Am vergangenen Freitag habe ich aus meiner alten Heimat in Südthüringen ein durchaus lustiges Bild bekommen. Darauf sieht man den amerikanischen Präsidenten in einer Preußischen Uniform mit einer Pickelhaube vor einem thüringischen Dorf. Und das Bild trägt die Überschrift „Trump“ will Rhönland. Was mit diesem Bild versucht wird, humoristisch darzustellen, ist in den letzten zwei Wochen für die Menschen, die in Grönland leben, bittere und greifbare Realität geworden. Nicht nur in ihrem Land fühlen sich die Einheimischen bedroht, sondern auch andere Nationen wie auch unser eigenes Land machen diese dunklen Erfahrungen der Unsicherheit.
Natürlich gibt es immer wieder Stimmen, die sagen: Man muss sein Heimatland verteidigen. Man soll für seine Freiheit kämpfen und sich keine Angst einreden lassen. Das ist aber häufig schwieriger als zunächst gesagt. Friedlich für seine Heimat einstehen möchte wohl jeder. Aber nicht alle wollen ein Blutvergießen haben, wie wir es im Moment in der Welt in vielen Nationen erleben müssen. Und wenn mir meine Heimat genommen wird, fühle ich mich schnell machtlos, angreifbar und auch gedanklich kampflos. Heimat ist nicht nur ein Zuhause, nicht nur ein Gefühl der Geborgenheit, sondern ein Stück meiner Identität.
Jesus, der gehört hat, dass sein Täufer Johannes ins Gefängnis geworfen wurde, sucht sich eine neue Heimat – mitten unter den Menschen. Entgegen aller Erwartungen läßt er sich nicht in Nazareth nieder, wie es sein Beiname vermuten lassen würde; er verlegt seinen Lebensmittelpunkt nach Kafárnaum. Hinein in das Gebiet von Sébulon und Náftali über das es bereits beim alten Propheten heißt, daß dort ein Licht aufgehen wird für andere Menschen. Jesus sucht nicht nur sich eine neue Heimat, er will sie auch denen geben, die eine neue Perspektive brauchen. Ihm geht es auch nicht nur um ein reines Gefühl, sondern er will uns damit zeigen: Gott kommt auf mich zu und zieht bei mir ein! In Seiner Nähe erfahre ich diejenige Heimat, die mir eine neue Identität verleiht, nämlich die des gefischten Menschen und des Menschenfischers zugleich. Wenn ich mich in Gottes Gegenwart aufgehoben fühle, merken das auch meine Mitmenschen.
Ein Beispiel dafür liefert uns die Begebenheit, die uns der Evangelist Matthäus schildert: Nachdem Jesus in Káfarnaum heimisch geworden ist, macht er einen Spaziergang – so kann man es ausdrücken – und sieht am Ufer des Sees zwei Fischer, die wohl mehr oder weniger erfolgreich sind in ihrer Tätigkeit. Er läßt sie aber nicht auf sich zukommen, ruft sie weder her noch pfeift er nach ihnen. Er geht direkt auf sie zu und bietet sich ihnen an. Und dieses Angebot scheint so glaubwürdig und einprägsam gewesen zu sein, dass Simon Petrus und Andreas alles stehen und liegen lassen und bei ihm eine neue Heimat mit einer neuen Identität des Angenommen-Seins bei Gott finden.
Das heißt nun aber nicht, daß von nun an alles leichter wird für sie im Leben. Die Anfangsfreude mag vorherrschen. Wir haben den Vorteil, daß wir den Ausgang des Evangeliums kennen. Die Jünger können nur mit der Zeit mit Jesus Christus erlernen, daß auch das Leben in der Gegenwart Gottes ein Kampf ist. Der Evangelist deutet es am Ende des Lesungsabschnittes kurz an: „[Jesus] … heilt im Volk alle Krankheiten und Leiden.“[Mt4,23de] Möglicherweise ist es ein inneres Ringen, was täglich aufkommen kann. Es scheint auch teilweise so zu sein, daß es mich stark körperlich wie auch seelisch herausfordert. Das tägliche Beten ist nicht jeden Tag gleich einfach oder schwierig. Auch ein Lächeln bei Menschen, die ich eigentlich nicht so sehr mag fällt mir manchmal leichter und manchmal auch nicht. Und auch die Situation, in der ich gerade bin, so zu ertragen, dass ich nicht verzweifle in der „Dunkelheit“, sondern das Licht immer wieder sehe, ist leichter gesprochen als getan. Es ist ein Kampf – aber ein Kampf in Gott Gegenwart.
Nun müssen wir zum Abschluss noch die beiden Begriffe Sébulon und Náftali klären: Sébulon ist der zehnte Sohn des Israel und sein Name bedeutet „Wohnung“, freier darf ich sagen „Heimat“. Und sein älterer Bruder Náftali ist der sechts Sohn Jakobs. Seine Namensübersetzung heißt „Kampf“ oder auch „der Erkämpfte“. Ihre Namen drücken aus, wohin sich Jesus begibt: In die Wohnung mitten unter den Menschen, um sie in ihrem Lebenskampf nicht alleine zu lassen. Er ist Gottes Licht im Dunkel dieser Welt. Auch wenn diese Dunkelheit durch die kleinen Menschen und die großen Machthaber immer wieder hervorbricht, ist da immer wieder der Anruf Jesu an mich: Komm in meine Gegenwart, in die Nähe Gottes und werde selbst ein leuchtendes Beispiel für andere Menschen in dieser Zeit. Das Licht Gottes ist immer da! Und das ist keine Karikatur und ein lustiges Bild eines besitzergreifenden Präsidenten, sondern Gottes Ernsthaftigkeit und Sein Interesse an mir in meiner Freiheit. Denn Gott wohnt ja mittendrin mit mir und bei mir in meiner inneren Wohnung. Amen.
Kaplan Tommy Reißig.
Bild: Fabio Arezende, in: pixabay