Langsam wird mir alles schnuppe!
Liebe Schwestern und Brüder!
Ja, am vergangenen Dienstag- auf Mittwochnacht war mir wirklich alles schnuppe gewesen. Ich habe am Dienstagmorgen im Radio gehört, daß der diesjährige Meteorstrom der Perseiden 2025 auf die kommende Nacht fällt. Kleine Teilchen von Staub verglühen in diesen Nächten am Himmel und wirken für unser menschliches Auge so, als seien sie Sternschnuppen. Und der Mensch freut sich immer wieder, wenn er eine solche sieht, sagt doch der Volksmund, daß ich mir dabei etwas wünschen darf, was in Erfüllung geht. Mir war es tatsächlich schnuppe, denn ich habe keine einzige davon gesehen. Interessant fand ich jedoch die Aussage des Radiomoderators: Diese Nachtphänomene sehen zwar so aus, als ob es sich um riesige Meteore handelt, die verglühen. In Wahrheit sind sie aber oft nur so groß wie eine Erbse. Da war ich schon erstaunt, gebe ich zu!
Das hat mir wieder einmal klar gemacht, daß im Leben und in meinem Denken nicht alles zu eindeutig erscheint, wie ich meine. Furchterregende Ereignisse können beim genaueren Hinsehen, wie auch erst recht in der Rückschau vollkommen anders sein. Und dabei spielt ja die Verarbeitung in meinem Gehirn eine wichtige Rolle, denn es versucht immer wieder, Unerklärliches zu rationalisieren und zu deuten. Das muß nicht immer der Realität entsprechen. Furchtbares kann dann ganz harmlos sein.
Langsam wird mir alles schnuppe!
Ob die Jünger, die Jesus heute zuhören, auch Sternschnuppen im Kopf haben, bezweifle ich. Der sonst so mildgewandte Jesus benutzt jetzt in seiner Botschaft Worte, die Angst einflößen; die beunruhigen; die aber auch in unseren Tagen mit den sozialen Medien eine bittere Wahrheit erhalten. Da ist von „Feuer“ die Rede, das auf die Erde herunterfällt. Da ist von „Spaltung“ die Rede, die den Frieden trübt. Wohlgemerkt nicht von Krieg, sondern von Spaltung als eine Entzweiung. Da spricht Er aber auch von einem Generationenkonflikt. Feindschaft in den Familie und unter Freunden sind vorausgesagt.
Natürlich kann ich sagen: Das ist mir doch alles schnuppe. Christus prophezeit das vor 2.000 Jahren. Die Menschheit in der Vergangenheit Vieles erlebt und durchlitten und mir geht es doch soweit gut. Die Provokation des Evangelienabschnittes ist klar zu erkennen. Aber ist es nicht möglich, daß die Worte Jesu anders erscheinen, als sie auf das erste Hören hin wirken? Ist nicht in dieser Großartigkeit der schlimmen Begriffe ein anderer Sinn dahinter verborgen? Begeben wir uns nun einmal in die Nacht des Verstehens hinaus und schauen, ob wir nicht ein Licht am Ende in diesen Worten erkennen.
Langsam wird mir alles schnuppe!
Mit dem Wort Feuer assoziieren wir eine heiße Atmosphäre, die auch in den Sternschnuppen auftritt; helles Licht, das auch blenden kann und zugleich auch Wärme und Zerstörung. Im biblischen Kontext weißt es aber auf die Kommen des Heiligen Geistes hin. Jesus versucht in Bildern deutlich zu machen, was geschieht. Gottes Geist wird auf die Erde und in die Menschen kommen.
Er sagt aber nicht, daß dieses Gefühl nur schön und angenehm sein wird. Es ist herausfordernd. So wie das physische Feuer unterschiedlich auf den Menschen wirkt, ist es auch mit diesem Geist. Er kann mich dazu ermutigen, mich zu Gott zu bekennen und mit ihm zu leben. Er kann mich auch überfordern, wenn ich es zu schnell mit ihm angehe und gleich das Große will, statt die Realität einzuschätzen.
Ich kenne einige Menschen, die es gut meinen mit dem Glauben. Sie vertiefen sich. Sie wollen mit diesem Gott leben. Aber sie überfordern sich. Der Glaube braucht Zeit, immer und immer wieder. Und er braucht auch Geduld. Genau diese Geduld bringt der Heilige Geist mit sich. Er kennt mich genau; vielleicht sogar noch besser, weil er in mir wohnt durch die Taufe. Er will mich nicht überfordern, aber mein Wille will oft stärker sein.
Dann wird mir das alles schnuppe!
Die Taufe die Jesus erwähnt glüht weiter hinein, als das dreimalige Übergießen mit dem Wasser, das wir aus dem Taufritus kennen. Was wir mit den Augen sehen, weist äußerlich darauf hin, was im Kern des Menschen geschieht: Hineinnahme in die Wolke derjenigen, die ihre Erfahrungen mit Gottes Geist bezeugen [vgl. Hebr 12,1b]. Dieses Zeugnis erfordert Ausdauer von mir, wie der Hebräerbrief meint. Er stellt aber auch klar, daß dieses Leben eine Freude ist! [vgl. Hebr 12,2c] Es wird in dem Moment für mich zur Freude, wenn ich weiß, daß ich durch Jesu Vorbild eine Orientierung habe. Wenn ich spüre, daß ich nie alleine gelassen bin, weil dieser Geist Jesu in mir ist. Wenn ich sehe, daß viele Menschen vor mir, mit mir und nach mir zu der Zeugenschaft gehören.
Der alte Prophet Jeremia hat das als Zeuge erkannt: Er wird ungerecht von seinen Neidern behandelt. Trotzdem gibt es mindestens zweiunddreißig, die ihn retten: Der König, der Kuschiter Ebed-Melech und die dreißig Männer. Das waren keine Angehörigen von ihm; das waren nicht nur Sympathisanten, das waren Freunde, denen sein Leben und sein Glück wichtig waren. Er war ihnen nicht schnuppe. Sie holen ihn von unten aus der Grube hinauf in das Licht. Daran ist bestimmt auch sein Name schuld, Jeremia heißt „Gott erhöht“. Dieser Gott kommt von oben wie eine Sternschnuppe auf die Erde, um den Menschen aus dem Dunklen zu sich in das Licht zu holen. Ich bin Gott nicht schnuppe. Gerade wenn es Nacht um mich wird, kann er als Sternschnuppe für mich leuchten, wenn ich es zulassen möchte.
Mir ist das nicht schnuppe, ob sich Gott für mich interessiert und ob in mir Sein Geist wohnt.
Es ist mir wichtig, damit ich Frieden bringe und keine Spaltung in meiner Umgebung. Damit ich meinen Glauben lebe und nicht in der Überforderung mit diesem Glauben verglühe. Vielleicht hätte ich letzten Dienstag doch vor die Türe gehen sollen, um eine Sternschnuppe zu sehen. Was hätte ich mir wohl gewünscht? – Ein heller, unterstützender Stern für andere zu werden und keiner, dem alles schnuppe ist.
Und was wünschen Sie sich als von Gottes Geist angeleuchteter Stern an diesem Sonntag?
Kaplan Tommy Reißig.
Bild: Barbara Schartz, in: Pfarrbriefservice.de