Predigt Heilige Nacht 2023 „Sterne – Das Licht des Himmels auf die Erde bringen“

Liebe Schwestern und Brüder

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmenden Bewunderung und Ehrfurcht…: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir“, musste schon der Philosoph Immnanuel Kant Ende des 18. Jahrhunderts zugeben.

Der Alte von Königsberg war kein verträumter Romantiker, vielmehr der Fackelträger der Aufklärung und Anwalt der Vernunft. Dennoch musste er sich eingestehen: „… ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz.“

Über Ihre moralische Verfasstheit und Festigkeit kann ich nur spekulieren, unterstelle aber mal, dass in dieser Heiligen Nacht allgemein in uns der Wunsch nach dem Guten vorherrscht, aber den „bestirnten Himmel“ über Ihnen kann ich Ihnen heute bieten. In der ganzen Adventszeit haben Menschen jeden Alters für unsere Kirche Sterne gebastelt: Kindergartenkinder, Grundschüler, Familien, aber auch Senioren. Jetzt bildet der Sternenhimmel für die Weihnachtszeit in unserer Kirche die Decke über uns. Große und kleine, einfach bemalte und aufwendig gebastelte, leuchtende und dunkle, weiße und in allen Farben schimmernde – unsere Sterne spiegeln die Wirklichkeit, die wir am Nachthimmel wahrnehmen, treffend wider. So präsentiert sich auch unser Kosmos: Sterne in unserem Weltall sind weit entfernt oder nahe, alt oder jung, leuchten in verschiedenen Farben, zeigen sich heller oder dunkler. Allen Gestirnen aber gelingt der Effekt, den auch ein nüchterner Denker wie Kant nicht entrinnen kann: Sie ziehen unsere Blicke nach oben und lassen uns über uns nachdenken.

Menschen haben sich seit Urzeiten an ihnen orientiert und die Beisetzung ihrer Verstorbenen an ihnen ausgerichtet, haben sie in den Höhlen von Lascaux an die Wände gemalt und wissenschaftlich erforscht. Vor mehr als 6000 Jahren konnten die Astronomen der großen Kulturen in Babylon, Ägypten, China, Südamerika und Griechenland den Lauf der Sterne berechnen, Kalender nach ihnen erstellen, Sonnen- und Mondfinsternisse voraussagen und die besten Zeiten für Aussaat und Ernte bestimmen. Sie haben sie als Orientierungspunkten für Reisende auf Karten festgehalten und als Omen für glückliche oder schwere Zeiten ausgelegt. Immer haben Menschen nicht nur aus rein wissenschaftlichem Interesse in die Sterne geschaut, sondern sie wie Kant mit ihrer Existenz verbunden.

Was sehen Sie, wenn Sie jetzt in den Sternenhimmel über uns schauen?

Helle Lichter an einer sonst eher eintönigen Decke?

Bewegungen und Abwechslung wo sonst nur zweckmäßige Ruhe herrscht?

Oder sehen Sie noch mehr?

Zeichen der Hoffnung am Beginn einer finsteren Nacht? Lichtblicke in einer Welt, die im Dunkel des Chaos zu versinken droht? Einen Geistesblitz in Leere und Orientierungslosigkeit? Ein Aufblitzen der Ewigkeit und Unendlichkeit im eigenen begrenzten und beengten Leben?

Können Sie auch sehen, was der Prophet Jesaia erkennt?

Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf.“

Ich bezweifle, dass seine Zeitgenossen es konnten. Sie sahen nach der Eroberung Jerusalems und der Verschleppung nach Babylon v.a. Gewalt, Krieg und Nacht. Sie steckten in Babylon im Dunkel der Gottesferne und der Verzweiflung wie auf einem Planet, der weit entfernt vom leuchtenden Sonnenstern kreist. Die Verheißung des Jesaja ist keine Beschwichtigung oder Vertröstung. In ihr taucht eine wunderbare Vorstellung auf: Die geschlossene Decke der Finsternis, die fest gewoben scheint aus Unterdrückung, Machtmissbrauch, Ausbeutung, Krieg und Hunger, reißt an einigen Stellen auf, bekommt Löcher und gibt vereinzelt den Blick in den wahren Himmel frei. So deutete man in alten Zeiten das Erscheinen der Sterne. Jesaja vertröstet nicht wie Eltern, die ihrem Kind sagen: „Alles wird gut.“ Er erinnert daran, wie oft Gott schon mächtig in die Geschichte eingegriffen hat, verdichtet in der Formel „wie am Tag von Midian“. Damals standen die Stämme Israels in höchster Bedrohung: Die Midianiter stürmten mit einem großen Heer an, während die Israeliten gerade einmal 300 Verteidiger um den Richter Gideon aufbrachten. Gott selbst wendete die Belagerung ab, ohne auch nur einen einzigen Mensch zu verlieren. Das Loch in der Decke der Finsternis, das Licht, das über dem Volk aufgeht, ist für Jesaja die Zusage Gottes, dass er nicht teilnahmslos und ohne Interesse am Schicksal der Menschen bleibt.

Der Stern, der wie der Stall und die Krippe für uns zu Weihnachten gehört, weist uns über die Grenzen einer kleinen, romantischen Erzählung vom harten Schicksal eines neugeborenen Kindes und seiner Eltern im hintersten Winkel der Welt hinaus und weitet Weihnachten zu einem Fest der Ewigkeit und der Hoffnung.

Nüchtern gesehen sind Sterne lediglich riesige Leuchtkugeln aus heißem Gas. In einer klaren Nacht kann unser Auge gut 3000 Sterne erkennen, aber wir wissen, dass es allein unsere Milchstraße mehr als 100 Milliarden Sterne zählt und es unzählige weitere solcher gut bestirnten Galaxien in unserem Universum gibt. Die biblischen Autoren haben die Sterne schon entzaubert und sie von Göttern, wie sie in vielen alten Kulturen verehrt wurden, abgestuft zu Geschöpfen des einen Gottes, aber sie haben klugerweise ihnen ihre Würde bewahrt, Boten des Unendlichen zu sein. Pater Anselm Grün erinnert daran, dass das lateinische Wort für Sehnsucht „desiderium“ eng zusammenhängt mit dem Begriff für „Sterne“ „sidera“. Sehnsucht meint letztlich, das Licht des Himmels auf die Erde holen. Wenn an Weihnachten der Stern nicht fehlen darf, obwohl er ja erst am Hochfest der Erscheinung des Herrn ausdrücklich erwähnt wird, dann weil an Weihnachten diese Sehnsucht nach dem Licht im Finstern seinen tiefsten Ausdruck bekommt.

Wir wünschen uns Harmonie in der Familie, die wir manchmal mehr schlecht als recht hinbekommen.

Wir wünschen uns das ungetrübte Schöne und schmücken unsere Wohnungen und Häuser, dass sie ein wenig den Glanz des Himmels in unsere kleine Welt tragen.

Wir wünschen uns ein Leben ohne Leid und sind gerade in dieser Zeit besonders offen und sensibel für die Not der Menschen, die hier bei uns in Einsamkeit und Trauer leben oder in der Welt von Katastrophen, Hunger und Krieg belastet werden.

Diese Gefühle kann man als „romantischen Weihnachtskitsch“ kritisieren und verächtlich machen oder aber deuten als das eigentliche Wesen des Menschen, der nicht bestimmt ist, Dunkel auszubreiten, sondern Licht zu bringen. Wir sind von unserem Ursprung her keine Wesen, die sich im Dunkel herumdrücken müssen, sondern die sich ausstrecken nach dem Licht und es auch dem anderen Menschen gönnen. Weihnachten, symbolisiert im Stern, bringt das Besten im Menschen zum Leuchten, leider oft nur für kurze Zeit.

Kunstvoll bringt der Evangelist Lukas heute die Pädagogik Gottes ins Wort, mit er uns im Sinne des Titus-Briefes zu einer Lebensführung erzieht, die dem Ereignis der Heiligen Nacht angemessen ist. Lukas beginnt sein Evangelium mit dem Titel „Augustus“, der „Erhabene“, für Kaisers Octavian. Er ist mächtig, weil er sich über die Menschen erhebt, die auf seinem Teil der Erde leben. Ihm setzt Lukas den Namen „Jesus“ entgegen, „Gott hilft“. Gott ist der Allmächtige, weil er sich hinabbeugen kann zum Menschen. Während der weltliche Machthaber sich zum hellsten Licht am Himmel erheben will, kommt in Jesus Gottes Licht in den hintersten Winkel der Erde. Die Sehnsucht des Menschen nach dem Licht der Unendlichkeit ist nun nicht mehr fern und entrückt, sondern leuchtet mitten in der Welt auf. Baulich haben wir uns diesen Glauben bewahrt in der Tradition, dass wir jede Kirche mit einem Turm versehen. Oft deuten wir es als Fingerzeig in den Himmel, dass die Menschen im alltäglichen Trott und in der Hektik Gott nicht vergessen. Ich finde es ebenso passend in den Kirchtürmen die ausgestreckten Arme der Menschheit zu erkennen, die nach dem Licht des Himmels greift und es auf die Erde holen will.

Für einen geliebten Menschen sind wir bereit alles zu tun. Wir geben einem Stern seinen Namen, ja wir versprechen ihm / ihr sogar die Sterne vom Himmel zu holen. An Weihnachten dürfen wir sehen, dass Gott das schon für uns getan hat. Er hat sein Licht in unserer Mitte entzündet und lässt es leuchten. Seine Liebe zu uns wird Fleisch, lebt unser Leben und zeigt uns, wie wir wirklich sein können, was wir heute an Weihnachten alle sein wollen: Menschlich.

In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk hat der lateinische Patriarch von Jerusalem, Pierbattista Pizzaballa, am gestrigen Samstag mit Bedauern einräumen müssen, dass es ein armes und bescheidenes Weihnachten im Heiligen Land und v.a. in Bethlehem werden wird. Die Ereignisse vom 7. Oktober und die daraus resultierenden Auseinandersetzungen, die Leid und Tod über Israelis und Palästinenser gebracht haben, überschatten zwangsläufig die Feierlichkeiten im Land der Geburt Jesu. Dennoch, so der Patriarch, werden die Christen Weihnachten feiern. Denn man kann es, so Pizzaballa, „nicht nicht machen“. Es wird zwar keinen Weihnachtsbaum geben und die lautstarke Prozession am Beginn der Feierlichkeiten, die von den Pfadfindern mit Dudelsack markant begleitet wurden, entfallen, aber das Fest für die Kinder soll bleiben, denn, so der Kirchenmann, sie haben ein Recht auf Weihnachten. Die Christen in Bethlehem und im Heiligen Land, eine Minderheit von ein Prozent, werden feiern, weil Weihnachten nicht einfach ein Ritual ist, sondern eine Hoffnung weiterträgt. Der Patriarch macht deutlich, dass er wenig Optimismus hat, dass die Situation sich bald bessern wird, aber er hat Hoffnung, dass es noch Raum für das Gute gibt, auch in einer Situation, die so überschattet ist durch Hass und Feindschaft. Dieses Licht der Hoffnung tragen wir Jahr für Jahr in unsere Kirchen als Friedenslicht von Betlehem. Es ist keine große Leuchte, kommt aber von jener Stelle in der Geburtsgrotte, an der der Stern auf dem Boden den Ort der Menschwerdung markiert.

Weihnachten wäre dann Kitsch, wenn wir für ein paar Stunden die Augen vor der Wirklichkeit verschließen und uns alles schön reden wollen. Weihnachten wird dann zur Hoffnung, wenn wir in aller Finsternis überzeugt sind, dass das Licht des Himmels auf unserer dunklen Erde Platz findet, weil Gott sich Raum schafft, auch wenn die Menschen sagen, dass es ihn nicht gibt, wie es die Wirte in jedem Krippenspiel eingestehen müssen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie, wenn Sie in der Weihnachtszeit hier in unsere Kirche kommen oder aber in klaren Nächten den Blick zum Sternenhimmel erheben, diese Hoffnung spüren können: Das Licht des Himmels, der Ewigkeit, der Schönheit, des Friedens ist bereits auf der Erde angekommen und wird einmal das Dunkel vertreiben.


Hier finden Sie Sterne, die die Namen von vielen Menschen tragen und ihre Hoffnungen bewahren. Über uns allen ist das Licht aufgegangen, das leuchten wird, selbst wenn es um uns tiefdunkel wird. Amen. (Sven Johannsen, Lohr)

2023 der bestirnte Himmel über mir