nicht nur über Gott und die Welt.“ Und tatsächlich haben wir über viele aktuelle Themen miteinander gesprochen und uns ausgetauscht. Wir sind auch auf das Thema Leid, Tod und Auferstehung gekommen. Dabei war für mich sehr interessant, als mein Gesprächspartner mit über die jetzige Entwicklung der Künstlichen Intelligenz im Bezug auf das ewige Weiterleben auf der Erde erzählte. Er meinte, daß amerikanische Forscher mittlerweile soweit gekommen sind, daß es möglich ist, personenbezogene Daten, Verhaltensweisen, Denkmuster und andere Besonderheiten einer lebenden Person zu verarbeiten und zu speichen. So solle es möglich sein, mit einen Menschen, der biologisch gestorben ist, auch danach noch zu sprechen.
Ich muß gestehen, daß mich dieses Thema danach nicht mehr losgelassen hat, weil es mich geschockt hatte. Ich habe mich dann selbst mit diesem Thema auseinandergesetzt und tatsächlich berichten amerikanische Forscher, es wäre bereits ab dem Jahr 2030 für den Menschen möglich, diese neue Technologie zu benutzen. Eltern könnten dann mit ihren viel zu früh verstorbenen Kindern in Kontakt treten; Ehepartner können mit dem Verstorbenen sprechen und bekommen eine Antwort, die der Tote möglicherweise geantwortet hätte und die aus einem Datensatz der KI entwickelt wurde.
Mich hat das sehr nachdenklich gemacht: Nur weil ein Computerprogramm meint, nach meinem eigenen Tod wie ich zu agieren, bin das noch lange nicht ich. Ich bin ich selbst! Niemand kann mich ersetzen oder Antworten geben, die ich geben würde. Niemand kann meinen Angehörigen nach meinem Tod vorgaukeln, er oder es wäre ich! Ich bin vor Gott und in der Welt einzigartig und das möchte ich auch bleiben. Da brauche ich keine künstliche Intelligenz, die meint, einen künstlichen geschaffenen Gott spielen zu müssen. Natürlich weiß ich auch, daß es dem Menschen schwer fällt, die Endlichkeit zu akzeptieren. Mit unserer Geburt sind wir hineingenommen in diese Endlichkeit. Wir sind eingebettet zwischen Leben und Tod. Doch genau diese Endlichkeit gibt meinem Leben erst den Sinn. Weil ich nicht ewig Zeit habe, auf der Welt zu leben, muß ich mich immer wieder entscheiden; muß ich mich immer wieder ermutigen, doch weiterzumachen. Auch wenn es mir schwerfällt, zu akzeptieren, daß ich eines Tages sterben werde.
Doch genau das feiern wir heute miteinander: Das Leben und den Tod, den Tod und das Leben! Vor drei Monaten traf uns die bittere Realität eines Menschen, der mit nur 33 Jahren stirbt, weil Menschen es wollen. Jesus von Nazareth wird unschuldig gekreuzigt und erleidet das Schlimmste, was ein Mensch ertragen kann. Auch heute gibt es viele junge Menschen, die diese Erde unfreiwillig verlassen müssen, durch Unfälle oder Krankheiten zu Tode kommen, wo wir als Zurückbleibende nur fragen können: „Warum?“. Und leider wird auf diese Frage nie eine zufriedenstellende Antwort geben. Ich bin ehrlich, ich habe Theologie studiert und kann sie nicht beantworten. Ich bin aber der Überzeugung, dass auch die Künstliche Intelligenz keine Antwort auf diese Frage weiß; zumindest keine ehrliche. Diese bittere Wahrheit, daß es Menschen gibt, die früh sterben, gehört zum Leben dazu.
Dem gegenüber steht der heutige Festtag der Aufnahme Mariens in den Himmel. Auch wenn die Bibel keinen direkten Hinweis auf die Entschlafung Marias gibt, überliefern uns die Kirchenväter die Legende ihres Heimganges: Maria stirbt friedlich und versöhnt als ältere Frau und wird in ein Grab gelegt. Sie bildet das Gegenbild zum leidvollen Sterben ihres jungen Sohnes. Nach drei Tagen im Grab, so heißt es in der Legende, habe der Apostel Thomas noch einmal den Leichnam Mariens sehen wollen; doch dieser war verschwunden. Es wird wiederum eine Brücke geschlagen zu Jesus. So nehmen uns beide – Jesus und durch ihn als Vorbild seine Mutter Maria – mit hinein in die Extreme des Lebens und des Sterbens. Der eine jung und die andere alt – der eine grausam und schmerzlich und die andere friedlich. Und der Apostel Paulus nimmt diese Erfahrung und bezeugt: Wenn wir mit Christus gestorben sind, und wenn Maria wie jeder Mensch stirbt, und wenn Maria wie wir durch unsere Taufe zu Gott gehören, wird uns auch die Auferstehung und das Leben bei Gott geschenkt werden [vgl. 1 Kor 15, 20 f.]. Das ist die Hoffnung des heutigen Tages, die trotz des Warum im Leben bleibt!
Liebe Schwestern und Brüder!
Auch für Maria bleibt im Leben bestimmt oft die Frage, warum Gott so handelt oder warum das so geschieht. Doch sie weiß sich zu helfen und wandert nach der Verheißung durch Gott, daß sie den Erlöser in die Welt bringen soll, zu ihrer Base Elisabeth – also ihrer Cousine – und sie spricht mit ihr über das, was geschehen ist. Beide können das Warum nicht lösen. Aber sie reden darüber und geben sich so eine gegenseitige Stärkung als Gemeinschaft und nicht als Einzelperson. Sie reden über Gott und über die Welt und was sie beschäftigt. Und vielleicht war mein dreistündiges Gespräch mit dem Redakteur – so habe ich es mir bei der Vorbereitung auf die heutige Predigt gedacht – auch so ein Bild dafür, daß das Miteinander zum Ziel im Glauben führt; auch wenn ich nicht alles begreifen kann. Gegenseitig finden wir bestimmt eine Ahnung einer Antwort auf die Frage nach dem Warum. Das brauche ich aber keine künstliche Intelligenz und schon gar keinen künstlichen Gott. Mir reicht der Gott des Lebens, der Christus von den Toten auferweckt und heute Maria zu sich genommen hat. Seien wir versichert: dort wo Maria ist, wartet Gott auf mich! Und das ist kein Zeitungsscherz…
Ihnen allen einen gesegneten Feiertag der Aufnahme Mariens in den Himmel! Amen, Halleluja.
Kaplan Tommy Reißig.
Bild: Martina Hamm, in: Pfarrbriefservice.de