Predigt zum Passionssonntag 2026 – Auf das Herz nur alleine kommt es nicht an!

 

Es fehlt das Herz! – Ja, es fehlt das Herz!

Dieser kurze Satz, der jedoch sehr prägnant und einprägsam ist, stammt von dem verstorbenen Papst Franziskus I. In seiner vierten Enzyklika „Dilexit nos“ – also „Er hat uns geliebt“ – beklagt er die Oberflächlichkeiten im Leben, die uns begegnen und die von uns ausgehen. Zu viele Einflüsse, die wir zuerst für gut und hilfreich erachten, können ent-menschlichend wirken!

Anstatt einem guten Freund zu helfen, die Hausaufgabe zu verstehen, stütze ich auf die Künstliche Intelligenz. Einen Nachbarn auf der Straße zu grüßen, ist das, was die Großeltern noch gemacht haben. Wenn ich etwas möchte, schreibe ich eine Nachricht auf Signal; eine E-Mail dauert zu lange und ein Brief – da weiß ich ja gar nicht mehr, wie die offiziele Grußformel am Anfang und am Ende lauten… Es fehlt einfach das Herz im Hintergrund…

Aber alleine auf das Herz kann es ja nicht ankommen! Wenn mich mein Hausarzt untersucht, wird er mir sagen: Ihr Herz ist doch am linken Fleck. Dort wo es hingehört. Und sollte jemand zu mir sagen: Naja, an Liebe kannst Du auch etwas zunehmen an Gefühlen oder Einsichten, dann kann es das nicht sein, was der verstorbene Papst meint. Es muss in Herzensdingen noch um etwas anderes, um etwas tiefgreifenderes gehen. Aber was kann das nur sein…?

Drei Hinweise geben uns heute die biblischen Texte, was dabei noch fehlt. 1. Das „echte“ Herz kommt von außen und nicht von innen. 2. In meinem Herzen darf jemand geliebtes wohnen, um es auszufüllen. 3. Weinen darf aus Liebe erlaubt sein. Diese drei Aspekte möchte ich gerne mit Ihnen betrachten.

 

1. Das „echte“ Herz:

Ein solches Herz kann nicht rein biologisch sein. Wenn Gott durch seinen Propheten Ezechiel verkündet, dass er unsere Gräber sprengen wird, meint er nicht, dass mein Stein auf dem Friedhof in sich zusammenfällt. Es heißt aber, dass meine passive Haltung zu Ende geht. Ich selbst muss und darf mich befreien von allem, was mich hindert und stört, ein Leben mit Gott zu führen, das mich erfüllt. Gott handelt in diesem Wort Ezechiels an mir. Er tut durch Seinen Geist etwas mit mir und von außen in mir.

 

2. Ein jemand darf bei mir im Herzen Platz haben:

Dieser jemand, der in mir wohnt, muss mich im Leben voran treiben. Es geht nicht darum, morgen alles besser zu machen. Übermorgen perfekt zu sein. Nach der Fastenzeit ein anderer Mensch zu werden. Es geht aber darum, mit Gott an meiner Seite das Leben zu gestalten. Wenn ich die Gebote Gottes ernst nehme, dann schade ich wieder Ihm, noch einem anderen Menschen, noch mir willentlich. Gott will mich führen und leiten. Es geht nicht darum, ein anderer Mensch zu sein, sonder derjenige, der ich bin, darf sich an der Frohen Botschaft ausrichten.

 

3. Weinen ist wichtig:

Für die Jünger und alle, die um Lazarus trauern, muss es unverständlich gewesen sein, dass Jesus um ihn weint. Zu einem weil sie darauf vertrauten, dass Jesus doch schon zu Lazarus` Lebzeiten hätte helfen können. Und zum anderen dass er anscheinend doch nicht so ein Vertrauen in Gott setzen könnte, wenn er um einen Toten weint. Dabei erfüllt Jesus genau das, was die Lesungen sagen: Er beweist, dass er als Mensch aus Fleisch und Blut um Lazarus weint, weil er liebt. Er liebt einen Menschen wie ein Mensch; deshalb weint er. Und weil der Geist Gottes auf ihm ruht, weint er, weil es soweit in der Heilsgeschichte kommen musste, dass der Mensch irdischer Natur stirbt. Das ist nicht in Gottes Sinn gewesen!

In seiner Frage, wo er bestattet wurde, beweist Jesus Christus, dass Lazarus, der stellvertretend für uns alle steht, in Gottes Herzen wohnt. Ich habe Platz bei Gott. Bei Ihm gibt es keine dunkle Grube mehr, in der mich die Menschen hineinlegen. Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, wenn ein biologisches Herz aufhört zu schlagen, ich mit dem Menschen auch dieses Herz begrabe. Das ist der Lauf der Zeit! Aber diese Zeit durchbricht Jesus mit seinem Wunder. Lazarus kommt zurück in das irdische Leben; er ist ein Mensch wie zuvor. Er bleibt auch der gleiche Mensch. Weil aber Christus an ihm gehandelt hat, ist er von außen innerlich verwandelt worden. Das war eine Liebestat Gottes an der Menschheit.

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Das ist der Kern des heutigen Passionssonntages. Ich darf ein Herz in mir haben, dass nicht nur schlägt, das nicht nur innerlich liebt. Diese Liebe ist nicht vollkommen, wenn sie nicht von Gott her geprägt ist und wenn sie nicht gelebt wird. Liebe alleine kann tot sein. Eine gute Tat aus ihr heraus, wird lebendig und bleibt lebendig. Und Gott ruft mir jeden Tag aufs Neue zu: „Komm heraus!“ [vgl. Joh 11, 43c]. Und dieses Wort des Herrn ist individuell, weil die Liebe verschiedene Wege geht und weil eine Liebestat so unterschiedlich ist, wie es Menschen gibt.

Welches Wort brauchen Sie heute, dass Sie herausruft? – Und wenn Sie dieses Wort gefunden habe, rufen Sie es jemand anderen zu oder finden Sie den Satz, den er oder sie gerade jetzt braucht. Das ist eine wahre Liebestat, die jeder Mensch verdient hat, der auf der Suche nach Gott ist. Denn dann heißt es nicht mehr: Er oder sie ist tot, wie Lazarus! Denn dann lautet es: Löst die inneren und die äußeren Fesseln dieses Menschen und lasst ihn weggehen zu seinem Gott [vgl. Joh 11,44ef]. Denn er hat sein Herz wiedergefunden.

 

Kaplan Tommy Reißig.

 

Bild: Hélder Carvalho (Kunstwerk) / Peter Weidemann (Foto), in: Pfarrbriefservice.de