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Predigt Pfingsten

„Der Geist, der uns staunen lässt – Die Gabe der Gottesfurcht“

Pfarrer Sven Johannsen, Lohr

Liebe Schwestern und Brüder

Die Amerikaner erobern wieder den Weltraum. Nach neun Jahren Pausen sollte es eigentlich am Mittwochabend mit einer eigenen Trägerrakete, Falcon 9, zur internationalen Raumstation ISS gehen. Aufgrund der Wetterlage in Florida musste der Flug nur wenige Minuten vor dem Start von Cape Canaveral aus verschoben werden. Nun soll es heute Nacht so weit sein. Ein in jeder Hinsicht erstaunliches Unternehmen.

Die Amerikaner hatten 2011 ihre Space-Shuttle-Flüge aus Kostengründen eingestellt und waren seitdem auf die russischen Sojus-Raketen angewiesen waren. Mehr noch lässt aufmerken, dass die Falcon-Raketen die ersten Neuentwicklungen eines Raumfahrzeuges seit 1981 sind und erstmals durch ein privates Unternehmen umgesetzt wurden, SpaceX, hinter dem der Tesla-Gründer Elon Musk steht. Er träumt seit langem davon, Menschen mit einem kommerziellen Raumfahrtprogramm auf den Mars zu transportieren. Elon Musk, 48 Jahre alt, ist kein reicher Spinner, sondern ein Visionär, der sicher in einem Atemzug mit Mark Zuckerberg oder Bill Gates genannt werden muss. Er hat das Online-Bezahlsystem PayPal erfunden. Vor allem aber gehören seine Tesla-Elektro-Autos zu den innovativsten Projekten der Autoindustrie überhaupt. Musk hatte schon als 12jähriger Computerspiele entwickelt und nach Treibstoff für Modell-Raketen gesucht und dazu ein Gemisch aus Holzkohle, Salpeter und Schwefel entwickelt. Er selbst weiß den Grund für seine Kreativität und Genialität: Seine unerschöpfliche Neugier und Begeisterungsfähigkeit, die er schon als Kind besaß.

Die Neugier treibt den Menschen an, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ihr voraus geht das Staunen. Das ist eine Grundbewegung des Fortschritts. Nichts hätten wir erreicht, wenn wir nicht Fragen stellen und nach Antworten suchen würden, die letztlich neue Fragen aufwerfen. Das Staunen steht am Anfang des Denkens. Und dieses Staunen hat uns weit gebracht. Für mich ist gerade die Erforschung des Weltraums einer der markantesten Belege für die Größe menschlichen Forschens. Wir wissen so viel schon über den Anfang unseres Weltalls vor fast 14 Milliarden Jahren. Wir erforschen im CERN in Genf, im europäischen Zentrum für Grundlagenforschung, mit den größten Teilchenbeschleunigern der Welt die kleinsten Elementarteilchen, u.a. das sog. Higgs-Boson, aus dem am Anfang eine Hundertstelsekunde nach dem sog. Urknall aus Gas Materie wurde. Wir bauen in Japan 100 km lange Tunnel, um Elektronen und Protonen auf die Spur zu kommen, und wir wissen, dass es Milliarden von Galaxien in diesem Weltall gibt. Und doch können die Forscher immer noch staunen und fragen. Guido Tonelli, einer der anerkanntesten Teilchenphysiker, der auch an der Entdeckung des Higgs-Boson beteiligt war, beschreibt das in seinem kleinen Buch „Genesis“, das vor kurzem erschienen ist. Der Mensch hat schon so viel gelernt über Planeten, Sterne, Sonnen, Galaxien und muss sich doch sagen, dass er über 90 Prozent dessen, aus was das Weltall besteht, die sog. dunkle Materie nur Vermutungen hat. Im Letzten kommen wir auch nicht wirklich dahinter, was dieses unwahrscheinlich kleine Bläschen auf dem Urschaum des anfänglichen Vakuums bewegte, zu explodieren und in Bruchteilen eines Augenblickes ein ganzes Weltall zu bilden. Und schließlich wird kein Forscher je den Anspruch erheben sagen zu können, was vor dem Vakuum war, aus dem alles entstand, obwohl wir es aus dem Weltraum fast ganz an seinem Anfang beobachten können. Über das sog. „Nichts“ wird jeder Forscher es ablehnen, eine Aussage zu treffen. Das ist nicht seine Wissenschaft, sondern die der Philosophen und Theologen. Wir wissen so viel und staunen noch immer. Darum können wir sicher sein und uns darauf freuen, dass wir noch mehr entdecken und entwickeln werden. Vielleicht fliegen wir selbst mal mit einer SpaceX-Trägerrakete auf den Mars. Ich wäre dabei.

Das Staunen ist der Anfang des menschlichen Denkens. Dieses Staunen bringt nicht immer Neugier hervor, sondern flößt auch manchmal Furcht ein. Wie kann der geniale Mensch mit all seinem Wissen und Möglichkeiten letztendlich vor einem kleinen Virus so ohnmächtig dastehen, dass er ein Massensterben kaum verhindern kann außer durch drakonische Maßnahmen? Wir staunen noch immer in beide Richtungen: angstvoll und freudig.

Es geschehen Dinge auf dieser Erde, die wir vielleicht im Nachhinein erklären können, ob mit Wissenschaft oder Verschwörungstheorien, und doch nicht vorhersehen oder abwenden können. Nicht einmal den Zusammenstoß unserer Milchstraße mit der Andromedagalaxie in etwa vier bis zehn Milliarden Jahren können wir verhindern.

Und zugleich staunen wir über das Wunder des Lebens, das doch eigentlich biologisch kein Geheimnis mehr enthält: Die Geburt eines Kindes, seine Einzigartigkeit, die uns fragen lässt „Was wird einmal aus ihm werden.“ Obwohl es so viel Erbmaterial von seinen Vorfahren in sich trägt, kann keiner sagen, ob es ein Künstler, ein Sportler, ein Forscher oder ein Aussteiger wird. Auch das Leben lässt uns noch immer staunen.

Staunen ist wahrscheinlich die Eigenschaft des Menschen, die ihn besonders macht.

Was uns zu Menschen macht und abhebt von allem anderen, was lebt: Die Art wie wir Staunen. Auch Ihre Katze erschrickt, aber meinen Sie, sie hat sich je gefragt, wie alt das Weltall ist, in dem sie lebt? Aus welchen Elementarteilchen die Natur entstanden ist, die sie durchstreift. Sie interessiert noch nicht einmal, wann Sie das Haus gebaut haben, in dem sie jetzt ihr trockenes Plätzchen findet und v.a. den Kühlschrank, aus dem heraus für sie das Glück auf Erden lacht.

Was den Menschen zum Menschen macht, das ist das Staunen und Wundern. Und das bewegt ihn seit dem Anfang seines Daseins

Wir wissen von den Neandertalern, dass sie besondere Begräbnisriten hatten, z.B. das Färben der Toten mit „Rot“, der Farbe des Blutes, oder aber die Bestattung ihrer Toten in Form eines Fötus, also eines Menschen, der bald geboren werden soll. Wir halten diese Neandertaler aufgrund ihrer körperlichen Merkmale für primitiv und wenig entwickelt, aber sie haben Künstler freigestellt, für die die Jäger sorgten, die in Bildern auf Wänden das Leben darstellten oder für Steinkreise in Höhlen sorgten, deren tiefsten Sinn wir zwar noch nicht erkannt haben, aber die uns doch darauf schließen lassen, dass sie einem rituellen Zweck dienten. Kultur, letztlich die Ausdrucksform des menschlichen Nachdenkens über sein Leben und seine Widerfahrnisse, ist nicht etwas später dem Leben Aufgesetztes, sondern von Anfang an dabei. Der Mensch staunt über sich, über seine Welt, die er oft nicht versteht, über Schreckliches, das ihm widerfährt, über die Sonne, die ihn wärmt und den Tag verschönt. Er nimmt es von Anfang an nicht selbstverständlich, sondern bringt es mit etwas Größerem in Verbindung. Das gilt auch für sein Leben und Sterben.

Wir ordnen dem Heiligen Geist als siebte und letzte Gabe die „Gottesfurcht° zu. Um Gottes willen! Sollen wir uns vor Gott fürchten? Dazu brauchen wir ihn sicher nicht. Da gibt es genügenmd Boshaftes und Unbeherrschbares in der Welt, vor dem wir uns fürchten könnten, z.B. ein kleines fieses Virus, das in unserer Sprache immer mehr vermenschlicht wird, wenn wir sagen: Corona ist noch aktiv. Es ist noch da und lebt. Das klingt wie ein nach einem Raubtier, das in einer Höhle auf seinen nächsten heimtückischen Angriff wartet. Was wir fürchten, vermenschlichen wir in unserer Sprache und Darstellung. Wir machen uns sogar Bilder vom Aussehen dieses Virus. Denn nur so glauben wir, dass wir es beherrschen. Aber das ist ja unvernünftig. Es bleibt zu fürchten.

Fürchten wir Gott so wie dieses Virus. Lauert er uns auf und schlägt irgendwann erbarmungslos drein? Manche haben das im Zusammenhang mit dieser Pandemie so geäußert oder zwischen den Zeilen anklingen lassen, dass die Krankheit eine Strafe Gottes sei. Völliger Nonsens! Corona hat überhaupt nichts mit Gott zu tun. Es ist die Strafe des Menschen an sich selbst für seine Überheblichkeit, die keine Grenzen mehr kennt.

Aber bleibt Gott unser Feind, den wir fürchten müssen?

Hören wir nochmals in die erste Lesung hinein!

Die Menschen staunen als sie die Apostel an Pfingsten erleben und beginnen sich zu interessieren. Natürlich ist es kein vollwertiger Glaube, eine besondere Fähigkeit eines Menschen, die man ihm nicht zugetraut hat, zu bewundern, zu bezweifeln, anzuerkennen oder zu hinterfragen, all das steckt ja in „Staunen“, aber es ist der Beginn des Wunsches, mehr zu erfahren, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, das diesen Menschen antreibt und bewegt. Staunen steht am Anfang des Glaubens, und zwar in all seinen Dimensionen: erschreckend und faszinierend.

Die Menschen hören die mutigen und bewegenden Worte der Apostel und sie schließen sofort auf Gott: Seine großen Taten werden hier verkündet. Die Jünger sind keine Selbstvermarkter. Ihr ganzes Auftreten, ihr Reden und ihr Selbstvertrauen weisen auf einen Größeren, den die Zuhörer wohl verwundert, fasziniert und auch erschreckt auf die Spur kommen. Er zeigt zugleich, dass er Unmögliches möglich machen kann, wenn er aus einfachen Fischern ohne Mut kluge und kraftvolle Prediger werden lässt. Aber er führt den Zuhörern auch vor Augen, was sie zuvor abgelehnt und bekämpft haben. Das Staunen an Pfingsten fasziniert und erschreckt. Das ist die ursprüngliche Gotteserfahrung: Er ist für Überraschungen gut und das lässt die Menschen nicht unberührt.

Es gibt vieles, was uns Angst macht und Furcht einflößt, aber nicht Gott. Sein Geist lässt uns staunen und unruhig werden. Und das ist gut so. Ein Freund und Mentor Dietrich Bonhoeffers, Reinhold Niebuhr, hat karikierend dargestellt, wie langweilig unser Glaube wäre, wenn diese Unruhe durch den Geist nicht geschehen würde. So schreibt er:
„Ein Gott ohne Zorn brachte Menschen ohne Sünde in ein Reich ohne Gericht durch einen Christus ohne Kreuz.“ Klingt so langweilig und folgenlos wie es wohl auch gemeint ist. Die Geistesgabe der Gottesfurcht versetzt uns nicht in Angst und Schrecken, aber sie macht unruhig, weil sie uns erkennen lässt, dass das Wissen um Gott nicht folgenlos bleiben kann. Der Tübinger Alttestamentler Fridolin Stier hat das pointiert formuliert: „Mein Problem ist nicht, ob Gott existiert oder nicht, das meine beginnt damit, dass er existiert.“

Und Bischof Franz Kamphaus führt es dann weiter und schließt: „Den Gott, der umstandslos zu unseren Vorstellungen passt, gibt es im Christentum nicht.“

(vgl. zu den ZItaten: F. Kamphaus, gesalbt nicht angeschmiert, Stuttgart 2014, S.124)

Ein geistloser Mensch nimmt alles selbstverständlich, für ihn gibt es keine Unruhe mehr, keine Wunder, keine Geheimnisse. Sein Leben spult sich in langweiliger Routine ab und ist nicht mehr als ein möglichst langes Überleben. Der Mensch, der noch staunen kann, fühlt sich herausgefordert, nachzudenken, zu forschen und zu entdecken, und ist zu Großem fähig. Das Größte aber ist die Fähigkeit, noch immer in die Knie zu gehen, weil wir erkennen, wie klein wir doch sind angesichts der Größe der Geschichte, des Weltalls und des Schöpfers. Unseren Kommunionkindern haben wir beigebracht, wenn sie vor dem Tabernakel ihre Kniebeuge machen, zu sagen: „Gott, vor dir bin ich klein“ Und in dem Moment, wo sie aufstehen, sprechen sie: „Gott mit dir bin ich groß.“

Gottesfurcht ist eine wunderbare Gabe. Sie transportiert kein angstmachendes Gottesbild als Wächter über alles, was wir tun bei Tag und bei Nacht, eines unbarmherzigen Richters am Ende der Tage. Solche Angst macht eng und klein, letztlich sogar selbst engstirnig. Der Geist aber führt in die Weite des Denkens, aus der die Fähigkeit zur Neugier erst entsteht. Ihr letzter Grund ist die Ehrfurcht, also eine Furcht, die Respekt und Achtung zollt vor dem Fremden und Unvertrauten. Die Psychotherapeutin Angelika Pressler hat darauf hingewiesen, dass diese Ehrfurcht vor dem Fremden genau das Gegenteil ist zur Heidenangst, also der Angst vor fremden Völkern und Denken. Und sie schließt mit der Frage:
„Gottesfurcht oder Heidenangst? Ist die Gabe der Gottesfurcht ein Stück vom Augenlicht Gottes, von seiner Furcht vor Menschen, von ihm, der auch immer der Andere, Fremde, Ferne ist.“

Die Gottesfurcht führt zum Staunen, das zum Wissen antreibt und zugleich Respekt hat vor dem, was wir nicht ergründen und erklären können. Das ist wirklich eine Gabe des Geistes, die wir heute am Pfingstfest erflehen dürfen für eine Welt, die oft genug in Überheblichkeit und Heidenangst zu versinken droht.
Komm, Heiliger Geist, schenke uns deine sieben Gaben. Vor allem aber gibt uns die Gottesfurcht, die uns nicht in Angst versinken lässt, sondern zum, Denken und Erkennen führt. Amen. HHH

Pfingsten_Staunen.pdf

 

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