Predigt 10. Sonntag im Jahreskreis „Wir haben kein Monopol auf Christus“ (Tomáš Halík)

Liebe Schwestern und Brüder

„Wir haben kein Monopol auf Christus!“ – mit dieser provokanten These fasst der tschechische Theologe, Religionssoziologe und Bestsellerautor Tomáš Halík seine Sicht auf die Situation der Kirche nach der Corona-Krise zusammen. Er entfaltet findet sie in seinem Buch „Die Zeit der leeren Kirchen – von der Krise zur Vertiefung des Glaubens“.

Beim ersten Hören wird man zwiespältig reagieren. Natürlich haben wir kein Monopol auf Christus. Er gehört ja nicht uns. Wenn wir das behaupten würden, reduzieren wir ihn auf einen Fetisch. Keiner besitzt Gott – Eine solche Annahme wäre blasphemisch. Andererseits drängt sich in diesem Schlagwort, wenn man den Inhalt des Buches nicht kennt, die verwirrende Annahme auf, dass es für den richtigen Glauben gar nicht darauf ankommt, ob man Christ ist oder nicht. Jeder kann christlich sein, egal ob er zur Kirche gehört oder nicht. Das wäre sehr relativistisch gedacht und ist nicht die Absicht der Aussage von Tomáš Halík.

Es gilt klar zu trennen zwischen der Institution Kirche und dem Glauben an Jesus und damit verbunden einem Leben im Sinne der christlichen Nachfolge. Sichtbare Kirche und Jesus-Glaubende sind längst nicht deckungsgleich. Mancher, der noch zur „offiziellen“ Kirche gehört, zeichnet sich nicht unbedingt durch einen starken Glauben aus, hat vielleicht sogar nur bisher vergessen, aus der Kirche auszutreten. Menschen, die die Kirche verlassen haben, wenden sich nicht automatisch vom Glauben an Jesus Christus und den Prinzipien eines christlichen Lebens ab. Ihr Glaube kann sehr vital sein und ihre Lebenspraxis weit mehr dem Evangelium entsprechen als die eines Hauptamtlichen in der Kirche. Tomáš Halík meint: „Die Menschen werden ja nicht zu Atheisten, wenn sie der Kirche den Rücken kehren. Sie gehen vielmehr auf Distanz zu einer bestimmten Form des Glaubens und zur Institution Kirche. Aber der Glaube an sich ist da, und er ist vital. So wie ein Fluss, der sich seinen Weg sucht, auch jenseits der Kirche.“ (in: Christ in der Gegenwart 21/2021) Seine Position im Blick auf die augenblickliche Krise der Kirche ist durchaus nüchtern, aber nicht pessimistisch, wenn er ausführt: „Wir sind an einem neuen geschichtlichen Kapitel des Glaubens angelangt. In unseren Breiten leeren sich die Kirchen. Die Zahl der Menschen, die sich zum Christentum bekennen, sinkt von Jahr zu Jahr. Die Corona-Pandemie – die Zeit der leeren Kirchen – war in dieser Hinsicht ein prophetisches Warnzeichen. All das darf uns aber nicht zu Hoffnungslosigkeit oder gar Verzweiflung führen. Denn ich bin überzeugt: Es geht nur ein bestimmter Typ des Christentums zu Ende. Auch im Glauben muss etwas sterben, damit es in einer neuen, verwandelten Form auferstehen kann.“ (ebd.) Ich kann seine Theologie der „resurrectio continua“, „der „sich fortsetzenden Auferstehung“, gut als Leitbewegung des Volkes Gottes, der Kirche, verstehen. Immer schon sind Formen der Liturgie, äußere Strukturen, Hierarchien, Rituale und Traditionen untergegangen und neue Wege der Jesus-Nachfolge, die für einen neue Zeit angemessen sind, wurden beschritten. Unsere Bischöfe haben keine weltliche Macht. Sie stehen auch nicht mehr als hohe Beamte im Dienst von Königen und Herrschern. Pfarrer geben die moralischen Bedingungen für das Zusammenleben in unseren Städten und Dörfern schon lange nicht mehr vor. Unsere Liturgiesprache hat den Weg zu den Menschen gefunden. Frauen haben längst schon einen festen Platz im Chorraum. Immer wieder sind dafür zunächst unumstößlich geltenden „Glaubenssätze“ untergegangen, oft aufgrund von veränderten gesellschaftlichen und politischen Bedingungen. Es werden auch in unserer Zeit viele Formen von Kirche-sein, ohne die wir uns im Augenblick Kirche nicht vorstellen können, verschwinden oder sich in eine kaum bemerkbar Nischenexistenz zurückziehen. Ich bin fest überzeugt, dass sich das Verständnis von Hierarchie in unserer Kirche in kürzester Zeit ändern wird. Bischöflicher Hofstaat und Ordinariat sind ja jetzt schon zu Dinosauriern geworden, die die neue Zeit erbarmungslos wegspülen wird. Wir werden noch schmerzlicher mitansehen müssen, wie Orden, die so viel Gutes in unseren Orten getan haben, schrumpfen und manche von ihnen auch nicht mehr überleben werden. Andererseits werden neue geistliche Bewegungen weiterhin Keimzellen eines christlichen Lebensstils bilden. Ganz sicher wird ein bestimmter Typ von Kirche, der über lange Jahrzehnte ein gutes Zuhause für gläubige Menschen war, sich verwandeln, aber die Kirche als Gemeinschaft derer, die sich um Christus, sein Wort und die Sakramente sammeln, wird weiterhin als „ein Leben spendender Fluss“ (Tomáš Halík) das Heil Gottes für die Menschen erfahrbar machen. Vielleicht wird dieser „Fluss“ künftig nicht mehr wie ein mächtiger Strom alle mitreißen, sondern eher in bestimmten Augenblicken aus der Tiefe an die Oberfläche treten, aber er versandet und vertrocknet nicht.

Es wäre die falsche Reaktion auf diese Krise der Kirche, wenn die verbleibenden Mitglieder sich einigeln und vor den anderen Menschen verschließen. Die Kirche wird gebraucht. Menschen suchen gerade angesichts der großen Umbrüche, Schwierigkeiten und den Verlockungen einer Welt, die alles erlaubt und anbietet, nach Halt und verlässlicher Orientierung. Wenn Christen, die noch in der Kirche verbleiben, sich verlieren in Selbstmitleid und Abwehr gegen die übermächtige Welt, dann können sie geistliche Themen, nach denen die Menschen suchen, nicht mehr ins Gespräch bringen.

Die Berufung des Matthäus oder Levi in der Überlieferung der anderen Evangelisten erzählt, wie existentiell einen „außenstehenden“ Menschen das Wort Jesu treffen kann. Es scheint als ob den Zöllner der Ruf Jesu wie aus heiterem Himmel kommend triff, doch wahrscheinlich dürfen wir annehmen, dass er auf diesen Ruf gehofft hat. Matthäus erzählt seine eigene (?) Berufung idealtypisch in Parallele zur Berufung des Abrahams. Gott ruft und der Urvater des Glaubens bricht auf und verlässt alle Sicherheiten. In ähnlicher Weise berichtet das Evangelium heute: „In jener Zeit sah Jesus einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Und Matthäus stand auf und folgte ihm nach.“ Der direkte Verweis auf die erste Lesung aus dem Buch des Propheten Hosea lässt einen größeren Horizont entdecken. Hosea fordert uns auf: „Lasst uns den HERRN erkennen, ja lasst uns nach der Erkenntnis des HERRN jagen“ Auf die Situation des Matthäus am Zoll übertragen können wir sicher sein, dass es bei ihm bereits eine innere Suchbewegung gab und er auf diesen Ruf als letzten Anstoß gewartet hat. An so vielen Stellen, in so vielen Situationen und Lebenslagen hat er den gesucht, der nun, ganz plötzlich, vor ihm stand und sagt: „Folge mir nach“ Wie viele Heilsversprechen hat er schon gehört von charismatischen Populisten, die ihn dazu gebracht haben, mit den Römern zu paktieren, oder aber von fanatischen Kämpfern, die ihn bewegen wollten, aktiv mit Gewalt die fremden Herren aus dem Land zu drängen. Matthäus ist ein Mensch, der sucht. Ob er weiß, wonach er sucht, ist nicht sicher. Vielleicht ist er auch schon so mancher Verheißung vom Glück auf den Leim gegangen und hat alles verloren, so dass er jetzt gezwungen ist, hier am Zoll zu sitzen und einen Job zu erledigen, der ihn zum Außenseiter macht. Das Matthäusevangelium schildert nicht, dass er seine Position missbraucht oder zu seinem Vorteil ausnutzt. Ich denke, ihn zeichnet aus, dass er auf der Suche ist, wie er seinen Beruf, sein Können und Wissen noch sinnvoller einsetzen kann als bisher. Eine Sehnsucht nach „mehr“ und die Frage, wie er aus seinem Leben etwas Sinnvolles machen kann, treiben ihn um. Für fromme Juden, auch im Kreis um Jesus, kommt seine Berufung eher unerwartet und offensichtlich auch unerwünscht. Er wird auch weiterhin ein Grenzgänger bleiben zwischen Juden und Römern, zwischen Frommen und Sündern. Seine Geschichte kann er nicht auslöschen, aber er kann aufzeigen, dass sie nicht allein aus Fehlern besteht, sondern mehr noch aus einer großen Sehnsucht nach Gott und einem Leben, in dem der Glauben vital ist, auch wenn er nicht den offiziellen Richtlinien entspricht.

Papst Franziskus hat einmal gesagt: „Christus klopft heute von innen, er will nach außen gehen – und wir müssen ihm folgen.“ Ich verstehe ihn so, wie es Halík in seiner provozierenden These ausdrückt: Wir können nicht entscheiden, wen Christus ruft oder in wem er uns anspricht. Wenn wir seine Kirche sein wollen, dann gilt es auch unsere inneren geistigen Barrieren und Festlegungen zu überschreiten und den Glauben an ihn in den Menschen zu finden und anzuerkennen, die uns zunächst als fremd erscheinen. Die Sehnsucht nach Gott und dem Evangelium ist groß in den Suchenden und Verwundeten dieser Welt. Die Zukunft der Kirche wird wesentlich davon abhängen, ob wir bereit sind, ihnen offene Türen, offene Herzen und Ohren zu schenken, ihnen zuzuhören und so auch Impulse für unseren Glauben zu bekommen, oder ob wir richten und entscheiden wollen, wer zu Christus gehören darf und wer nicht. Dann kann es uns schnell passieren, dass wir allein, ohne den Herrn, in unseren Kirchen sitzen. Amen. Sven Johannsen, Pfarrer

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