Das Tuch des Palmsonntag ist noch weiß geblieben, liebe Schwestern und Brüder! Ein paar dunkle Flecken vom Schmutz der Straße sind noch erkennbar, auch wenn die Menschen versucht haben, es ein wenig abzuwischen. Die Unschuldigkeit des Anfangs des Menschen ist noch da, aber leicht fleckig geworden. Manche Flecken sind entstanden, weil ich unachtsam war. Einige wollte ich in das Tuch bringen, damit es etwas „schöner“ aussieht und noch so eintönig weiß ist. Anderer Schmutz wurde mir von außen an und in das Tuch gelegt. Aber es ist fast noch genauso da, wie es bei meinen Anfängen am Palmsonntag und damit am Anfang meines eigenen Lebens war.
1. Das Tischtuch des Altares – Gottes neues Leben ruht auf mir!
Heute nehmen die Jünger das Tuch, so wie es Jesus ihnen im Vorfeld gesagt hat. Sie sollen das Obergemach betreten, den Verantwortlichen darüber informieren, dass der Herr kommt, um das Pessachmahl mit seinen Lieben zu feiern. Die Jünger möchten natürlich, dass es ein schönes Fest wird – immerhin sind sie ja nahe des Tempels in Jerusalem an diesem Donnerstag. Und sie zeigen, dass Christus ein guter Gastgeber ist und bereiten den Tisch vor. Und auf einer gedeckten Tafel gehört nun einmal ein Tischtuch, dass die Feier verschönert und eleganter macht. Dass es mein Tuch ist, das ich kurz nach meiner Geburt bekommen habe, am Palmsonntag auf die Straße gelegt und nun mit ein paar Flecken für das Letzte Abendmahl gegeben habe, stört weder Christus noch die Jünger. Immerhin sind die Zwölf ja selbst ein Teil des großen Tuches, wie auch ich das bin!
Als es Zeit ist und die Jünger bemerken, dass die Stimmung im Abendmahlssaal nicht so erfreulich ist, wie sie es sich vorgestellt haben, nimmt Jesus nach altem Brauch der Hebräer das Brot, spricht das Dank- und Segensgebet und gibt es ihnen mit einem Auftrag. Genauso macht er es auch mit dem Weinkelch. Er deutet das Alte, was gefeiert wird, um in das, was am nächsten Tag geschehen wird. Darum, liebe Schwestern und Brüder, sind wir heute Abend hier und feiern das, was Jesus getan hat. Wir feiern es nicht nach! Wir feiern mit! Heute Abend gilt es nicht, dass das vor 2.000 Jahren geschehen ist, weil Gott heute an mir wirkt! Das neue Leben, das mir am Karfreitag und an Ostern geschenkt wird, ruht bereits auf mir und in mir. Es ist schon grundgelegt, wird mir aber durch Christi Erlösung nicht nur zugesagt, sondern ganz geschenkt.
Das macht Jesus deutlich, sobald er das Brot wieder auf den Tisch legt nach dem Gebet und den Kelch mit Wein daneben. Wenn ich mein Leben mit diesen Tischtuch identifiziere, baut Gott auf der Menschheit, also auf mich, sein Liebeswerk auf. Jesus Christus feiert nicht für sich alleine die Eucharistie, er leidet und stirbt nicht für sich am Kreuz, und er kommt auch nicht in verwandelter Gestalt von den Toten zurück. Das tut er für uns, für uns alle und besonders auch für mich. Das ist Gottes Zusage in dieser ungewissen Nacht und in den folgenden dunklen Tage. Gott will durch mich in der Welt wirken und sie in Seiner Liebe gestalten, heiligen und heilen.
2. Er nahm das Tuch und band es sich um – Ein Faden bin ich!
Diese Teilnahme an Gottes Plan für die Menschen macht Jesus deutlich, wenn er sich das Leinentuch umschürzt. Er zeiht es an, um den wichtigen Dienst der Nächstenliebe zu verdeutlichen. Es ist nicht einfach nur eine Schürze, damit Jesus sich nicht beschmutzt. Betrachte ich mich nun immer noch als ein „Faden“ dieses Tuches, heißt es vielmehr, dass Er mich mit hineinnimmt in das Geschehen der Liebe Gottes.
Genau wie der Apostel Petrus ist es auch für uns unbegreiflich, was Jesus Christus da tut. Er selbst beugt sich hinab. Und das tut Er, weil Er selbst es will! Dieses Dienen an den Anderen soll nicht aufgezwungen sein, sondern freiwillig geschehen. Es nützt weder Gott noch einem anderen Menschen, wenn ich zu etwas gezwungen werde, was ich nicht will. Wenn ich kein Teil dieses Tuches sein will, was Jesus bei der Eucharistie auf dem Altar hat und das, was Er sich nun umgebunden hat, muss ich es nicht. Es ist und bleibt ein Angebot Gottes. Auch Petrus war kurz davor, zu verdeutlichen, dass er das nicht möchte. Aber Jesus erklärt ihm, was er damit bezwecken will. Was Jesus mir Gutes tut im Leben, darf auch ich weiter schenken. Die Vorfreude auf das Osterfest ist schon in mir verwoben., trotz der dunklen Stunden des Leidens und Sterbens, die vor uns liegen.
Es ist aber auch klar, dass nun das weiße Tuch, wiederum fleckig wird. Wir Menschen sind nicht immer sauber. Wir dürfen es aber vor Gott wieder werden. Das Blut, was Mose und die Israeliten an die Türpfosten streichen, scheinen für uns ja „ungewöhnlich“ und „schmutzig“ zu sein. Letztendlich bringt es aber eine Reinheit mit sich: Das Blut steht für das Leben, was uns Menschen in diesen Tagen neu geschenkt wird. Das heißt nicht, dass das Blut nicht mehr weg geht. Es ist ein Zeichen dafür, dass Gott uns, dass er mich wahrnimmt. Es ist rot, wie auch die Liebe Gottes, in die ich als Faden eingebunden sein darf. Und diese rote Farbe, wird morgen Nachmittag dunkler werden.
Haben wir heute Mut dazu, unser eigenes Tuch, das unser Leben ist – egal, ob es viele Flecken, viele rote Punkte oder eine breite weiße Fläche hat – Gott hinzuhalten. Gott weißt es niemals ab! Das beweist das, was Jesus heute Abend tut: Er legt das Brot und stellt den Kelch auf uns nieder, weil er uns mit einbezieht und er bindet uns um, weil wir zu ihm gehören, wenn wir selbst es wollen. Darum lasst uns nun in der Fußwaschung hautnah erleben, wie Christus uns dient. Und lasst uns in Seinem Leib und in Seinem Blut erfahren, wie er sich an uns verschenkt. Seien wir ein Tischtuch für Gottes Plan und Liebe und eine Schürze für Seinen Dienst an allen Menschen!
Fortsetzung folgt…
Kaplan Tommy Reißig.
Bild: Sylvio Krüger, in: Pfarrbriefservice.de