Predigt zum 18. Sonntag im Jahreskreis – …, wollt Ihr ewig leben?

 

Ein gütiges Gesicht hat er wohl gehabt – so wird er zumindest auf den Bildern dargestellt. Die weiße Lockenpracht zierte seinen Kopf, wie es mit den Perücken im Preußen des 18. Jahrhunderts üblich war. Und seinen guten, bis heute noch bekannten Spitznamen hatte er auch schnell weg: Friedrich II. von Preußen – Der Alte Fritz.

Eine Anekdote erzählt, er habe seinen flüchtigen Soldaten in einer Schlacht des Siebenjährigen Krieges im Jahr 1757 nachgerufen:

„Ihr verfluchten Racker, wollt ihr denn ewig leben?“

Auch wenn diese Erzählung für mich ein wenig lustig klingt, bekommt sie in unserer Gegenwart doch eine Aktualität in verschiedenen Bereichen, wo Menschen miteinander im Streit liegen. Gerade auch nach den aktuellen Nachrichten in der vergangenen Woche aus dem Kongo: Dort gab es mehr als 30 Getötete und viele Schwerverletzte nach einem islamistischen Anschlag in einer Kirche im Nordwesten des Landes. Beten wir bitte miteinander heute im Gottesdienst für diese Menschen, die wir zu Recht, aber leider aus einem schlimmen Grund heraus, als Märtyrer bezeichnen dürfen [siehe hierzu: Walter Sánchez Silva, Mehr als 30 Tote bei islamistischem Attentat auf katholische Kirche im Kongo, URL: https://de.catholicnewsagency.com/news/20755/mehr-als-30-tote-bei-islamistischem-attentat-auf-katholische-kirche-im-kongo].

 

Allgemeine Flucht in die Resignation des Lebens ist da oft gar keine schlechte Idee! Die individuelle und persönliche Flucht liegt nahe, wenn es um die Endlichkeit meines eigenen Lebens geht. Das äußere Weglaufen, wie auch die innere Zurückhaltung liegen nahe! Wer möchte schon an seinen eigenen Tod erinnert werden?! Und schon gar nicht möchte ich das in der „Blütezeit“ meines Lebens. Die Reaktion der Soldaten unter dem Alten Fritz ist nachvollziehbar, auch wenn der Ausruf des Alten Fritz wohl eher auf eine humoristische Geschichte hinweist, über die man sich streiten kann. Krieg ist nie eine Lösung und schadet allen Seiten und bringt menschliche Schicksalsschläge mit sich.

Trotzdem bleibt der Inhalt der Frage, nämlich die des andauernden, irdischen Lebens, doch aktuell und zeitlos, wie wir es heute hören: Der Prediger des Königs Salomo nennt diese endliche Existenz „Windhauch“. Etwas, das kurzweilig ist, das sich verflüchtigt. So wie alles Grenzen hat, ist auch mein Leben eingebettet in irdische Schranken, die wir in unserer Sprache Leben und Tod nennen. Ist also das Leben ein „Windhauch“ so gilt es, es in vollen Zügen zu genießen und so zu leben, wie es sich für mich gehört: ein teures Auto und ein großes Haus, immer aktuelle Kleidung – damit ich auch mit der Mode gehe und bei MyStyleRocks fünf Punkte sammeln kann –, den schönsten Haarschnitt oder auch die beste Medizin, damit ich ja uralt werden kann. So schaut für viele Menschen heute wohl ein gelungenes Leben aus.

Dann kommt Gottes mahnende Anrede an den Menschen: „Du Narr!“ (Lk 12,20b) mit dem Zusatz: „Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern.“ Ehrlichere und auf den Boden bringende Worte kann es wohl nicht gebe im Bezug auf die Endlichkeit. Alles, was ich habe, was ich besitze, was ich meine, mir wichtig zu sein, bekommt im Angesicht des Lebens eine wertvolle Bedeutung, im Augenblick des Todes aber, ist es wertlos, denn nichts davon folgt mir nach. Ich darf die Schrifttexte nicht falsch begreifen, denn es geht nicht darum, nichts zu haben und nichts zu genießen. Es geht vielmehr darum, mit meinen Gütern und Habseligkeiten gut umzugehen und zu wissen, dass alles Vergänglich ist. Alles im Leben ist begrenzt – also selbst auch ich!

 

Liebe Schwestern und Brüder in der Hoffnung!

Würde ich nun mit dem Wort „Amen“ beschließen, hätte ich heute eine ziemlich traurige und wenig ermutigende Predigt für Sie gehalten. Das möchte ich natürlich nicht! Alles im Leben ist nicht nur begrenzt, sondern besitzt auch eine Kehrtwende. Ist das Leben ein „Windhauch“ und auch vergänglich, dann ist es der Tod genauso. Wenn es einen gerechten Gott gibt, dann kehrt sich auch der Tod um in sein Gegenteil. Der heilige Apostel Paulus bringt es theologisch auf den Punkt: „Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.“ (Kol 3,3) Darin liegt auch der Schatz des Lebens: Wenn das Leben endlich ist und der Tod vergänglich, gibt es ein Leben bei und mit Gott.

Ich darf erkennen, was mir wichtig ist und was ich wirklich brauche. Da wird sicher zunächst meine Familie sein, meine Ehefrau oder mein Ehemann, selbstverständlich auch meine Kinder und Enkelkinder. Dann gibt es Erinnerungen, die ich nicht vergessen möchte. Und wenn ich dann noch meinen Gott als den Gott des Lebens erkennen kann und nicht als einen Gott des Todes, der das Leben nicht sieht und nicht versteht, habe ich einen wertvollen Schatz für mein Leben entdeckt. Vor diesem Schatz gibt es dann keine Begründung mehr, wegzulaufen. Es heißt eigentlich, ihm nachzujagen und zu ergreifen. Dieser Schatz besteht darin, die Dinge wichtig zu schätzen, die auch wirklich wichtig sind und das andere im Leben so einzuordnen, wie es passt. Ich darf eine Liebe zu meinem Auto haben, aber es ist ein Gebrauchsgegenstand. Der Friseur darf mir immer eine schöne Frisur schneiden; es soll aber nicht in Eitelkeit enden. Gott verlangt das auch nicht, weil er mich ärgern will. Er möchte aber, daß ich nicht nur auf mich schaue, sondern auch meine Mitmenschen im Blick habe. Bin ich nur mit mir beschäftigt und mit meiner Flucht in mich hinein, sehe ich die Bedürfnisse des Anderen nicht mehr klar und eindeutig. Einen Schatz findet man am besten zusammen, denn alleine macht das Gold auch keinen Spaß. Geteilte Freude ist ja schließlich doppelte Freude! Und hast Du schon einmal erlebt, dass eine mit Gold gefüllte Schatztruhe weg gepustet wurde vom Wind? – Eben, das ist unmöglich! Da nützt auch der kleinste Windhauch nichts. Sie bleibt stehen.

Vor diesem Hintergrund darf ich – bildlich, mit etwas Humor und zeitlich zurückversetzt – dem Preußenkönig Friedrich II. zurück antworten:

„König im Überfluß und vergänglicher Mensch, siehst Du den Schatz des Lebens vor Deinen Augen nicht?“

 

Kaplan Tommy Reißig.

Zitat von Friedrich II. von Preußen: Christopher Duffy, Friedrich der Große, Ein Soldatenleben. München 2001.
Bild: vocali einsfünf, in: Pfarrbriefservice.de