Erinnern Sie sich noch an die Arztbesuche vor 13 Jahren? Dabei ist es egal, um welchen Arzt es sich handelt.
Ich weiß, daß seit dem schon viel Wasser dem Main hinab geflossen ist. Mir kommt es auch nicht auf einen konkreten Besuch an, sondern auf die damals noch erhobene Praxisgebühr. Von dem Jahr 2004 bis zum Jahr 2012 war es eben für gesetzlich Krankenversicherte üblich, einen Beitrag von 10,00 Euro zu bezahlen, wenn man den Arzt aufsuchte. Nun fordert der Arbeitgeberverband in Deutschland die Wiedereinführung dieser Zahlung. Damit wollen sie erreichen, daß die Krankenversicherungsbeiträge stabil bleiben und der Patient eine Eigenverantwortung entwickelt, mit welchen gesundheitlichen Problemen es notwendig sei, zum Arzt zu gehen und mit welchen nicht. Was Sie davon halten, dürfen Sie gerne für sich selbst entscheiden!
Noch vor einigen Jahrhunderten waren solche Vorstellungen einer Versicherung für Kranke, für die Haftpflicht, für Unfälle oder auch für Schlüssel völlig undenkbar. Damals verließ man sich auf das Wissen und das Glauben „der Alten“ und deren Erfahrungen mit Natur, Vieh und Mensch. Besonders verbreitet waren die sogenannten Bauernregeln, von denen wir heute noch einige kennen. Die Bauernregel für den heutigen Tag, den 24. August, habe ich Euch mitgebracht. Sie lautet schön gereimt:
„Gewitter um Bartholomä, bringen Hagel und Schnee.“
Weil wir heute den Sonntag nach dem liturgischen Kalender feiern, wird der eigentliche Bartholomäustag verdrängt. Der Apostel Bartholomäus, der mit eigentlichem Namen Natanaël heißt, wird von Jesus als ein aufrichtiger Mensch beschrieben [vgl. Joh 1,47]. Die Bauern und Arbeiter in der Landwirtschaft vertrauten darauf, daß dieser Mann, der zu seinen Lebzeiten eine lebendige Beziehung und Freundschaft zu Jesus Christus hat, sie nicht im Stich läßt. Sie vertrauten darauf, daß diese Wettervorhersagen – die sie mit den Heiligentagen in Verbindung bringen – eintreffen würden. Natürlich darf ich als modern denkender Mensch einwenden, daß es sich hierbei um Aberglauben handelt. Doch damals gab es nur eine Versicherung und diese heißt schlicht und einfach: Gott! In allen Lebenslagen, in allem Unerklärlichen, bei allen offenen Fragen, gab es lediglich Ihn als Garant einer Stabilität und einer Zuversicht im Leben.
Die Menschen wollen das erfüllen, was Jesus mir im Evangelium sagen will: Es kommt ein Mann zu ihm, der wissen will, wie viele denn das ewige Leben bekommen, das Christus verheißt. Jesus beantwortet aber die Frage nicht, weil sie falsch gestellt wird. Er wendet den Blick des Mannes nicht auf die anderen, sondern auf sich selbst: Schaue Du, daß Du auf der Erde gut lebst, gut zu anderen Menschen bist und auf Gott vertraust! Schaue nicht auf die anderen in einem egoistischen Sinn! Es geht zuerst um Dich und Deine Lebensversicherung bei Gott. Danach darfst Du schauen, den anderen Menschen zu helfen, an ihr Ziel zu kommen. Das hat nichts mit Arroganz zu tun, sondern mit einer Vorsorge. Und eben diese Vorsorge war es gewesen, die die Bauernregeln erklären wollen. Sie wollen das Leben der Menschen damals einfacher gestalten. Weil sie sich das Gewitter und den Hagel, vielleicht auch den Schnee nicht richtig erklären können, schreiben sie es Gott zu. Was ist falsch aus einer religiösen Sichtweise heraus an diesem Vertrauen?! Ich weiß, daß es den heutigen meteorologischen Aufklärungen nicht mehr entspricht. Zum Glück sind wir da auch weiter gekommen und forschen immer wieder. Aber sind wir auch glücklicher als die Menschen früher? Sind wir wirklich die Ersten bei Gott oder sind wir mit ihnen und den Heiligen nicht die Gleichen vor Ihm?
Gott möchte jeden Menschen um sich herum versammelt und versichert wissen. So drückt es der Prophet Jesaja aus [vgl. Jes 66,18a]. Es soll eine große Vereinigung bei ihm sein, die jeder und jede von uns erreichen kann. Es soll für uns dorthin gehen, wo die Menschen vor unseren Tagen auf uns warten. Die Heiligen, die für diese Menschen vor unserer Zeit, sozusagen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der „Versicherung Gottes“ sind, waren greifbare Vorbilder, nicht nur in den Bauernregeln. Deren Lebensbiografie und Legenden verbinden sich mit den Erfahrungen der Wetterphänomene und konnten so bei der Bestellung der Ländereien unterstützend wirken. Also zieht heute Nachmittag noch ein Gewitter auf, ist es – nach den alten Bauernregeln – durchaus wahrscheinlich, daß uns im Herbst und im Winter Hagel und Schnee begegnen. Das sagt übrigens auch der 100-jährige Kalender für dieses Jahr ab der Zeit des Herbstes voraus. Und Gewitter, Hagel und Schnee im persönlichen Leben kennen nicht nur die Heiligen und die Verstorbenen bei Gott; das kenne auch in ganz genau. Aber da greift dann die Versicherung Gott für mich, die ich mit der Taufe abgeschlossen habe: Ich bin für die da in allen Lebenslagen! Das ist keine Prophezeiung und keine von Menschen gereimte Bauernregel, sondern eine feste Zusage von oben. Dafür brauche ich weder einen Kassenbeitrag, noch eine Praxisgebühr zu bezahlen. Es reicht meine Bemühung, bei Gott mit dem Herzen zu sein. Bemühung, sagt Jesus Christus im Evangelium – keine egoistische in Sicherheit Wiegung. Wir sind immer noch Menschen, die Erfahrungen machen dürfen. Wir sind keine unfehlbaren Versicherungsnehmer.
Aber eine Prophezeiung ab dem heutigen Tag, die mit dem heiligen Bartholomäus verbunden ist, kann ich Ihnen als Prediger jetzt versichern: Heute endet die Schon- und Laichzeit für Fische und nun ist es wieder Brauch, den Fischfang zu eröffnen. In früheren Zeiten begannen die ersten Vorbereitungen für das Weihnachtsfest. Und wenn Sie in ein bis zwei Wochen in die Supermärkte gehen, finden Sie auch dort schon die ersten Vorbereitungen für das Christfest 2025 mit Lebkuchen, Spekulatius und so weiter. Darum gibt es schnöde Bauernregel heute von mir gratis:
„Kalte Winde am Bartholomäustag, der Supermarkt bald Weihnacht hat!“
Das garantiere ich Ihnen, ohne jedwede Praxisgebühr aber mit Gottes Versicherung und mit Bartholomäus Lebenszusage. Amen.
Kaplan Tommy Reißig.
Artikel für die potentielle Praxisgebühr beim Arztbesuch: Arbeitgeberverbände fordern neue Praxisgebühr beim Arztbesuch, o.A., URL: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-08/arbeitgeberverbaende-praxisgebuehr-arztbesuch-forderung [letzter Zugriff: 23.08.2025].
Bild: Christiane Raabe, in: Pfarrbriefservice.de