Predigt zur Karfreitagsprozession 2026

 

Aus der Lukas-Passion (Lk 22,54-62):

Sie nahmen Jesus fest, führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohepriesters. Petrus folgte von Weitem. Mitten im Hof hatte man ein Feuer angezündet und Petrus setzte sich zu den Leuten, die dort beieinandersaßen. Eine Magd sah ihn am Feuer sitzen, schaute ihn genau an und sagte: Der war auch mit ihm zusammen. Petrus aber leugnete es und sagte: Frau, ich kenne ihn nicht. Kurz danach sah ihn ein anderer und bemerkte: Du gehörst auch zu ihnen. Petrus aber sagte: Nein, Mensch, ich nicht! Etwa eine Stunde später behauptete wieder einer: Wahrhaftig, der war auch mit ihm zusammen; er ist doch auch ein Galiläer. Petrus aber erwiderte: Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn. Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das Wort, das der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

 

Die Lohrer Karfreitagsprozession, inzwischen ein immaterielles Kulturerbe des Freistaats, ist eine Schau-Prozession. Es geht ums Schauen, ums Hinschauen, ums Aufblicken, denn die Figuren werden ja über Augenhöhe getragen. Und manchmal treffen sich dann auch Blicke: Zwischen den Betrachtern untereinander, zwischen Betrachtern und Trägern und auch zwischen den Betrachtern und den Augen der Christusfiguren, die da getragen und angeschaut werden.

In der Passion, wie sie Lukas erzählt, wird die Szene von der Verleugnung des Petrus im Hof des Hohepriesterlichen Palastes ganz anders erzählt. Da geht es auch um einen Blick. Da findet die Verleugnung durch Petrus nicht statt in dem Moment, in dem sich Jesus vor dem Hoherat als Messias und Gottessohn bekennt, sondern gewissermaßen im Angesicht Jesu, vor seinen Augen. Jesus und Petrus stehen gemeinsam im Hof des hohepriesterlichen Palastes. Das Verhör lässt da auf sich warten – schließlich ist es Nacht, da werden keine Religionsbeamten freiwillig tätig. Wahrscheinlich versucht Petrus schon die ganze Zeit den Blickkontakt mit Jesus zu meiden und tut so, als ob er diesen Gefangenen nicht kennte. Um bloß selbst nicht in Verdacht zu kommen, zu ihm zu gehören, denn es gilt da ja immer: Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Dann die Verleugnung und dann dieser Satz, der mir immer durch Mark und Bein geht – wie ein schriller Hahnenschrei, bei dem das ja auch geschieht: „Und der Herr wandte sich und sah Petrus an.“

Ich frage mich da: Wie sieht dieser Blick Jesu aus? Was legt er in diesen Blick hinein. Sein überlegenes Wissen: Ich hatte es dir doch vorher gesagt? Enttäuschung und Verbitterung über den schmählichen Verrat: Es ist doch nichts Gutes im Mensch? Verständnis und Mitgefühl: Sonst würde ja eben gelten mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen? Und ich frage mich auch, wie würde in einer solchen Situation mein Blick aussehen? Aber auch: Gab es Situationen, in denen ein solcher Blick auf mir hätte ruhen können, ja ruhen müssen? Jedenfalls löst der Blick Jesu in Petrus etwas aus: Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. Es ist ein Blick, der ihn in letzter Tiefe selbst schmerzhaft erkennen lässt, was er da getan hat. Selbsterkenntnis ist immer schmerzhaft! Der Blick Jesu ist deshalb auch ein Blick, indem vielleicht schon der Anfang eines Neubeginns liegt. Jedenfalls: In Petrus tut sich was. Ein alter Hymnus, der beim Morgengebet, also beim Hahnenschrei, gesungen wird bringt es ins Wort:

So steht rasch vom Schlafe auf:
Der Hahn weckt jeden, der noch träumt.
Der Hahn bedrängt, die säumig sind.
Der Hahn klagt die Verleugner an.
Herr, wenn wir fallen sieh uns an
und heile uns mit deinem Blick.
Dein Blick löscht Fehl und Sünde aus,
in Tränen löst sich unsre Schuld.

 

Tränen können ja durchaus etwas Befreiendes, etwas Lösendes und Erlösendes haben. Die ganze innere Anspannung löst sich da. Trauer oder Scham bricht sich Bahn und findet ein Ventil. Oft ist es ja so, dass erst wenn die Tränen fließen können, kann ein Sachritt auf dem Weg von Versöhnung und Vergebung, ein weiterer Schritt in einem Trauerprozess gegangen werden, ein Schritt, der wieder ins Leben führt. Bei Petrus löst sich in diesem Moment schon etwas, wenn es auch noch viele Schritte sein werden, bis er dann nach Ostern seine Schuld und sein Versagen aufgearbeitet hat, mit der Erfahrung des Auferstandenen zu den anderen Jüngern zurückkehrt und es neu losgehen kann. Ihm sind da jetzt schon die Gnade der Tränen geschenkt, die lösen und erlösen. Von Judas wird das nicht erzählt… Er geht dann auch einen anderen Weg, der eben nicht ins Leben, sondern in den Tod führt.

Ich frage mich aber auch, was ist nötig, dass es solche schmerzhaften, erkennende und lösende Blicke nicht braucht. Vielleicht wenn man sich vorher schon in den Blick nimmt. Das, was man sagt und was man tut eben schon im Blick auf den anderen, die andere sagt und tut, die es betrifft und deshalb treffen kann und wird. Ich denke, da würde es in Vielem friedlicher und menschlicher zugehen in der großen weiten aber auch in der eigenen kleinen Welt.

Bei vielen Kommentaren in den dann gerade immer wieder so asozialen sozialen Medien frage ich mich: Hättest du das deinem Gegenüber auch ins Gesicht gesagt, wenn du ihr dabei hättest in die Augen blicken können und müssen und sie dir? Ja, es gibt sicher Menschen, deren Hass und Verachtung so unmenschlich weit geht, dass sie auch das hinbekommen… aber sicher nicht alle, die in der digitalen Gesichtslosigkeit gar nicht merken, wem sie da verbal ins Gesicht spucken und dabei doch selber ihr eigenes Gesicht verlieren. Ich bin mir sicher, wenn wir uns immer wieder neu die Frage stellen würden, könnte ich das, was ich da in meiner überkochenden Emotion hasserfüllt raushauen will, der anderen und dem anderen ins Gesicht sagen und dabei in die Augen schauen… Es bliebe viel mehr ungesagt, als jetzt ins Netz gehakt wird. Zum Wohle aller.

Ich bin mir sicher, dass die, die Kriege und Angriffe befehlen können aus sicheren und gesicherten Räumen heraus, oder auch der eigenen Bevölkerung Freiheit und Leben nehmen, anders handeln würden, wenn sie denen dabei ins Gesichts und in die Augen blicken müssten, die dabei getötet, verstümmelt, verletzt, traumatisiert, vertrieben, klein gehalten würden… wenn sie deren Angehörigen und Hinterblieben, die um sie trauern, sich um sie sorgen ins Gesicht und in die Augen blicken müssten. Es wäre mit Sicherheit keine heile Welt, dafür streben zu viele Narzisten und Psychopathen nach der Macht… und trotzdem: Es wäre eine friedlichere Welt.

Vielleicht nicht unbedingt ein neuer Imperativ, aber doch einer, der dringend nötig wäre: Was auch immer du tust, was auch immer du sagst, tu es und sag es im Blick in die Augen derer, die es treffen und betreffen wird.

Ich entdecke in dieser Erzählung des Lukas ein Bild der Hoffnung für alle, denen es doch nicht gelingt und zugleich ein Bild für das, was die Theologie Fegefeuer oder Reinigungsfeuer, Purgatorium genannt hat, das man durchlaufen müsse, um nach dem Tod die letzten Sünden zu büßen, um in den Himmel zu kommen. Welch unmenschliche, brutale und gruselige Bilder wurden da dann im Lauf der Geschichte gemalt… Und wie weit sind die weg von dem liebenden Blick Jesu an den Verleugner Petrus, der ihm seine Schuld durchaus schmerzhaft vor Augen führt und zugleich einen neuen Anfang in seinen Tränen eröffnet. Trotzdem ist die eigentliche Frage, die dahinter steht, berechtigt: Was wird denn aus den unversöhnten Anteilen in meinem Leben, aus der Schuld, die ich nicht wieder gut machen konnte, letztlich aus der Liebe, die ich schuldig geblieben bin, den anderen bei meinem Reden und Tun nicht in den Blick genommen und in die Augen geschaut habe, wenn mein Leben zu Ende gegangen ist und ich vor meinem Gott stehe…?

Im Blick, den Jesus auf Petrus richtet entdecke ich da Jesu ganze Liebe. Und in diesem Blick entdeckt Petrus, wo er dieser Liebe nicht gerecht geworden und damit schuldig geworden ist. Wo es ihm an Liebe gefehlt hat und er hinter seinem Anspruch und seinen Möglichkeiten zurück geblieben ist. Es ist eine schmerzhafte Erkenntnis und zugleich eine heilende Erkenntnis, die sich in den Tränen ihren Weg bahnt und damit den Weg zum Leben, ja einmal auch zum ewigen Leben eröffnet. Vielleicht auch einmal für mich. Herr, wenn wir fallen sieh uns an und heile uns mit deinem Blick. Dein Blick löscht Fehl und Sünde aus, in Tränen löst sich unsre Schuld. Amen.

 

Pfarrer Simon Mayer

Bild: Ernst Huber